HOME

United World College: In Freiburg lernen die besten Schüler der Welt

In Freiburg gibt es nun eine Schule, in der begabte Jugendliche aus aller Welt zwei Jahre lang zusammen leben und lernen. Einen Platz dort kann man nicht kaufen, das Profil des Schülers muss passen.

Von Catrin Boldebuck

May

May

May, 17, aus Myanmar

"Es ist das erste Mal, dass ich in Deutschland bin und auch das erste Mal, dass ich allein reise. Das ist alles sehr aufregend. Ich habe mich beworben, weil es eine großartige Chance ist, andere Kulturen kennen zu lernen. Neu für mich ist, dass sich immer alle zur Begrüßung umarmen. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. In meiner Kultur berühren wir uns so nicht, sondern verbeugen uns voreinander. Durch die Umarmung ist die Beziehung enger, bei uns in Myanmar dauert das länger. Das Zimmer teilen sich Mädchen aus vier Nationen: Helene aus Deutschland, Ana aus Bosnien, Luizer aus Kenia und ich. Wir gehen höflich und tolerant miteinander um, fragen, ob wir Musik anmachen dürfen."

Die Idee

Die Jugendlichen kommen aus unterschiedlichen Kulturen, Akademiker- und Straßenkinder gehen hier gemeinsam zur Schule - insgesamt 102 Schüler aus 70 Nationen. Ein Junge aus Manila verkaufte nachts Rosen, um Geld zum Leben und für die Schule zu haben. Durch die Unterstützung einer Hilfsorganisation kam er nach Freiburg in den Schwarzwald. Vom nächsten Schuljahr an werden 200 Jugendliche das Internat besuchen. Je vier Schüler aus vier Nationen teilen sich ein Zimmer in den Häusern des neu erbauten Schuldorfes, die an tanzende Würfel erinnern. "Unser Alltag ist bunt, es ist immer was los", erzählt Charlotte, 17, aus Berlin. "Die Spanier zeigen uns, wie man Salsa tanzt, wir hören polnische Rockmusik, die Italiener kochen Spaghetti Carbonara und dadurch ist schnell eine Gemeinschaft entstanden."

Rizwan

Rizwan

Rizwan, 16, aus Hamburg

"Der Name klingt schon gut: United World College - wer möchte nicht in einer vereinigten Welt leben? Mein Ziel ist es, ein richtiger Weltbürger zu werden, jedem Land ein Gesicht zuordnen zu können und einen guten Abschluss zu machen. Dabei geht es nicht darum, viele Orte bereist zu haben, sondern um die Einstellung. Hier habe ich zum ersten Mal begriffen, was für eine Bereicherung es ist, multikulturell und mehrsprachig aufzuwachsen. Das habe ich bisher nie wertgeschätzt. Zu Hause sprechen wir Urdu, meine Eltern stammen aus Pakistan. Hier kann ich mit Menschen aus Indien, Syrien oder Pakistan in deren Muttersprache kommunizieren. Ich verstehe die. Das ist voll cool! Ich will Forscher werden, im Bereich der Physik, um für die Menschheit Lösungen zu finden, zum Beispiel für unser großes Energieproblem."

"Seid laut, seid kritisch, seid neugierig"

"Seid laut, seid kritisch, seid neugierig" - so lautet das Motto der United World Colleges. Jedes hat einen eigenen Schwerpunkt. In Freiburg sind es Nachhaltigkeit und Umwelt. Jeder Schüler belegt insgesamt sieben Fächer, neben Mathe, Naturwissenschaften und Fremdsprachen steht auch "Theorie des Wissens" auf dem Stundenplan, dann diskutieren sie darüber: Wie wissen wir, was wir wissen? Unterrichtssprache ist Englisch. "Wir haben Blockunterricht, dadurch wird das Lernen sehr intensiv", sagt Charlotte. "Die Lehrer nehmen sich sehr viel Zeit für uns. Sie motivieren uns, Fragen zu stellen. Das ist ganz anders als in anderen Schulen. Ein Riesenunterschied ist auch, dass wir hier zusammen mit unseren Lehrern wohnen und sie mit Vornamen ansprechen." Nach zwei Jahren sollen die Schüler das internationale Baccalaureate machen, das als Abitur anerkannt wird.

