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Transsexualität: Ein ganzer Mann

Wenn das Leben richtig scheint und sich trotzdem so falsch anfühlt, ist man dann verrückt? Lange dachte Gloria genau das. Bis sie begriff, dass sie eigentlich Egon ist.

Von Christine Zerwes

Egon hat sich die Brüste abnehmen lassen. Die Narben erinnern an sein Leben als Gloria - als Frau, das er fast vier Jahrzehnte lang führte.

Egon hat sich die Brüste abnehmen lassen. Die Narben erinnern an sein Leben als Gloria - als Frau, das er fast vier Jahrzehnte lang führte.

Mit 38 Jahren glaubte Gloria, sie verdiene den . Schuldgefühle trieben sie fast in den Wahnsinn. Sie erwachte morgens, den schlafenden Ehemann neben sich, und dachte: "Es ist meine Schuld, dass ich so unglücklich bin. Ich, die alles hat: zwei wundervolle Kinder, einen liebenden Mann, meinen Traumberuf." Etwas stimmte nicht mit ihr, etwas war falsch, es gab keine andere Erklärung. Und eigentlich hatte sie das immer gewusst.

Gloria begann zu trinken, morgens schon, damit sie durchhielt. Sie musste sich um die auf dem Bauernhof kümmern, den sie zusammen mit ihrem Mann betrieb, und um ihre beiden Kinder, Pietro und Viola. Sie wollte eine gute Frau sein, eine gute Mutter. Jeden Tag fiel es ihr schwerer. Bis alles in ihr explodierte und Egon wieder in ihr Leben trat, ihr Alter Ego.

Bei einem Sommerfest verkauft Egon Übriggebliebenes aus einer anderen Zeit

Bei einem Sommerfest verkauft Egon Übriggebliebenes aus einer anderen Zeit

Vier Jahre später gibt es Gloria nicht mehr. Egon steht zwischen Tomaten- und Auberginenpflanzen in den "Orti urbani", den Stadtgärten seiner Heimatstadt . Einst lag das Land hier brach, nun besetzen Hobbygärtner die sechs Hektar große Fläche. Heute ist Spätsommerfest, es wird diskutiert, gegrillt und getrommelt. Manche haben kleine Stände aufgebaut, verkaufen Taschen und Kleider. Auf Egons Klapptisch liegen Broschüren, "Gleichheit aller Spezies" steht auf der einen, "Vereinigung transsexueller Eltern" auf einer anderen. Daneben, auf einer Decke am Boden, hat er Überbleibsel seines alten Lebens ausgebreitet: T-Shirts, beigefarbene Schnallenpumps, violette Ballerinas. "Die habe ich mal getragen", sagt er und grinst. Wer nicht weiß, dass Egon noch vor ein paar Jahren Gloria war, sieht einen Mann Anfang 40, nicht groß und mit zarten Händen. Er hat ein schwarzes T-Shirt an; "Aus der Nähe ist niemand normal" steht auf Italienisch darauf. Über die Knie schlabbert eine karierte Hose, die Füße stecken in blauen Schnürschuhen, Größe 38. Am Kinn sprießen Bartstoppeln, Arme und Beine sind behaart. Er trägt die dunklen Haare kurz, die Strähnen in der Stirn etwas länger. Nur die Stimme gleitet noch ab und zu in eine höhere Lage, kiekst am Anfang des Satzes, bis sie sich etwas tiefer einpendelt. Es klingt, als wäre er im Stimmbruch.

Es war ein bisschen wie Selbstmord, bei dem man am Leben bleibt

Keine Rituale

"Um meine Stimme hat es mir wirklich leidgetan", erzählt Egon. Ein wunderbarer Sopran sei das gewesen, so gern habe er gesungen. Er habe überlegt, sie aufzuzeichnen, um sie sich später anhören zu können. Auch über einen kleinen Altar mit alten Bildern habe er nachgedacht. Rituale, um Abschied zu nehmen von Gloria, dem früheren Ich. "Es war ein bisschen wie Selbstmord, bei dem man am Leben bleibt", sagt er. "Ich musste einen Teil von mir töten, und natürlich habe ich um ihn getrauert." Weit weg sind diese Gedanken nun, Egon hat keine Bilder mehr von Gloria.

