HOME

Stressfaktor Familie: Das Märchen von der Super-Mom

Zwischen Kindern, Karriere und Kita-Streik reiben sich immer mehr Eltern auf. Zwei Mütter verraten, wie sie Familie und Beruf vereinbaren - und wo sie Abstriche machen müssen.

Mütter wollen alles haben: Erfolg im Beruf, zufriedene Kinder, Zeit mit ihren Freunden und eine glückliche Partnerschaft. Doch an dem Anspruch, ein perfektes Leben zu führen, zerbrechen immer mehr Frauen. Schließlich ist längst klar, dass nicht alles auf einmal geht. Kompromisse müssen her. Doch in einer Gesellschaft, die einem vorgaukelt, dass jeder alles schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt, fällt es vielen schwer, Abstriche zu machen.

Zwei Frauen, die ihren eigenen Weg gefunden haben, erzählen, wie sie ihr Familienleben regeln, vor welchen Herausforderungen sie stehen und wie leicht das sorgfältig geplante Konstrukt jederzeit in sich zusammenfallen kann.

Andrea Lässing hat ihre eigene Kita gegründet

Andrea Lässing hat ihre eigene Kita gegründet

Andrea Lässing, alleinerziehende Mutter von Anna (6) und Eva (4), Gründerin und Geschäftsführerin der Kita "Kinderstube Nordstadthaus GmbH" in Heilbronn, 46 Jahre alt

"Meinen Job als Unternehmensberaterin im In- und Ausland und später als Pressereferentin bei einem amerikanischen Tochterunternehmen in Heilbronn habe ich sehr gerne gemacht. Als ich nach meiner Elternzeit in Teilzeit dort weiterarbeiten wollte, hieß es in der Firma: Vollzeit - oder gar nicht! Ich sollte mich entweder für mein Kind oder meinen Job entscheiden. Doch Vollzeit war überhaupt nicht möglich, denn überall fehlte es an Betreuungsplätzen.

Im ersten Moment war ich enttäuscht von meinem Arbeitgeber, doch auch in der Not blieb ich optimistisch und pragmatisch. Und da kam mir die Idee: Ich gründe einfach meine eigene Kindertagesstätte in Heilbronn. Einige Menschen in meinem Umfeld rieten mir davon ab, andere konnten es nachvollziehen und ermutigten mich. Ich wagte den Schritt in die Selbständigkeit, obwohl das Risiko groß war. Denn auf die finanzielle Unterstützung eines Partners konnte ich nicht bauen. Aber ich bin eine Macherin, war durch meine Berufserfahrung schon immer gut strukturiert. Ich finde immer einen Weg und verliere mich nicht in Problemen. Auch bei diesem Projekt war ich überzeugt, dass es gelingen wird. Nur einige Monate nach meiner Kündigung schrieb ich einen Businessplan, putzte Klinken bei Behörden und gewann Kooperationspartner.

Ich hatte eine rosarote Brille auf, aber vielleicht hat mir das sogar geholfen. Wahrscheinlich haben mich gerade meine Furchtlosigkeit und mein Glaube an den Erfolg dorthin gebracht, wo ich heute bin. Immerhin wurde inzwischen die Kinderstube Nordstadthaus vom Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann als eines der Top-10 Unternehmen 2014 ausgezeichnet. Doch immer wieder begegnete ich auch Hürden und besonders der Bürokratismus hat mich gestresst. Für die Kita wollte ich ein Mehrfamilienhaus umbauen lassen. Als die Küche fast fertig war, mussten Teilbereiche wegen rechtlicher Auflagen wieder eingerissen werden.

Im August 2012 kamen dann die ersten Kinder in die Kita. Mein Einkommen ist gegenüber früher stark reduziert, die gut bezahlte Karriere in der freien Wirtschaft musste ich aufgeben. Doch ich habe das Plus der Vereinbarkeit Familie und Beruf gewonnen. Ich brenne nach wie vor dafür, meine Ideen umzusetzen, etwas zu bewegen und dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. Meine Motivation bei der Unternehmensgründung war nicht nur die eigene Notlage, ich möchte auch einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Damit es anderen berufstätigen Müttern nicht so ergeht wie mir damals. Bei uns sind die Kinder von 7:30 bis 17:30 Uhr gut betreut bei maximal drei Wochen Schließzeit im Jahr. Mein nächstes Projekt habe ich bereits in Angriff genommen: Ich plane, noch in diesem Jahr eine Waldkindergartengruppe zu eröffnen.

Ich bin froh, diesen Weg gewählt zu haben, bedaure nichts und fühle mich wohl in der Rolle als "Mompreneur", als Mutter und Geschäftsführerin. Es ist schön, diese beiden Welten nicht voneinander trennen zu müssen."

Protokoll: Lisa Rokahr

Flavie Singirankabo an ihrem Arbeitsplatz. Die Projektkoordinatorin ist 36 Jahre alt und Mutter zweier Töchter, Laura (5) und Sarah (2).