Simon

Simon

Simon, 17, vom Chiemsee in Bayern

"Ich war gleich von dem pädagogischen Konzept begeistert: Bei der Schule steht im Vordergrund, dass man miteinander redet und voneinander lernt - nicht nur im Klassenraum, sondern im Zimmer. Ich teile meines mit Tommy aus Ungarn, Pablo aus Venezuela und Faizal aus Uganda. Nach den zwei Jahren möchte ich mit all meinen 101 Mitschülern ein intensives, persönliches Gespräch geführt haben. Später möchte ich gern in die Diplomatie gehen oder für eine internationale Organisation arbeiten."

Eine Antwort auf den Kalten Krieg

14 United World Colleges gibt es in der ganzen Welt. Geistiger Vater ist Kurt Hahn, ein enger Freund von Robert Bosch, dem Namensgeber. Der Erlebnispädagoge Hahn eröffnete die erste Weltschule 1962 in Wales, als Antwort auf den Kalten Krieg, zuvor hatte er die Internate Salem und Birklehof gegründet. Er war überzeugt: Nur wenn die Menschen sich kennen, können sie in Frieden leben. Und seit der Gründung ist ein Netzwerk von 50.000 Ehemaligen weltweit entstanden.

Charlotte

Charlotte

Charlotte, 16, aus Berlin

"Nach meinem Schüleraustausch in Schweden konnte ich mir nicht vorstellen, einfach wieder in meinem alten Gymnasium zur Schule zu gehen. Da geht es in der Regel nur ums trockene Lernen, ich interessiere mich aber für Kulturen. Hier herrscht dieses UWC-Gefühl, so nennen wir das. Wir sind eine Familie mit 102 Mitgliedern. Mir ist hier erst so richtig bewusst geworden, dass kultureller Austausch mehr ist, als das, was man zu Hause isst, welche Sprache man spricht oder welche Flagge man schwenkt. Es geht auch um die Probleme, die man zu Hause hat. Wir aus Deutschland hatten ja bisher alle ein ziemlich unbeschwertes Leben. Hier lernt man dann Leute aus Regionen kennen, die Dinge erzählen, bei denen man dreimal schlucken muss. Zum Beispiel Daniel von den Philippinen, der lange auf der Straße gelebt hat. Oder Flüchtlinge aus Kurdistan, aus Syrien. Schüler aus Afrika, die aus eher reichen Familien kommen, haben uns erzählt, wie es bei ihnen auf den Internatsschulen zuging. Sie haben von Strafen erzählt, die wir in Deutschland nie hinnehmen würden. Als wir in der Klassenratsstunde besprochen hatten, dass die, die zu laut waren, zur Strafe einen Kuchen backen müssen, haben die uns nur mit großen Augen angeguckt."

Die Schüler werden nach Talent und Eignung ausgewählt - Geld soll nach der Idee des UWC keine Rolle spielen. Dafür gibt es Stipendien. Ein Platz pro Schüler kostet rund 25.000 Euro im Jahr.

Tilmann

Tilmann

Tilmann, 17, aus Siegen

"Man bekommt hier so viel mehr geboten: mehr Erfahrung, mehr Möglichkeiten, mehr Gespräche, mehr Freundschaften, mehr Wissen als an normalen Schulen. Viele von uns hier wollen einfach mehr. Hier brennt jeder für etwas. Zwar schreiben sich auch viele Schulen auf die Fahnen, dass sie offen und tolerant sind. Aber gelebt wird im Alltag etwas anderes. Obwohl wir erst seit vier Wochen zusammen leben, fühlt es sich nicht fremd an, sondern so, als ob ich nach Hause gekommen bin."

Zum 150. Geburtstag von Robert Bosch, am 23. September 2011, wurde der Grundstein gelegt. Für 44 Millionen Euro bauten die Robert Bosch Stiftung und die Bosch GmbH das alte Kartäuserkloster in Freiburg zum internationalen College um. Interessierte Schüler können sich bis zum 1. Dezember für den Jahrgang 2015 bis 2017 bewerben. Einblicke ins Collegeleben gewährt die Facebookseite des UWC.

Das Wohndorf für die Schüler erinnert an tanzende Würfel

Das Wohndorf für die Schüler erinnert an tanzende Würfel

Lesen Sie mehr zum Thema im neuen stern Extra "Schule & Erziehung", ab 29. September im Handel

Wissenscommunity