Schon als kleines Mädchen stellte Gloria sich beim Reiten vor, als Ritter durch die Lande zu ziehen. Sie wollte nie Prinzessin oder Ballerina sein. Sie spielte mit Autos statt mit Puppen. Wenn die Mutter ihr ein Kleid mit Schleifen und Rüschen anzog, schrie Gloria vor Wut. Auch damals gab es Egon schon. So nannte Gloria ihr männliches Wesen, in das sie immer wieder schlüpfte, das sie aber vor allen anderen geheim hielt - sie war sicher, dass es nicht richtig war, was da in ihrem Kopf vorging. Ein Gedanke, der sie begleitete, Jahre, Jahrzehnte. 38 musste sie werden, um zu erkennen, dass sie transsexuell ist. Dass sie schon immer ein Mann sein wollte. Dass das Gefühl, "falsch" zu sein, damit zusammenhing, dass sie im falschen Körper lebte.

Schon als Kind ist Gloria anders

Gloria wächst in einer klassischen italienischen Familie im toskanischen Livorno auf. Der Vater verdient das Geld, die Mutter kümmert sich um die drei Töchter. Ihr Vater hat klare Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat, feminin, sanft, still. Gloria, die Zweitgeborene, fühlt schon als Kind, dass sie anders ist. "Wie gehst du? Wie sprichst du? Setz dich anders hin! Du wirkst wie ein Rugbyspieler." Das sind die Sprüche, die sie zu hören bekommt. Sie kann sie nicht einordnen. Gloria denkt nur: "Ich bin kein rechtes Mädchen."

Auf dem Gymnasium verliebt sie sich in eine Klassenkameradin - aber auch manche Jungs gefallen ihr gut. "Ich bin bisexuell", folgert sie. Das macht ihr Angst. Homosexuell, schlimm genug, aber sich von beiden Geschlechtern angezogen fühlen? Das ist doch verrückt! In der Pubertät, als ihre Brüste wachsen, steht Gloria vor dem Spiegel und überlegt, wie schön sie ohne aussähe. Doch nie denkt sie: "Die müssen weg, ich will ein Mann sein." Von Transsexualität hat sie noch nicht mal gehört. Die Komplexe, die sie wegen ihres Körpers hat, schiebt sie auf diese Phase des Lebens, so geht es doch allen in dem Alter. Es ist eine harte Zeit, sie rebelliert, prügelt sich mit den Jungs, legt sich mit den Lehrern an. Nur ihre Noten sind immer ausgezeichnet.

Ihre erste Beziehung führt Gloria mit einem Mann, vier Jahre lang, während des Philosophiestudiums in . Manchmal schminkt sie ihn, verkleidet ihn als Frau. Er lässt sie gewähren. Später hat sie auch Freundinnen, sie selbst kleidet sich betont maskulin. Einmal, Gloria ist 24, fragt die Oma: "Kind, du siehst aus wie ein Mann, nimmst du etwa Hormone?" Gloria ist überrascht. Natürlich nimmt sie keine, sie weiß gar nicht, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Außenwelt und Gefühle passen nicht zusammen

Wenn sie nicht im Hörsaal sitzt, trainiert Gloria Pferde und gibt Reitstunden - die Tiere sind ihre große Leidenschaft. Nach dem Uni-Abschluss macht sie den Nebenjob zum Beruf. So lernt sie ihren späteren Mann kennen, sie arbeiten zusammen in seinem Reitstall. Er ist zehn Jahre jünger, gerade 20, und eines Tages gesteht er Gloria seine Liebe. Sie ist überrascht, aber sie lässt sich darauf ein, sie ist gern mit ihm zusammen, verliebt sich mehr und mehr. Das Gefühl der Stabilität, das er in ihr Leben bringt, gefällt ihr, sie braucht es; noch immer fühlt sie sich getrieben und unsicher, ohne zu wissen, warum.

