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"Ich will aber Kartoffelsalat!": Warum wir Weihnachten wieder zu Kindern werden

Kein Feiertag lebt so stark von Traditionen wie Weihnachten. Wir hören die immer gleichen Lieder, essen das immer gleiche Essen und sehen die immer gleichen Filme - und wehe, etwas wird verändert!

Von Viktoria Meinholz

Richtig gemütlich ist es zu Hause doch nur mit den richtigen (Weihnachts-)Socken!

Richtig gemütlich ist es zu Hause doch nur mit den richtigen (Weihnachts-)Socken!

Gerne würde Mama an Weihnachten mal etwas anderes essen als Kartoffelsalat und Würstchen oder Gans mit Rotkohl. Aber die Kinder bestehen darauf. Die großen Kinder, die schon lange nicht mehr zu Hause wohnen und Kartoffelsalat den Rest des Jahres nicht anrühren. Aber an Weihnachten, da muss alles genauso sein wie früher. Da führen sich Menschen, die schon lange wählen und Autofahren dürfen, plötzlich auf wie Fünfjährige. "Ey, das ist mein Platz", wird der jüngere Bruder angeranzt, "da habe ich schon immer gesessen!" Oder: "Wo ist der Engel, der sonst immer ganz oben auf dem Weihnachtsbaum sitzt?"

Rituale sind nicht nur für kleine Kinder wichtig. Der Psychotherapeut Doktor Wolfgang Krüger erklärt: "Wir erleben gerade eine wahre Renaissance der Rituale. In einer Zeit, die völlig aus den Fugen zu geraten scheint, schaffen die Menschen sich so Orientierung." Und während es zu Karneval gesellschaftlich akzeptiert ist, über die Stränge zu schlagen, darf man sich zu Weihnachten eben wie ein Kind benehmen, ohne dass jemand komisch guckt. Es ist die Zeit im Jahr, in der es völlig in Ordnung ist, dass Mama und Papa alles erledigen und der Nachwuchs die Füße hochlegt.

Kartoffelsalat ist Sicherheit

Den Rest des Jahres schlagen sich die erwachsenen Kinder in der wirklichen Welt durch. Im Gerangel um Studienplatz, Job und Altbauwohnung haben sie gelernt, sich durchzusetzen. Sie verhandeln mit Handwerkern und Headhuntern und erledigen all die unbequemen Dinge, die zu einem eigenständigen Leben dazu gehören. Doch betreten sie ihr altes Zuhause, verwandeln sie sich zurück in ihr achtjähriges Ich. Und das besteht auf Brot ohne Rinde, angewärmte Socken und den 24-Stunden-Service im Hotel Mama.

"Das Leben ist hart", sagt Krüger. "Erwachsen zu sein ist ernüchternd und schwierig. Wir müssen doppelt so viel leisten, wie wir wollen und bekommen nur die Hälfte von dem, was wir uns vorgestellt haben." Die Verantwortung einmal abzugeben könne unglaublich erholsam sein. "Wenn diese Rückkehr in die Kindheit zeitlich begrenzt in einem Ritual vollzogen wird und wir uns dann ermutigt und gestärkt wieder dem Leben zuwenden können - warum nicht?", meint Krüger.

In der wirklichen Welt haben die erwachsenen Kinder gelernt, dass Sicherheit eigentlich nicht existiert. Arbeitsplätze, Beziehungen, Busfahrpläne - alles verändert sich dauernd und ohne Vorwarnung. Da soll zumindest bei Mama und Papa alles so bleiben, wie es immer war. Jeder strebt nach Sicherheit - und das ist manchmal Kartoffelsalat mit Bockwürstchen.

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