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Zeitzeugenbericht: "Mein Schwager wurde 1986 nach Tschernobyl entsandt, um den Reaktor mit Wasser zu waschen"

Die neue Serie "Chernobyl" wird als beste aller Zeiten gefeiert. Der stern hat mit einer Betroffenen aus Kiew darüber gesprochen, wie sie die Katastrophe 1986 erlebte – aus nur 100 Kilometer Entfernung. Sie berichtet von direkten Folgen und darüber, dass zunächst niemand glaubte, dass etwas Schlimmes passiert war.

Von Antonia Fischer

Auf der linken Seite ist der zerstörte Reaktor zu sehen, rechts ist Rita von hinten zu sehen

Reaktor 4 im Kraftwerk Tschernobyl explodierte am 26. April 1986. Zu dieser Zeit wohnte Rita nur 100 Kilometer entfernt.

Rita* war 1986, zum Zeitpunkt des Super-GAUs in Tschernobyl, 27 Jahre alt. Sie lebte mit Ehemann und Tochter in der heutigen ukrainischen Hauptstadt, in Kiew. Rita ist ausgebildete Chemikerin und Physikerin. Ihr Ehemann sowie ihr Vater waren ebenfalls Naturwissenschaftler. Ritas Familie gehörte zur etablierten sowjetischen Mittelschicht.

In der Nacht zum 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. In dem Kernkraftwerk sollte ein vollständiger Stromausfall simuliert werden, wobei es zu massiven Verletzungen der Sicherheitsvorschriften kam. Nach einem unkontrollierten Anstieg der Leistung explodierte Reaktor 4. Mehrere Trillionen Becquerel Radioaktivität wurden freigesetzt.

In Tschernobyl hat es geknallt, aber was heißt das?

Davon, dass der erste sogenannte Super-GAU eingetreten war, bekamen die Menschen in der Ukraine nichts mit. Rita und ihre Familie lebten zirka 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Die 59-Jährige erinnert sich noch genau an die Zeit nach der Katastrophe, obwohl inzwischen 33 Jahre vergangen sind. "Es ist ein Tag vergangen, es sind zwei Tage vergangen und im Fernsehen hieß es, dass sich an der Elektrostation in Tschernobyl eine Havarie ereignet habe. Aber die Menschen haben das nicht verstanden." Die Medien berichteten zwar, dass es einen Unfall im Kraftwerk gegeben hatte, aber das Ausmaß wurde vertuscht und heruntergespielt. "Die Zeitungen haben berichtet so, dass die Leute nicht in Panik versetzt wurden. Es waren ja staatliche Medien und man kann sich in etwa vorstellen, was dort geschrieben wurde." Die Bevölkerung blieb ahnungslos, denn die Regierung ließ die Medien berichten, dass die Strahlung im normalen Bereich liege. Die Menschen lebten weiter, als wäre nichts geschehen.

Julia Bässler in Tschernobyl

Dann wurde Ritas Schwager plötzlich von militärischen Einheiten eingezogen. Der Leistungssportler sollte nach Tschernobyl – um dort den Reaktor mit Wasser zu waschen. "Niemand wusste, welche Auswirkungen das haben würde. Die Männer haben nicht einmal richtige Schutzkleidung bekommen. Mein Schwager ist immer für fünf Minuten in den Reaktor gelaufen und hat dann mit dem Nächsten gewechselt. Fünf Minuten Pause, dann wieder rein." Untergebracht waren die Arbeiter, man nannte sie Liquidatoren, in der nahegelegenen Stadt Prypjat. Rita sagt, dass die Männer rekrutiert und geopfert worden seien, um schlimmere Auswirkungen auf die gesamte ukrainische Bevölkerung zu vermeiden. Viele Männer starben bereits während dieser "Aufräumarbeiten". Ihr Schwager musste einen Monat vor Ort bleiben, bevor er nach Kiew zurückkehren durfte. Er starb vor seinem 60. Geburtstag.

Die Schadensbeseitigungen waren eine Farce

In Kiew wurde mithilfe von Lkw Wasser über die Straßen gekippt, um sie von den radioaktiven Partikeln zu reinigen. Das Militär verpflichtete Ritas Ehemann dazu, an verschiedenen Enden der Stadt die Strahlung messen. Doch die Messgeräte versagten: Die Skala reichte nicht aus. Der Wert war so hoch, dass er nicht angezeigt werden konnte.

Rita spürte die unmittelbare Auswirkung der Explosion in Kiew, als sie Ende April in einen heftigen Sturm geriet, der Sand und Staub aufwirbelte. "Ich habe mich sofort sehr schwach gefühlt. Den ganzen Tag drehte sich bei mir im Kopf alles, so blieb es über mehrere Tage. Mir ging es richtig schlecht, ich musste mich übergeben, ich konnte nicht aus dem Bett aufstehen." Ob das eine Strahlenvergiftung war, weiß Rita nicht. Sie ist sich aber sicher, dass ihre Übelkeit mit der Verseuchung durch Tschernobyl zusammenhing.