Nach einem Jahr kommt Pietro zur Welt. Und obwohl sie nie heiraten wollte, denkt Gloria: Jetzt ist es richtig, vor allem für das Kind. Nach drei weiteren Jahren wird Viola geboren. Alles ist doch, wie es sein soll, wie es sich gehört. Nur Glorias Gefühle passen nicht zu diesem perfekten Leben.

Sie fühlt sich eingesperrt. Ihr Mann ist eifersüchtig, hadert mit ihrer Vergangenheit. Besonders damit, dass sie früher auch Beziehungen mit Frauen geführt hat. Er hält alte Freunde von ihr fern, verbietet, dass sie Gloria besuchen. Sie hat Angst, will ihren Mann nicht verärgern. Aber mehr und mehr wird ihr klar, wie sehr er versucht, sie zu ändern. Spürt er, dass sie ihm entgleitet? Gloria flüchtet sich zurück in ihre Fantasiewelt, wie damals als kleines Mädchen. Nur jetzt ist es kein Spiel mehr. Egon ist stärker als früher. Er drängt hinaus, und sie kann ihn nicht länger verbergen. Gloria beginnt zu recherchieren - die Erkenntnis trifft sie wie ein Schlag: Ich bin transsexuell. Dann das Trinken, die Selbstmordgedanken.

Glorias Mann ist verletzt

Als Glorias Leben auf der Kippe steht, hat sie plötzlich Mitleid mit Egon, den sie schon als Kind kannte. "Ich kann doch nicht auch ihn töten, er durfte noch gar nicht leben." Auf einem Wochenendtrip gesteht sie ihrem Mann alles. Sagt ihm, dass sie so nicht weiterleben kann. Und dass sie keine Frau mehr sein will. Er hört ihr zu. Zu den ersten Beratungsgesprächen in Florenz begleitet er sie. Doch als er merkt, dass diese Leute seine Frau nicht heilen wollen, damit sie wird wie früher, dass sie ihr, im Gegenteil, helfen, ein Mann zu werden, weiß er: "Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein, ich bin hetero." Aber er sagt auch: "Ich bin dein bester Freund." Beide glauben, dass sie sich im Guten trennen und einander trotzdem Partner sein können. Nur wenig später merken sie: Sie haben sich geirrt.

Als Gloria anfängt, Hormone zu nehmen, sich zu verändern, die Brüste mit Bandagen wegzubinden, sich Egon zu nennen, schlägt die Stimmung um. Ihr Mann ist verletzt, die Trennung wird zum Rosenkrieg, am Ende flieht Gloria. Ihr bisheriges Leben, Familie, Beruf, alles löst sich auf. Aber sie hat keine Wahl: Gloria muss verschwinden, damit Egon leben kann.

Über den besetzten Gärten geht die Sonne unter, Zeit für das Abendessen. Egons Lebensgefährtin Michela hat den ganzen Tag gekocht; vegan, so wie Egon und sie es mögen: Couscous mit Gemüse, Seitan-Curry, Karottenauflauf. Beide sind leidenschaftliche Tierschützer, Egon reitet nicht einmal mehr, die Pferde würden darunter leiden, sagt er. Freunde haben Michela und Egon einander vorgestellt, im Sommer vor zwei Jahren. Die beiden wussten sofort, dass sie zusammengehören. Auch Michela ist transsexuell, sie geht den umgekehrten Weg, vom Mann zur Frau.

