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Meinung

Teenie lässt sich Chromosom tätowieren – aus Solidarität zum "Downie-Bruder"

Geschwister mit Down-Syndrom sind wie andere Geschwister: Man liebt sich und man streitet sich auch mal. Und doch ist die Beziehung noch etwas mehr, etwas intensiver. Das zeigen ein Junge, sein Tattoo und die Reaktionen darauf. Ein Grund, mal in uns zu gehen.

Twitter-User zeigt ein Bild von seinem Chromosom-Tattoo

Twitter-User Eric Anderson postete sein neustes Tattoo: ein Chromosom. Für die Solidarität zu seinem Bruder erhielt er knapp 300.000 Likes und 52.000 Retweets.

Das "kleine Extra" wird es bei Menschen mit Down-Syndrom häufig genannt: das dreifache Vorkommen des 21. Chromosoms. Um mit seinem Bruder, der mit dem Down-Syndrom zur Welt kam, gleichzuziehen, hat sich Twitter-User Eric Anderson ein Chromosom auf seinen Rücken tätowieren lassen und Bilder davon veröffentlicht. Seine Solidaritätsaktion fand immensen Zuspruch bei Twitter und zog etliche Postings nach sich: Gerührte und begeisterte User schickten Fotos von sich und ihren Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern mit Down-Syndrom. Und alle waren sich einig: Sie möchten niemals auf diese wunderbaren Menschen verzichten.



Wenn der Einsatz der Pränataldiagnostik sich jedoch so weiterentwickelt wie in den vergangenen Jahren, wird es in naher Zukunft keine Menschen mit  mehr geben. Das "kleine Extra" wird lediglich von jenen gefeiert, die schon einmal Kontakt zu Menschen mit Trisomie 21 hatten. In der medizinischen Wissenschaft gilt die Genmutation als Grund für eine Abtreibung. Nach Schätzung von Experten lassen neun von zehn deutsche Schwangere bei der Diagnose einen Abbruch vornehmen.

Island treibt nahezu alle Kinder mit Down-Syndrom ab

In Island geht man noch gründlicher vor: Weil dort fast alle Mütter in der Schwangerschaft Untersuchungen vornehmen lassen, durch die Trisomie 21 nachgewiesen werden kann, kommen jährlich maximal ein oder zwei Kinder mit Down-Syndrom zur Welt – bei einer Population von rund 330.000 Isländern. Der amerikanische Sender CBS berichtete mit einem Video unter dem Titel "Islands Down-Syndrom-Dilemma" darüber. Im einzigen Krankenhaus des Landes in Reykjavík erkennt das Personal das Dilemma: Einerseits lenkt bereits das Angebot einer Voruntersuchung die Entscheidung der Eltern in eine gewisse Richtung, andererseits könnten Eltern nach der Geburt berechtigt fragen, warum ihnen nie eine Voruntersuchung offeriert wurde.

In Deutschland sehen die Zahlen nicht viel besser aus: Nur 600 bis 700 Geburten pro Jahr bringen ein Baby mit Down-Syndrom hervor, wie "Spiegel Online" berichtet.

Wie sehr wollen wir "optimieren"?

Sich bei einem Kind mit Down-Syndrom für eine Abtreibung zu entscheiden, ist nicht immer ein egoistisches Motiv der werdenden Eltern. Wie stark das Extra- den Menschen einschränkt, kann sehr unterschiedlich aufallen. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Herz- und Darm-Fehlbildungen, Gehör- und Seh-Einschränkungen sowie für ein schwächeres Immunsystem. Natürlich kann es auch passieren, dass schwere geistige Behinderungen vorkommen, bei denen Therapien nicht viel bewirken können. Daher machen sich werdende Eltern Sorgen um die Gesundheit ihres Kindes. Die meisten Begleiterscheinungen können inzwischen jedoch durch frühzeitige Förderung verringert werden, sodass für viele Kinder eine große Chance auf ein selbstständiges Leben im späteren Alltag besteht. 

Mehr Vertrauen in die Aussagen von Menschen mit persönlichen Erfahrungen sollten uns ein Vorbild sein. Das "Anderssein" von "Downies" wird von ihnen stets als eine vorbildhafte Erfahrung geschildert, die ihr Leben bereichert. Wenn wir uns die Möglichkeit nehmen, diese Erfahrung zu machen, wird die Welt nicht nur um ein kleines Extra ärmer, sondern auch um den Mut zu einer integrativen Gesellschaft, in der nicht ein Ei dem anderen gleicht.

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