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Graphic Novel zu Transsexualität: Andrea will jetzt endlich Kai sein

Andrea möchte keine Frau sein, sie bindet sich die Brüste ab und schminkt sich einen Bartschatten. Doch das ist nur der Anfang. Nachdem sie ihren Kumpel Marko eingeweiht hat, geht sie zur Therapie – und outet sich bei ihren Eltern.

Andrea träumt von einem anderen Körper, denn sie fühlt sich als Mann. Heimlich experimentiert sie im Bad, schnürt sich mit Verbänden und Sicherheitsnadeln die Brüste ab und schminkt sich ein maskulines Gesicht. So gefällt sie sich schon besser, so sieht sie fast aus wie der Kai, der sie gern auch äußerlich wäre.

Doch dann klingelt es. Jetzt aber hurtig abschminken! Ihr Kumpel Marko steht vor der Tür und will sich mit ihr an der Spielkonsole messen. Marko ist Andreas bester Freund und sagt zum Beispiel Dinge wie: "Ich seh' dich mehr als einen Kumpel, nicht so wie andere Freundinnen." Solche beiläufigen Bemerkungen hört Andrea sehr gern, es bestärkt ihr Gefühl, anders als andere Frauen zu sein. Trotzdem kostet sie es Überwindung, ihm von ihrem Wunsch nach einem anderen Körper zu erzählen. Sie fürchtet, ihn damit zu schockieren. Doch dann ist es raus. Andrea erklärt Marko, dass sie weiß, dass sie transsexuell ist – und wundert sich, wie locker er das aufnimmt. 

Marko gibt kluge Tipps

Mit der Figur des Marko hat die Autorin und Illustratorin Sandra Barczyk eine Figur gezeichnet, die die Entwicklung der Protagonistin Andrea zum Titelhelden Kai entscheidend voranbringt. Er ist ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann: aufgeschlossen, vertraut wie ein Bruder, zuverlässig und witzig. Denn ab und zu macht ein guter Kumpel natürlich auch mal einen Witz auf die Kosten des anderen. Marko schafft es, Andreas Selbstvertrauen so zu bestärken, ihre Transition, ihren Geschlechtswechsel, anzugehen. 

Nicht nur zeigt er ihr, wie Kerle laufen müssen, sondern begleitet sie auch im Elektrofachmarkt, als sie sich Rasierapparate anguckt. Er nimmt ihre Vorfreude auf ihren neuen Körper ernst, macht aber auch weiterhin seine Späße. Er behandelt sie nicht anders als vorher, das gibt Andrea Sicherheit: "Du weißt, dass du mich alles was 'Mann sein' angeht, fragen kannst", versichert ihr Marko.

Gleichzeitig wird es ernst

Die 18-Jährige hat eine Therapie begonnen. In Deutschland ist das der übliche Weg, der die Kostenübernahme für Hormone und Geschlechtsumwandlung durch die Krankenkasse erleichtert. Dabei wird ihr klar, dass sie Angst davor hat, ihre Eltern einzuweihen. Während Mama und Papa noch glauben, sie wollte ihnen sagen, dass sie lesbisch ist, versucht Andrea ihnen klarzumachen, dass sie ein Mann ist und deswegen nicht lesbisch.

Eine anstrengende Phase beginnt, die Gefühle spielen verrückt. Doch ihr Ziel hält Andrea bei der Stange und beschert ihr immer wieder Gewissheit: "Auch wenn noch ein langer Weg vor mir liegt, muss ich sagen ... ich bin glücklich!"

Das schwierige Thema Transsexualität erhält durch "Nenn mich Kai" einen höchst persönlichen Charme, die Graphic Novel leistet die wertvolle Aufklärungsarbeit einer sehr berührenden Coming-of-Age-Geschichte. Barczyk braucht dazu weder Farben noch verspielte Finessen, ihr plakativer Zeichenstil geht direkt ins Herz. Und ihr glücklicher Kai überzeugt schließlich auch seine Eltern. 

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