Vegan feiern: Bei einem Sommerfest in der Nachbarschaft gibt Egon fleisch und milchfreies Essen aus. Seine Lebensgefährtin  Michela hat es zubereitet, beide sind leidenschaftliche Tierschützer

Vegan feiern: Bei einem Sommerfest in der Nachbarschaft gibt Egon fleisch und milchfreies Essen aus. Seine Lebensgefährtin Michela hat es zubereitet, beide sind leidenschaftliche Tierschützer

Auf einem Tisch breiten die zwei ihre Speisen aus. Hinter ihnen steht ein großer Grill mit Bratwürsten und Steaks. Ein muskulöser Mann mit Tattoos auf dem freien Oberkörper tritt zu Egon und fährt ihn an: Warum er seine Sachen hier hinstelle, das sei der Tisch für das Fleisch, kein Platz für Beilagen. Egon schreit nicht zurück. Sie stehen sich gegenüber, der Tätowierte mit der Grillzange, eine Hand in die Hüfte gestemmt, und Egon, der nachdenklich den Kopf schief legt. Dann stellt er ohne Eile seine veganen Platten auf den Nebentisch.

Platzhirschgehabe, Männer, die Fleisch grillen - Egon interessiert das nicht. Vorallem in Italien gelten Veganer als weich und unmännlich. "Aber es ging mir nie darum, mich einem archaischen Männerbild anzugleichen", sagt er. "Ich hätte nicht mal unbedingt behaarte Beine gebraucht - schön habe ich das eigentlich nie gefunden." Doch die Äußerlichkeiten sind nötig, um ihn in den Augen der Gesellschaft als Mann zu kennzeichnen. "Für einen Transsexuellen ist es das Wichtigste, dass die Welt ihn als das wahrnimmt, was er sein will", sagt Egon. "Es bringt mir nichts, wenn ich mich als Mann fühle, aber optisch nicht als Mann durchgehe." Auf einer einsamen Insel, ohne gesellschaftliche Normen, wer weiß, ob Egon die Veränderungen gebraucht hätte? Die Bartstoppeln, die Haare. Auch seine Brüste hat er sich abnehmen lassen. All das hat ihn seinem Ziel entscheidend nähergebracht: Wenn er nun in einen Laden geht, wird er als Mann begrüßt. Und das macht ihn glücklich.

Egon mit seiner Mama Anna Carla. Sie weint noch immer, wenn sie von der "verlorenen Tochter" spricht.

Egon mit seiner Mama Anna Carla. Sie weint noch immer, wenn sie von der "verlorenen Tochter" spricht.

Das aber ist es, was die Menschen in seiner Familie - Mutter, Vater, die Schwestern, der Exmann, die Schwiegermutter - nicht verstehen wollen. Immer wieder haben sie ihm vorgeschlagen, er solle doch wenigstens zu Hause wie eine Frau herumlaufen. Oder eben in einer lesbischen Beziehung leben. Alles wäre besser als das, was er ihrer Gloria angetan hat. Vor drei Jahren, als die Entscheidung für ihn schon feststand, brachte er seine Mutter Anna Carla abends nach Hause, und sie fragte: "Gloria, heckst du irgendeinen Blödsinn aus?" Sie hatte die Spannung zwischen den Ehepartnern gespürt. Als die Tochter ihr erzählte, was für einen Blödsinn sie wirklich im Sinn habe, brach die Mutter zusammen.

Es schien mir das Schlimmste, was mir hätte passieren können

Anna Carla erinnert sich noch gut. Sie sitzt in ihrer Küche, Tränen rollen über ihre Wangen. "Warum mir?, habe ich gedacht. Es schien mir das Schlimmste, was mir hätte passieren können." Sie klopft Egon auf den Schenkel, eine Geste irgendwo zwischen Zuneigung und wütendem Klaps. Egon sieht auf den Boden und zwingt sich zu einem Lächeln. Er sieht müde aus, diese Sprüche hat er sich schon oft anhören müssen. Ein Jahr lang habe ihn seine Mutter vollgeheult, dass er ihr das Töchterchen wegnehme, dass er Gloria töte. "Sie hat nicht verstanden, dass ich, der Mensch, ihr Kind, vor ihr stehe und diesen Weg einfach gehen muss." Dabei sei Egon doch schon immer ein Teil von Gloria. "Aber ich kannte ihn nicht", sagt Anna Carla leise.

