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Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Die Supereltern-Lüge

Die mitleidigen Blicke anderer Mütter oder das Scheitern an den eigenen Erwartungen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Mythos - geben Eltern offen zu.

Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle", schreiben zwei Väter ehrlich über ihr Leben mit Kind in der "Zeit". Damit gewinnt die Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an Gewicht. Eltern geben offen zu, dass sie der Spagat zwischen Kind und Karriere überfordert. Schuld sind eigene und fremde Erwartungen, der Wunsch, alles zu haben und gesellschaftlicher Druck. Nicht selten spielt auch die finanzielle Situation eine Rolle.

"Für so viele Mütter ist die wichtigste Frage nicht, wie sie die nächsten Schritte auf der Karriereleiter machen, sondern wie sie jeden Monat die Miete und das Essen bezahlen", erzählt eine Mutter auf "Brigitte.de". Sie arbeitet Vollzeit - und ist damit in ihrer Kita die Ausnahme. Während ihr Mann dafür gelobt wird, dass er seinen Job reduziert und so klassische Rollenmodelle aufbricht, kassiert sie mitleidige oder auch abwertende Blicke. Und fühlt sich gezwungen, ihren Lebensentwurf zu rechtfertigen: "Ich musste so viel arbeiten, um unseren Lebensstandard einigermaßen zu halten."

Obwohl sie weiß, dass ihr Kind gut versorgt ist, obwohl es gerne und fröhlich in die Kita geht, quäle sie oft ihr schlechtes Gewissen. Auch wenn sie weiß, dass das nicht sein muss. "Das schlechte Gewissen machen uns die anderen - die mit dem Mitleid in den Augen. Und da gucke ich jetzt einfach nicht mehr hin."

Die Vereinbarkeitslüge

Von ihrem permanent schlechten Gewissen berichten auch die Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing in der "Zeit". Denn inzwischen leiden auch Männer unter der Zerreißprobe zwischen Job und Familie. Brost und Wefing sprechen in ihrem Artikel von einer regelrechten Vereinbarkeitslüge.

Den Anspruch, den sie an sich als Väter und als Journalisten, aber auch als Partner haben, könnten sie einfach nicht erfüllen. Schuld sei der gesellschaftliche Wandel. "Auch früher gab es Erwartungen an Väter und Mütter, aber sie waren klarer und eindeutiger, weil es auch klare und eindeutige Rollen gab. Heute dagegen gibt es unendlich viele Erwartungen, weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt, eine gute Mutter und ein guter Vater zu sein, und deswegen scheint es das Beste zu sein, einfach alle Erwartungen zu erfüllen." Man wolle der tollste Vater, der beste Ehemann und der engagierteste Journalist sein. Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen und die so noch mehr Druck erzeugen.

Dieser Supereltern-Mythos ist offenbar noch immer fest in den Köpfen vieler Mütter und Väter verankert. Dass Eltern offen über ihre Überforderung sprechen, ist ein erster Schritt, um damit aufzuräumen.

vim/jbw
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