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Vor Facebook und Smartphones: Warum Teenager sein früher besser war

Sie kennen weder Telefonzellen noch Musikkassetten, und all ihre Peinlichkeiten werden im Internet festgehalten: Warum es die heutigen Teenager schwerer haben als wir vor 20 Jahren.

Von Jessica Wagener

Was ist das wohl? Echte Kassette statt Smartphone mit entsprechend bedruckter Retro-Hülle: Früher war vieles anders. Nicht nur die Musik.

Was ist das wohl? Echte Kassette statt Smartphone mit entsprechend bedruckter Retro-Hülle: Früher war vieles anders. Nicht nur die Musik.

Da ruht dieser Karton auf dem Dachboden, ganz hinten. Er ist voll mit Tagebüchern, in denen die i-Punkte zu Kreisen ausgemalt sind und mit nie abgeschickten Liebesbriefen an Jungs, an deren Gesichter ich mich heute nicht mehr erinnern kann. Fotos fragwürdiger Frisuren und unbeholfener Posen in den ersten Pumps. Mixtapes, mühsam aus dem Radio aufgenommen. Die Überreste meines Teenagerlebens warten hier auf ihre Zersetzung.

Was aber wäre, wenn mein geheimer Karton öffentlich zugänglich gemacht würde? Wenn Freunde plötzlich die Bilder und larmoyanten Gedichte über Liebe, Weltschmerz, Selbstzweifel einfach rausholen und meiner Familie und meinen Kollegen schicken könnten?

Massive Veränderung durch das Internet

Genau das machen wir heute: Wir befüllen permanent einen virtuellen Karton. Keine Frage, das Internet macht das Leben leichter und bietet fantastische Möglichkeiten. Aber diese Technologie hat dazu beigetragen, dass sich Heranwachsen in den vergangenen 20 Jahren massiv verändert hat.

Das bezieht sich nicht ausschließlich auf Cybermobbing, aber auch. Früher beschränkte sich Schikane meist auf den Schulhof und ließ sich durch einen Schulwechsel oder im krassesten Fall durch einen Umzug lösen. Heute werden Teenager von mit Smartphones bewaffneten Mitschülern gleich vor einer weltweiten Öffentlichkeit bloßgestellt. Viral.

Und die Sache mit den mobilen Telefonen. Wenn wir uns damals per Festnetz verabredet hatten, dann mussten wir zum vereinbarten Zeitpunkt am Treffpunkt erscheinen - so lernten wir Pünktlichkeit. Und weil es diese kleinen digitalen Alleskönner damals noch nicht gab, kamen wir auch gar nicht erst in Versuchung, aus einer dummen Laune heraus pikante Fotos zu schießen und zu verschicken, die niemanden etwas angehen außer uns selbst. Wofür ich dem Schicksal heute noch dankbar bin.

Kostbare Momente statt selbstoptimierter Realität

Natürlich hatten wir auch Schönheitsideale, je nach Gusto von Anna Nicole Smith über Tyra Banks, Claudia Schiffer und Cindy Crawford bis hin zu Kate Moss. Gern auf geklauten H&M-Plakaten von Bushaltestellen. Aber wir wurden nicht in der empfindlichen Zeit unserer körperlichen Entwicklung ständig mit surrealen Fotos von schwachsinnigen, konstruierten Trends wie Thighgaps, Bikinibridges und bizarr gephotoshopten Models konfrontiert und unter Druck gesetzt.

Überhaupt Fotos. Wir wählten damals ganz gezielt Momente aus, die es lohnte festzuhalten, warteten auf die Entwicklung des Films und mussten mit den gemachten Bildern leben. Kein Filter, keine Korrektur, keine (selbst)optimierte Realität. Wir dokumentierten nicht reflexartig jede Mahlzeit, jedes Shoppingergebnis, jedes neue Piercing oder Tattoo per Smartphone. Und auch unsere promilleinduzierten Partybilder machten glücklicherweise nirgendwo die Runde.

Teenager tun nun mal oft peinliche Dinge. Das gehört so. Sie sind impulsive, unsichere Geschöpfe, die sich ausprobieren wollen und dürfen. Aber es wäre schöner, könnten sie es geschützt tun. Ohne, dass jede Überschwänglichkeit, jede Peinlichkeit, jeder Entwicklungsschritt potenziell für immer zugriffsfähig aufbewahrt werden. So wie früher.

Vielleicht bin ich angesichts meines alten Kartons lediglich nostalgisch. Es ist auch mitnichten heute alles schlechter als damals. Im Gegenteil: Ich liebe das Internet; ich skype, ich instagrame, verschicke Snapchat-Clips und mache Selfies, ich poste und kommentiere, teile und like. Manches davon ist durchaus peinlich. Doch heute noch mal Teenager sein? Um keinen Preis. Nicht nur, weil wir mit Nirvana, Pearl Jam und Tupac die coolere Musik hatten. Aber auch.

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