Die Mutter versucht, zu verstehen

Die Familie hat den Schock über die Verwandlung von Gloria zu Egon nicht verwunden. Und dann auch noch diese transsexuelle Frau an seiner Seite! Der Vater nennt Michela abfällig "die Gouvernante" und untersagt, dass Egon sie an Weihnachten oder Ostern mitbringt. Zumindest Anna Carla hat Egons neue Lebensgefährtin inzwischen akzeptiert, mag sie sogar, wie sie beteuert. Auch weil die sich so liebevoll um Egons Kinder kümmert, Pietro und Viola. Die beiden sind jetzt neun und sechs Jahre alt und die Hälfte der Woche bei ihnen. Anna Carla hat viel gelesen zum Thema Transsexualität. Sie versucht zu verstehen, für Egon da zu sein. "Wenn ich, seine Mama, ihn nicht akzeptiere, wer denn dann?" Doch es ist schwer. Immer wieder rutscht Anna Carla ein "sie" heraus. "Er, sie, wie auch immer ich das jetzt ausdrücken soll", sagt sie trotzig. Nach wie vor kann sie nicht fassen, dass dieser Egon ihr die Tochter genommen hat. Und überhaupt, Egon, was ist das für ein Name? "Nie werde ich dich so nennen."

"Nenn mich, wie du willst, Mama."

"Mein kleines, rosafarbenes Mädchen." Tränen steigen wieder in ihre Augen.

Der Vater nicht

Der Vater spricht bis heute kein Wort mit Egon. "Er kann es einfach nicht verstehen", sagt Anna Carla. "Wir sind eine andere Generation. Als wir aufwuchsen, wussten wir noch nicht mal, dass es Homosexuelle gibt." Nur ruhig bleiben, Geduld, Geduld, es wird schon noch, wiederholt sie immer wieder. Sie leidet darunter, dass ihr Mann sich so abwendet. "Wenn es mich nicht gäbe, wäre Gloria für ihn wahrscheinlich tot", sagt sie. Immerhin, der Vater hat Egon einen Job in seinem Laden gegeben; sie verkaufen Accessoires für Autos. Als Egon seinen Mann verließ, verlor er auch seine Arbeit auf dem Hof, die er so sehr liebte. Eine neue zu finden ist schwierig, Egon ist laut Pass immer noch eine Frau. Wenn ein möglicher Arbeitgeber das sieht, ist die Stelle plötzlich vergeben. "In Italien darf man in den Papieren meist erst das Geschlecht wechseln, wenn man sich sterilisieren und am besten auch gleich ein neues Geschlechtsteil machen lässt", erklärt Egon. Das liege im Ermessen der Richter. Aber er will sich dazu nicht zwingen lassen, die Operation ist kompliziert, und niemand weiß, ob man danach noch ein befriedigendes Sexleben haben kann. "Klar, wenn eine Fee mir einen Wunsch erfüllte, würde ich mir einen perfekten, funktionierenden Penis wünschen", sagt er. Aber er brauche keinen, um sich als Mann zu fühlen.

Vor einiger Zeit war Egon bei einem Vortrag in einer Schule zum Thema Transsexualität - und weinte bitterlich. "Ich dachte plötzlich: Wenn es damals solche Vorträge an meiner Schule gegeben hätte, wie anders hätte mein Leben sein können?" Aber wahrscheinlich gäbe es heute nicht diese zwei wunderbaren Kinder, hätte er sich schon mit 20 für das Mannsein entschieden. Das will und kann er sich gar nicht vorstellen.

Die Enkelkinder. Sie machen Oma Anna Carla die größten Sorgen. Dass sie leiden, Schaden nehmen könnten wegen der Verwandlung ihrer Mama. Ständig wiederholt sie diese Angst. Egon schweigt. Er kennt dieses Lied auswendig.