Flavie Singirankabo an ihrem Arbeitsplatz. Die Projektkoordinatorin ist 36 Jahre alt und Mutter zweier Töchter, Laura (5) und Sarah (2).

Flavie Singirankabo hat zwei Töchter - und einen Arbeitgeber, der ihre Wäsche bügelt

"Wir haben in unserem Unternehmen die Möglichkeit, uns in der Kantine Mittagessen abpacken zu lassen, das erspart das Kochen zu Haus, außerdem gibt es einen Bügelservice für Mitarbeiter, Dienstleistungen, die uns Müttern den Alltag erleichtern. Noch wichtiger ist das Arbeitszeitmodell: Jeder Mitarbeiter kann seine persönliche Arbeitszeit alle zwei Jahre neu festlegen. Ich arbeite zur Zeit 20 Stunden pro Woche, vier Tage pro Woche, einen Tag habe ich frei. Meine Töchter besuchen den Kindergarten an unserem Wohnort, er ist bis 16 Uhr geöffnet. Mein Mann arbeitet bei Bosch, Vollzeit. Falls eins der Kinder krank ist, kann er auch mal einen Vormittag von zuhause arbeiten und ich löse ihn ab. Wir haben außerdem Großeltern am Ort. In den Ferien gibt es Betreuungsangebote der Firma für Mitarbeiterkinder.

Das klingt nach der perfekten Lösung, aber der Weg dahin war nicht immer einfach. Man muss früh planen. Schon vor dem Mutterschutz hatte ich ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten darüber, wie meine Rückkehr aussehen könnte. Man braucht Vorgesetzte und Kollegen, die einen unterstützen und man muss auch selbst sehr viel dafür tun.

Vor Lauras Geburt arbeitete ich an mehreren Projekte gleichzeitig. Es war klar, dass das künftig nicht mehr alles abzudecken war. Ich habe mit meinen Vorgesetzten abgesprochen, dass ich an zwei Tagen länger arbeite, auf diese Tage legten wir die Besprechungen. Bei Reisen habe ich frühzeitig geklärt, was mein Mann übernehmen kann. Man muss immer mindestens zwei Lösungen parallel haben, falls Verschiebungen kommen, und die kommen häufig. Wichtig ist, dass man sehr früh mit dem Chef spricht. Am besten schon während der Schwangerschaft, und sich vorher überlegt, was man leisten kann - und wie. Es hilft, wenn man einen Vorschlag präsentiert. Nicht jeder Vorgesetzte kennt sich mit allen Details der Elternzeitregelungen aus, da ist es nützlich und konstruktiv, wenn die Mitarbeiterin sagt: So könnte es klappen, lassen Sie uns das ein paar Monate probieren. Oft sind Vorgesetzte dann auch stolz auf die Umsetzung.

Natürlich gibt es auch mal genervte Reaktionen, meist kann man das aber mit der eigenen Leistung ausgleichen.

Die Vorsitzende der Trumpf Geschäftsführung, Frau Dr. Leibinger-Kammüller hat vor vier Jahren ein neues, sehr flexibles Arbeitszeitmodell vorgestellt, das von vielen Kollegen angenommen wird und es erlaubt, die Arbeitszeit nach den Lebensphasen auszurichten. Am besten sind reale Vorbilder, die belegen, dass es funktionieren kann. Inzwischen ist es normal für eine Führungskraft, sich über Arbeitszeitmodelle Gedanken zu machen. Je früher man auch selbst darüber nachdenkt und Netzwerke sucht, desto einfacher ist es.

Meine Kinder wissen: sie haben eine Mama, die arbeiten möchte. Man muss auch klar mit sich selbst sein, das überträgt sich auf die Kinder.

Meine Familie stammt aus Burundi, geboren wurde ich in Belgien, wo Kinder relativ früh außer Haus betreut werden. Deshalb war ich immer erstaunt, dass das Thema in Deutschland so emotional diskutiert wird. Ein Kind profitiert vom ganzen Dorf - so bin ich aufgewachsen. Dann ist der Druck auf die Eltern nicht so hoch, es gibt ja auch noch Geschwister, Nachbarn, Oma, Opa. Für mich war klar, es wird unterschiedliche Personen geben, die auch eine Rolle für meine Kinder spielen werden. Ich war bei beiden Kindern anderthalb Jahre zuhause, bei Sarah sogar fast zwei - was sehr schön und wichtig war. Dann haben wir die Kinder jeweils behutsam in die Kita eingewöhnt.

Ich habe beides, Zeit mit meinen Kindern und Zeit für den Job, und ich profitiere davon. Wenn man Arbeitgeber und Netzwerke hat, die das unterstützen, kann der Spagat jeden Tag wieder gelingen.

Protokoll: Ingrid Eissele

Mehr zum Thema "Mensch, Mama - Warum das Familienleben so stressig ist" lesen Sie im aktuellen stern

print

Wissenscommunity