Während die Regierung versuchte, den Ernst der Lage zu vertuschen, schlugen die Professoren am naturwissenschaftlichen Forschungsinstitut Alarm. Auch Ritas Vater begann umzudenken. "Er sagte zu mir: Wir müssen hier weg, die Kinder müssen weg", sagt Rita.

So weit weg wie möglich

Am 1. Mai 1986 beschloss die Familie zu fliehen. Rita gab ihre damals sechsjährige Tochter in die Obhut ihrer Schwester, denn sie selbst sollte zunächst in Kiew bleiben. Der Rest ihrer Familie fuhr mit Ladas, den klassischen Autos der Sowjetunion, zu jenen Verwandten, die am weitesten von Kiew entfernt wohnten – nach Riga in Lettland. Als die Familie dort ankam, reichte sie sofort Blutproben bei einem Arzt ein. "Zu dem Zeitpunkt wussten wir schon, dass es sehr schlimme Auswirkungen auf die Gesundheit und insbesondere auf den Zustand des Blutes haben kann", berichtet Rita. Ob das mehr als 1000 Kilometer entfernte Riga überhaupt sicherer als Kiew war, konnten die Familie damals nicht beurteilen. Aber es war zumindest so weit weg von Tschernobyl wie möglich.

Die Familie blieb den gesamten Sommer in Riga. Rita und ihre Schwester wechselten sich monatlich mit der Kinderbetreuung ab. Ende September 1986 kehrten sie nach Kiew zurück. Mittlerweile hatte ein wenig Aufklärung stattgefunden. "Im Grund genommen wusste die breite Masse erst etwa drei Monate nach dem Unfall, was Radioaktivität überhaupt ist", sagt Rita. "Heute ist die Gesellschaft wesentlich gebildeter. Heute ist Physik ein Schulfach und die Radioaktivität wird häufig thematisiert. Aber damals wusste man darüber einfach nicht Bescheid."

Vertuschung und Unwissen

Die Region um Prypjat wurde komplett evakuiert – und das lockte Diebe an. Sie plünderten die Häuser und versuchten, das Diebesgut im ganzen Land zu verkaufen. Unter anderem deshalb wurden mehrere Sperrzonen um den Ort errichtet, da die verseuchte Ware unter keinen Umständen in die Hände der Bevölkerung gelangen sollte.

Ritas Familie hatte mit der Entscheidung nach Riga zu gehen Glück gehabt. Der Wind hatte die radioaktive Wolke aus Tschernobyl zwar in Richtung Norden, Richtung Lettland, verbreitet, doch den größten Schaden traf das Nachbarland Weißrussland: Regen verseuchte das Land mit radioaktiven Partikeln. "In den Folgejahren gab es absolute Wahnsinnsernten in Weißrussland." Riesige Mengen verseuchter Pflanzen. Rita sagt, dass die Regierung hart gegen den Verkauf weißrussischer Lebensmittel an die Ukraine vorging. Die brachliegende Wirtschaft der Sowjetunion in den 80er Jahren hatte die Menschen in die Selbstversorgung getrieben. Die Menschen waren es gewohnt, Pilze und Beeren zu sammeln und einzumachen. Sie gehörten im Winter zu den Grundnahrungsmitteln. Doch die verseuchten Pilze und Beeren sollten nicht in die Ukraine gelangen.

Obst und Gemüse in Prypjat mutierte

Rita sagt, dass in der Region um Prypjat schon kurz nach der Explosion Mutationen bei Obst und Gemüse zu beobachten waren. Sie sah Radieschen, aus denen mehrere Radieschenköpfe wuchsen. Auch die Tiere hätten stark unter der Strahlenbelastung gelitten. "Und von den Liquidatoren, die den Reaktor geputzt haben, möchte ich gar nicht erst sprechen."

In der Bevölkerung gab es in den Jahren nach dem Unfall sehr viele onkologische Erkrankungen, vor allem Leukämie. Insbesondere in Kiew war zu beobachten, dass Erkrankungen bei Kindern mit einer Fehlfunktionen der Schilddrüse zusammenhingen. "Es war eine sehr gute Entscheidung, unsere Kinder nach Riga zu bringen." Dennoch: Sie musste damals auch Freunde zurücklassen, die nicht die Möglichkeit hatten zu fliehen. Rita sagt, dass viele sich gewünscht hätten, zumindest ihre Kinder in Sicherheit zu bringen.

"Niemand kam auf die Idee, Fragen oder Forderungen an die Regierung zu stellen"

Dreieinhalb Jahre später fiel der Eiserne Vorhang und zum ersten Mal erreichten die Menschen in der Ukraine Berichte über das, was 1986 wirklich passiert war. Rita sagt: "Bis dahin hatte es so wenig Informationen gegeben, dass wir gar keine konkreten Fragen stellen konnten. Die Menschen lebten einfach vor sich hin und niemand kam auf die Idee, Fragen oder Forderungen an die Regierung zu stellen."

Auch heute noch achtet Rita beim Kauf von Pfifferlingen darauf, ob sie aus Weißrussland kommen. "Die kaufe ich nicht."

* Rita heißt eigentlich anders. Aber auch nach mehr als 20 Jahren in Deutschland spricht sie immer noch nicht gern kritisch über die Sowjetunion in der Öffentlichkeit. 

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