Egon mit seinen Kindern Viola und Pietro

Egon mit seinen Kindern Viola und Pietro

"Natürlich mache ich mir diese Sorgen auch", sagt er später in seiner Wohnung. "Meine Familie erinnert mich immer wieder daran." Sie werde ihm nie verzeihen, dass er in seinem Zustand Kinder bekommen habe, hielt ihm die Mutter einmal vor. Die Kinder werden Drogen nehmen, weil sie das nicht verkraften, setzte eine der Schwestern nach. Es gab Momente, in denen Egon so einsam war, dass er nicht mehr weiterwusste. Besonders am Anfang seines Weges, als er mit der Hormontherapie begann. Es war die Zeit, in der Egon die Fotografin Sara Casna kennenlernte. Die beiden mochten sich auf Anhieb. Ob sie seine Geschichte nicht dokumentieren wolle, habe Egon sie gefragt, erzählt Sara. So begann sie, ihn immer wieder zu fotografieren. Zwei Jahre lang.

Es gab sehr dunkle Zeiten. Egon fiel in schwere Depressionen, als sich anfangs alle von ihm abwandten. Ohne seine Therapeutin und Antidepressiva hätte er diese Zeit nicht durchgestanden, da ist er heute sicher. Auch Sara Casna erinnert sich, dass sie manchmal mehrere Tage bei ihm blieb und warten musste, bis es ihm etwas besser ging und sie es wagen konnte, die Kamera herauszuholen. "Für mich waren diese Fotos eine Möglichkeit, meine Angst in den Griff zu bekommen", sagt Egon. Die Angst, dass er sich selbst verlieren, sich selbst nicht mehr wiedererkennen würde. Die Angst, was mit den Kindern passiere, wenn die Mama sich so verändert. "Auf Saras Fotos konnte ich sehen, dass ich derselbe Mensch blieb."

Noch eine weitere Sorge quälte Egon. Die Ärzte hatten ihm gesagt, dass sich mit dem Testosteron seine Psyche verändern könnte. Das hat ihm nicht gefallen, er mochte, wie er als Frau strukturiert war. Zu seinem Glück hat sich die Vorhersage der Mediziner nicht bestätigt.

Vor allem am Anfang der Therapie war Egon oft verzweifelt. Zu den  Ängsten kamen hormonell bedingte Stimmungsschwankungen.

Vor allem am Anfang der Therapie war Egon oft verzweifelt. Zu den Ängsten kamen hormonell bedingte Stimmungsschwankungen.

Seine Libido aber sei mit dem Testosteron gestiegen, sagt Egon. Gleichzeitig sei es einfacher, sich zu befriedigen: Früher, als Gloria, da habe er ein Riesengewese gemacht ums Masturbieren. Eine ganze Geschichte musste er sich ausdenken, um in Stimmung zu kommen. Heute masturbiere er eben und fertig. Egon unterstreicht diese Anekdote mit einer italienischen Geste: Er klatscht zweimal die Hände aneinander, einmal die linke Hand oben, einmal die rechte. Das bedeutet: fatto - fertig, geschafft. Er grinst.

Michela steht in der Küche und kocht Risotto. Es klingelt an der Tür, Egons Exmann bringt die Kinder vorbei, die nächsten Tage werden sie hier bei Egon und Michela verbringen. Im vergangenen Jahr ist das Verhältnis zwischen den einstigen Ehepartnern wieder besser geworden, sie machen jetzt eine Familien-Mediation.

Die kleine Wohnung, in der Michela und Egon leben, gehörte einst seiner Großmutter. Nach deren Tod durften die beiden einziehen, so sparen sie Miete. Eine große finanzielle Erleichterung, da es für das Paar schwer ist, lukrative Jobs zu finden. Vor dem Schlafzimmer ist eine Kinderecke aufgebaut, ein Tischchen mit Stiften, Spielen und einer Pinnwand. Ein Zettel hängt daran, "Mama, ich werde dich immer lieb haben", steht darauf mit rotem Filzstift geschrieben. Pietro und Viola kommen herein. "Mama, ich habe ein Geschenk für dich", ruft Viola. Sie trägt ein T-Shirt und Shorts in Pink, sie liebt diese Farbe. Egon gibt ihr einen Kuss und bewundert das Bild aus violetten Blümchen, das sie ihm gebastelt hat. Das Mädchen legt die Hand auf seine Brust, dorthin, wo einmal der Busen war.

