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Vereinsamung in Deutschland: Ein Fünftel der Bevölkerung lebt allein

15,9 Millionen Menschen leben in Single-Haushalten - und es werden immer mehr. Dieser Entwicklung muss sich die Gesellschaft anpassen.

Für Deutschlands Weg in die Single-Gesellschaft ist Hannover das Musterbeispiel: In Niedersachsens Landeshauptstadt lebt bereits jeder Dritte allein, das ist der Spitzenwert unter Deutschlands größten Städten. Bereits seit Jahren nimmt die Zahl der Singles im ganzen Land zu, besonders aber in den Großstädten. 2011 lebte in Deutschland jeder Fünfte allein, in zwei Jahrzehnten könnte es schon fast jeder Vierte sein. Diese Entwicklung verändert das Leben in Deutschland: So werden in Großstädten Wohnungen knapp, und Supermärkten schneiden ihr Angebot verstärkt auf Singles zu.

"Das Alleinleben ist ein fester Bestandteil der Lebenswirklichkeit in Deutschland", sagt der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler. Und die Zahlen, die er vorstellt, sprechen eine eindeutige Sprache: Im vergangenen Jahr lebten 15,9 Millionen Menschen allein, 20 Jahre zuvor waren es erst 11,4 Millionen. Und die Zahl wird weiter wachsen: Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 23 Prozent der Einwohner einen Ein-Personen-Haushalt führen, während es derzeit 20 Prozent sind.

Vor allem in Großstädten prägen Singles immer mehr das Stadtbild: In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern lebte im vergangenen Jahr knapp 29 Prozent der Bevölkerung allein, in kleinen Orten mit weniger als 5000 Einwohnern war der Anteil mit 14 Prozent nur halb so hoch.

Kleine Wohnungen sind gefragt wie noch nie

Diese Entwicklung spiegelt sich in den Städten vor allem auf dem Wohnungsmarkt nieder. "Es gibt seit einiger Zeit den eindeutigen Trend, dass die Nachfrage in Städten ansteigt", sagt der Sprecher des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz. Gefragt seien vor allem Wohnungen zwischen 40 und 60 Quadratmetern. In diesem Bereich halte "das Angebot bei weitem nicht Schritt mit der Nachfrage."

Der Trend zur Single-Gesellschaft schlägt sich auch in den Preisen auf dem Wohnungsmarkt nieder. Wenn in einer Großstadt eine Wohnung neu angemietet werde, lägen die Preise oft 15 bis 30 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete, berichtet Ropertz. Wer jetzt umziehen müsse, spüre daher "als erster am eigenen Leib, wie die Mieten steigen". Der Mieterbund fordert deshalb als Gegenmaßnahme unter anderem mehr Neubauten und dabei auch mehr Sozialwohnungen.

Dass immer mehr Singles in Deutschland leben, ist im Supermarkt ebenfalls schnell zu erkennen. So werden dort etwa kleinere Packungen als früher angeboten. Pro Warengruppe gebe es heute durchschnittlich sieben bis acht Packungsgrößen, sagt der Sprecher des Bundesverbandes des deutschen Lebensmittelhandels, Christian Böttcher. Außerdem gebe es mehr frische Fertiggerichte. Eine weitere Reaktion auf die vielen allein lebenden Kunden sind laut Böttcher die Gastro-Ecken in vielen Märkten oder kleine Obst-Mischungen. "Ein große Melone schafft ein Ein-Personen-Haushalt nicht", begründet Böttcher die Umstellung.

Reisen für Singles

Auch die Reisebranche hat die Singles längst entdeckt. Die Reiseveranstalter hätten sich schon vor einiger Zeit rauf sie eingestellt, sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband. So würden zum Beispiel auf Kreuzfahrt-Schiffen immer mehr Single-Kabinen gebaut. Zudem versuchten die Reedereien, es den allein Reisenden zu erleichtern, auf der Kreuzfahrt Kontakte zu knüpfen.

Doch längst nicht alle Singles können sich das leisten - im Gegenteil: Alleinlebende beziehen überdurchschnittlich häufig Hartz-IV-Leistungen, wie Statistikamtschef Egeler klarstellt. Die Armutsgefährdungsquote der Alleinlebenden ist demnach mit 30 Prozent sogar doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Für alle Singles, die nicht gern und freiwillig allein leben, hat Deutschlands oberster Statistiker jedoch auch noch einen Trost parat: Im Jahr 2010 hätten rund 11.800 Menschen geheiratet, die 65 Jahre oder älter waren. Für rund 1100 der Frauen und Männer war es demnach "sogar die erste Heirat in ihrem Leben".

ivi/AFP / AFP

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