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Warum gibt's so oft rohes Fest statt stiller Nacht? "Weihnachten ist zur Harmonie verdammt"

Ausgerechnet zu Weihnachten brechen oft Konflikte aus. Aber warum eigentlich? Familienpsychologe Professor Hantel-Quitmann erklärt das Problem mit den Erwartungen - und wie man das Fest retten kann.
Von Jessica Wagener

Wenn man dem Neffen die Blöckflöte entreißen, Onkel Uwes Whiskeyflasche selber exen und dem nölenden Partner Lametta in den Hals stopfen möchte, dann ist Weihnachten auf seinem hässlichen Höhepunkt. Jährlich warten nicht nur Geschenke, sondern auch familiäre und partnerschaftliche Konflikte darauf, ausgepackt zu werden.

Für festlichen Zwist gibt es diverse Anlässe: Die meisten Paare streiten sich zu Weihnachten über das Verhalten von Verwandten, wo und mit wem die Feiertage verbracht werden sollen und darüber, dass kein Freiraum an den Festtagen bleibt. Das zumindest ergab eine Studie von ElitePartner. Bishin zu Größe und Aussehen des Tannenbaums sowie zur Planung des Weinachtsmenüs reicht die Palette der Streitquellen. Dabei sollte es doch gemütlich sein - gefälligst!

Genau da liegt einer der Gründe, warum ausgerechnet Weihnachten in Stress und Ärger gipfelt. Wolfgang Hantel-Quitmann, 63, Professor für Familienpsychologie in Hamburg, erklärt: "Weihnachten ist als Fest der Familie verdammt zu Glückseligkeit und Harmonie. Je höher die Erwartungen, desto größer die möglichen Enttäuschungen." Schönstens soll es werden, besinnlich bis zur Besinnungslosigkeit. Dabei stressen nicht nur die eigenen, sondern auch die Erwartungen der Familie. Jeder hat andere Vorstellungen idealer Weihnachtlichkeit. "Zu den Konflikten in der Paarbeziehung kommen zu Weihnachten noch die Generationenbeziehungen hinzu. Wir haben so nicht nur den einfachen Harmoniedruck, sondern den erweiterten. Dann fühlen sich Paare oftmals gefangen zwischen ihren Eltern und ihren Kindern", sagt Hantel-Quitmann.

Auch Kinder stellen eine Festtagsherausforderung dar, in jeder Altersstufe eine andere. Der Familienwissenschaftler rät: "Bei kleinen Kindern sollte man nicht das Materielle in den Vordergrund stellen, sondern sich fragen: Worüber freut sich das Kind, was möchte es gern erleben? Gute Elterlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass man die Welt mit den Augen der Kinder sieht. Das kann auch bedeuten, dass Mama und Papa einfach eine Stunde länger mit dem Kind im Bett bleiben und toben. Mit den älteren Kindern sollte man am besten offen reden. Wenn allerdings der Kontakt das Jahr über nicht gut war, dann wird man das zu Weihnachten nicht ändern können."

Entwickeln Sie einen eigenen Stil

Und wie geht man dann mit dem pubertären Weihnachtsverweigerer um? Locker bleiben, lange Leine lassen. "Wenn die Jugendlichen feiern gehen und erst spät nach Hause kommen, dann muss man sie nicht zum Frühstück zwingen. Es reicht, wenn man gemeinsam Mittag isst. Auch hier geht es ums Runterhängen der Ansprüche." Einen Mindestanspruch an Mitwirkung dürfen und sollten die Eltern aber klar formulieren.

Es gibt auch grundsätzliche Maßnahmen, um Dampf aus dem weihnachtlichen Druckkessel abzulassen. "Ein Paar, das gemeinsam Weihnachten angeht, sollte darüber sprechen. Und mutig sein, einen eigenen Stil zu entwickeln. Man muss nicht immer das machen, was die Familie oder die Gesellschaft tut oder erwartet. Sondern das, was beide sich gezielt vornehmen", so Hantel-Quitmann. Das allerdings erfordert Ehrlichkeit. "Einen eigenen Stil erreicht man durch Kompromisse, Variationen des bisher Bekannten, mutige Entscheidungen oder durch Abgrenzung." Den Eltern und Schwiegereltern erklären, dass man das Fest in diesem Jahr in einer Hütte in Dänemark verbringt - schwierig, aber nicht unmöglich.

Natürlich hängt das weihnachtliche Zoffpotenzial von der jeweiligen Familie ab. Verwandte, die sich sonst freundlich und entspannt gegenüberstehen, werden auch zum Fest mit weniger Eskalation zu kämpfen haben als Familien, in denen es brodelt. Das weiß auch Hantel-Quitmann: "Es gibt Streitfamilien, die ohnehin zu wiederholten Konflikten tendieren und Weihnachten bietet viele Anlässe dafür. Zwei Aspekte sind wichtig: Wie hoch sind die bereits vorhandenen Konfliktpotenziale? Wie gut kann die Familie miteinander kommunizieren?"

Aber was, wenn offene Gespräche nicht möglich sind? Dann gilt: ruhig bleiben, Auszeit-Inseln schaffen, Termine nicht so eng legen. Den kleinsten gemeinsamen Nenner finden - was ist wem wirklich wichtig, worauf kann wer verzichten? Erwartungen runterschrauben. Und bitte keinen Aufstand wegen falscher Geschenke.

So sieht es auch der Familienpsychologe: "Ein Problem zu Weihnachten ist eine weitgehende Kommerzialisierung der Liebesbeziehungen, wobei sich die Liebe in Euro messen lassen muss. Wie wäre es mit Muße ohne Fernsehen oder Spielkonsole, persönlicher Nähe bei guten Gesprächen, langen Spaziergängen?"

Dabei müsste der Neffe dann wohl auch seine Blockflöte zu Hause lassen - endlich stille Nacht.


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