Für einen Mann hast du aber einen zu großen Busen, Mama!

Muskelspiele 2012 zu Beginn der Therapie: Die Hormone verändern langsam Egons Körper. Bald werden auch Beine und Arme behaart sein.

Muskelspiele 2012 zu Beginn der Therapie: Die Hormone verändern langsam Egons Körper. Bald werden auch Beine und Arme behaart sein.

Pietro und Viola nennen Egon noch immer Mama und sprechen von ihm in der weiblichen Form. "Sie sollen das so machen, wie sie es empfinden", sagt Egon. Auch wenn dadurch manchmal peinliche Situationen entstehen. Etwa auf der Straße, wenn die Kinder "Mama" rufen und die Leute irritiert nach dieser Mama suchen. Egons Therapeutin riet, abzuwarten und die Kinder entscheiden zu lassen, wann sie Fragen haben und wie sie ihn ansprechen wollen. Sie beruhigte ihn auch, wenn er um das Wohl von Pietro und Viola fürchtete. Für die beiden sei vor allem wichtig zu spüren, dass sie die Mama nicht verlieren - auch wenn sie nun anders aussieht.

Am Anfang fiel es Egon schwer, sich den Kindern nicht zu erklären. "Und lange haben sie nichts gefragt, ich bin fast verrückt geworden." Aber eines Tages beim Essen sagte Pietro: "Mama, warum nennen dich alle bei der Arbeit plötzlich Egon?" Und da erklärte Egon, was mit ihm gerade passiert. Nach und nach stellte der Junge Fragen und schien dabei viel natürlicher als die Erwachsenen in der Familie. "Für einen Mann hast du aber einen zu großen Busen, Mama", stellte er fest. "Stimmt", sagte Egon. "Darum werde ich ihn wegmachen lassen." Pietro fand das logisch.

Egon beobachtet seine Kinder genau, um reagieren zu können, sollten sie ihre Ausgeglichenheit verlieren. Und natürlich, seine Angst ist groß, dass sie seinetwegen gehänselt werden. Oder dass sie ihm sagen: "Ich hasse dich, weil du transsexuell bist." Aber Egon hat gelernt, dass er manche Dinge nur bedingt beeinflussen kann. So wie die Tatsache, dass keiner in der Familie ihn bei seinem männlichen Vornamen nennt. Auch seine beiden Schwestern bleiben beharrlich bei Gloria. Er kann sich das nicht erklären, von ihnen hätte er mehr Verständnis erwartet. Wenn er sie darauf anspricht, antworten sie, dass sie es nicht verkraften, ihre Schwester verloren zu haben. Nicht ein einziges Mal hätten sie gefragt, wie es ihm nun gehe und was ihm noch alles bevorstehe auf seinem Weg. Egon zuckt mit den Schultern. Seine Innenwelt sei jetzt im Lot, sagt er. Wenn nur seine Außenwelt, die Menschen, die ihm nahestehen, das auch anerkennen würden. Viola tobt durchs Wohnzimmer. Egon und Pietro setzen sich an den Tisch und spielen Schach. Manchmal rutscht dem Jungen ein "er" heraus, wenn er von seiner Mama spricht. Dann verbessert er sich und wiederholt den Satz mit "sie". Auch Egon selbst passiert es noch, dass er ein Adjektiv mit der weiblichen Endung benutzt, wenn er über sich spricht.

Aber schon im nächsten Satz erzählt er wieder von der Zeit, als er noch ein "ragazzino" war, ein kleiner Junge.

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