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Überraschende Karriere: Wie aus einem autistischen Jungen eine Ballerina wurde

Seiner Mutter war gesagt worden, dass er nie ein unabhängiges Leben führen würde – doch die Welt des Tanzes hat den Autisten gerettet. Beim Ballett brauchte Philip Martin-Nielson keine Worte, sondern nur sein Talent. Sein Leben nahm eine kolossale Wendung.

Philip Martin-Nielson als Schwan Odette

Philip Martin-Nielson hat es geschafft: Als Tänzer bei der rein männlichen New Yorker Compagnie Les Ballets Trockadero de Monte Carlo tanzt er die Odette in "Schwanensee" – seine Lieblingsrolle

Seit 2012 tanzt Philip Martin-Nielson für Les Ballets Trockadero de Monte Carlo, die New Yorker Travestie-Compagnie, zu der er immer wollte. Schon als Kind hat er davon geträumt, eines Tages bei den "Trocks" zu tanzen, die auch sämtliche Frauenrollen mit männlichen Tänzern besetzt. Denn auf eine Frauenrolle war er total fixiert: "Meine Lieblingsrolle ist definitiv Odette. Ich wuchs geradezu besessen davon auf. Ich kannte jedes Detail", erzählt der inzwischen 22-Jährige dem britischen "Guardian" über seine Liebe zu Tschaikowskis "Schwanensee".

Martin-Nielson war vier Jahre alt, als er wusste, dass er Balletttanzen lernen möchte und zwölf, als er seinen jetzigen Arbeitgeber entdeckte. In Middletown, New York, geboren, stellte sich, als er etwa drei Jahre alt war, heraus, dass der Junge autistisch war: Er konnte nicht sprechen, mochte keine Berührungen und ebenso wenig Augenkontakt, konnte sich auf die einfachsten Aufgaben nicht konzentrieren. Als er ein Jahr später zu seiner Mutter sagte, dass er tanzen möchte, war das eine der ersten holprigen Unterhaltungen, die er führte.

Therapien schlugen nicht an

Der Junge lebte so sehr in seiner eigenen Welt, dass die Ärzte und Therapeuten seiner Mutter offenbarten, dass es nur eine geringe Chance gebe, dass Philip je ein eigenständiges, unabhängiges Leben führen würde. Heute, schreibt "Guardian"-Autorin Judith Mackrell, sei die Prognose schwer zu glauben. "Charmant, lächelnd und offen, verrät nur ein gelegentliches Zögern bei einem Ausdruck oder der Wahl eines Wortes, das nicht in den Zusammenhang passt, dass Sprache jemals ein Problem für ihn war", schreibt sie nach einem Interview via Skype. 

Philips Mutter war zunächst nicht begeistert von der Idee, dass ihr Sohn Ballettunterricht nehmen wollte, sie fürchtete, er würde damit aufgezogen. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr unkommunikatives Kind den Anforderungen gewachsen wäre. Es brauchte zwei Jahre, bis sie dem Wunsch ihres Sohnes nachkam. Doch als es dann endlich so weit war, war seine Mutter erstaunt, wie der Sechsjährige den Instruktionen der Lehrer nachkam. "In der Ballettstunde brauchte ich nicht zu sprechen, ich konnte meinen Körper einsetzen und das fiel mir leicht", erklärt Martin-Nielson. Die Struktur, die Musik, die Wiederholungen der Übungen und der Rhythmus sprachen ein tiefes inneres Gefühl bei ihm an. Mit zehn Jahren bekam er Privatunterricht und es war klar, dass er professioneller Tänzer werden würde. Nicht nur sein Tanz machte rapide Fortschritte, der Unterricht wirkte sich auch auf andere Bereiche aus: Das gewonnene Selbstvertrauen und die Motivation übertrugen sich auf die Sprache und die restliche Ausbildung.

Gesellschaftsfähig durchs Tanzen

Die Teenagerzeit war für Martin-Nielson dennoch nicht einfach. Seine sozialen Kompetenzen waren begrenzt und Gespräche über andere Dinge als Ballett fielen ihm schwer. Mit 15 schließlich erhielt er einen Platz an der School of American Ballet, schloss seine Ausbildung dort mit 18 Jahren ab und wechselte direkt zu den Trocks. "Das war eine große Umstellung", erzählt der Tänzer dem "Guardian". "Vom Leben mit Schlafsaal, Ballett- und Schulunterricht hin zur Eigenständigkeit. Zu Anfang war das alles überwältigend, das Reisen mit der Compagnie, Gehalt zu bekommen."

An seiner Entwicklung sei nichts Magisches, sagt Martin-Nielson, der Trigger habe einfach funktioniert. Eine Kombination aus einem langen, harten Kampf, einem physischen Talent und der Tatsache, dass ihm Ballett gab, was er brauchte: Struktur, Disziplin, Gemeinschaft und vor allem die Weichenstellung für seine geistige und soziale Entwicklung durch eine Sprache ohne Worte. "Es gibt keine Heilung für Autismus und wohin die Krankheit einen führt, lässt sich nicht vorhersagen", sagt er. "Aber wenn Kinder die Chance bekommen, zu tun, was sie lieben und wenn sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, sind sie glücklicher. Mein Autismus wird niemals weggehen. Ich vergesse nie, dass er Teil meines Lebens ist. Aber ich muss mich nicht mehr damit befassen. Als Tänzer lebe ich ein zu hundert Prozent unabhängiges, stabiles Leben."

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