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Kommentar

Weltfrauentag: Keine Rosen, bitte!

Frauen kriegen zum Internationalen Frauentag von der Gewerkschaft Rosen geschenkt. Unsere Autorin empfindet das als eine Unverschämtheit. Eine Abrechnung.

Rosen zum Weltfrauentag

Eine Rose zum Weltfrauentag als Zeichen der Wertschätzung? Was für eine altbackene Idee der Gewerschaft ver.di.

Vor ein paar Tagen fragte mich ein Kollege, ob ich mit ihm am Internationalen Frauentrag für Verdi  verteilen würde. An Frauen. Als Zeichen der Wertschätzung, sozusagen. Ich lehnte ab. Ich will keine Rose. Schon gar nicht von einer Gewerkschaft, deren Boss seit Jahren ein Mann ist - wie bei den meisten Gewerkschaften in Deutschland. Während die Frauen auf Stellvertreterposten hocken. Eine Rose am Frauentag ist eine Beleidigung. Wie ein Tätscheln über den Kopf.

Ich will keine Rose, solange Frauen in diesem Land im Schnitt über 20 Prozent weniger verdienen als . Es tröstet mich auch nicht, dass die Große Koalition ein "Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern" schaffen will. Dieses Recht ist fast 70 Jahre alt, ohne dass es je umgesetzt worden wäre. Schon in der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 steht: "Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit." Seitdem ist das zig Mal wiederholt worden. In Rom 1957. 2000 in den Verträgen von Nizza. Und in Lissabon 2007. Aber Papier ist halt geduldig. Auch bei den Gewerkschaften, die jetzt Rosen verteilen, standen Frauenberufe bei den Lohnverhandlungen so gut wie nie an erster Stelle. Meistens ging es um Jobs in der Industrie, also traditionell um Männerberufe.

Eine Kunstrose, die nicht duftet

Und auch das geplante Gesetz ist nicht mehr als eine Absichtserklärung. Eine Kunstrose, die gut aussieht, aber nicht duftet. Denn betroffen sind nur große Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern. Und wenn sich die Firma weigert, bleibt den Frauen nur der Gang zum Gericht, wie ihn die preisgekrönte Journalistin Birte Meier kürzlich gewagt hat. Sie verklagte das , weil sie weniger verdiente als ihre männlichen Kollegen. Und verlor, weil sie halt nicht festangestellt war. Dass sie dieselbe Arbeit leistete, zählte für den Richter nicht.

Apropos ZDF. Ich will keine Rose, so lange Politikerinnen in diesem Land im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur besten Sendezeit als "alte Fregatte" beleidigt werden. So wie neulich in der "heute Show". Anlass war, dass Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit einer über 50 Jahre alten Transall aus Litauen nach geflogen werden musste, weil ihr nagelneues Flugzeug vorher kaputt gegangen war. "Jetzt mal wirklich, mit so einer über 50 Jahre alten Fregatte nach Hause fliegen, das geht gar nicht, dachte sich die Transall", sagte der Moderator, ein dicklicher Eierkopf mit ausgeprägter Stirnglatze, vor über vier Millionen Zuschauern im ZDF. "Dieser Gag wurde Ihnen präsentiert von der Zeitschrift Emma", fügte die Stirnglatze hinzu, damit gleich mal klar war, in welcher Ecke die landen, die es wagen sich zu beschweren. In der muffigen Feminismus-Ecke. Es beschwerte sich nur niemand. Shitstorm? Fehlanzeige.

Ich will keine Rose, solange Kinder "in Deutschland nach wie vor ein Risiko fürs Berufsleben von Frauen" sind, wie Jutta Allmendinger, eine der bekanntesten Soziologinnen Deutschlands, schreibt. Vielen Frauen gelingt der Wiedereinstieg in ihren alten Beruf nach dem Kinderkriegen nicht. "Eine Rückkehr in die Vollzeitbeschäftigung ist fast keiner Frau möglich. Der Zugang zu gutem Einkommen und beruflicher Karriere bleibt ihnen meist verschlossen", schreibt Allmendinger. Fast jede fünfte Frau verliert in diesem Land nach der Elternzeit ihren Job. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Studie "Familie 2010" des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Die Elternzeit, eingeführt, um hoch qualifizierten Frauen das "Wagnis Kind" schmackhaft zu machen, wie die ehemalige Familienministerin es in einem stern-Interview mal genannt hat, ist eine Rose mit gefährlich spitzen Dornen.

Alleinerziehende brauchen Kohle, keine Rosen

Ich will keine Rose, so lange Frauen, die ihr Kind alleine erziehen, in diesem Land Gefahr laufen zu verarmen. Kinderarmut hängt in Deutschland ganz wesentlich mit der Armut von Alleinerziehenden zusammen. So steht es schwarz auf weiß in einer Bertelsmann-Studie. Jedes zweite Kind, das auf Hartz IV angewiesen ist, lebt bei einem Elternteil. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Frauen, die Vater Staat abzockt. "Insgesamt machen es die hohen Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben Alleinerziehenden schwer, mit ihrem selbst erwirtschafteten Einkommen ihre Familie zu versorgen", liest man in der Bertelsmann-Studie. Alleinerziehende brauchen keine Rosen. Sie brauchen mehr Kohle. Als Alleinerziehende würde ich jedem, der mir am Frauentrag eine Rose reicht, die Blume um die Ohren hauen. Und zwar links und rechts.

Ich will keine Rose, so lange in der Bundesregierung eine Ministerin sitzt, die Eltern eine zusätzliche Wählerstimme pro Kind zuschanzen will. Das Familienwahlrecht, für das sich nicht nur die amtierende Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) einsetzt, sondern auch ihre Vorgängerin und Parteifreundin Renate Schmidt, verleiht der Stimme einer Frau erst Gewicht, wenn sie Kinder bekommen hat. Sie macht Kinderlose zu Wählern zweiter Klasse. Davon mal abgesehen, dass das verfassungswidrig ist, ist es zutiefst frauenfeindlich. Es ist noch keine 100 Jahre her, dass Frauen in Deutschland das erste Mal wählen durften. Im Kaiserreich waren nur Männer über 25 wahlberechtigt. Erst am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland das erste Mal die Nationalversammlung wählen. Sie hatten – nach einem langen, langen Kampf – endlich das aktive und passive Wahlrecht. Die Sozialdemokratinnen Schwesig und Schmidt sollten das eigentlich wissen. Ihre Partei war die erste, die 1891 das Wahlrecht für Frauen forderte. Das Familienwahlrecht ist keine Rose. Es ist eine giftige Tollkirche.

Grabschen bis 2016 straflos

Ich will keine Rose, solange sexuelle Übergriffe auf Frauen an der Tagesordnung sind. Und Gesetzgeber erst darauf reagieren, wenn es zu spät ist. Denn erst nach den zigfachen sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln in der Silvesternacht 2015/2016 fiel Justizpolitikern plötzlich auf, dass da eine Lücke im Sexualstrafrecht klaffte. Das bloße Grapschen war bis 2016 nämlich straflos.

Und noch immer gibt es Richter, die Urteile fällen wie dieses: Armin H. hatte versucht, drei Frauen mit vorgehaltenen Teppichmesser zu vergewaltigen. Dafür war er zu über vier Jahren Knast verurteilt worden. Doch dann durfte er Hafturlaub nehmen. Kaum frei, überfiel er die nächste Frau, versuchte, auch sie zu vergewaltigen. Deshalb saß Armin H. vor wenigen Wochen wieder auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wollte ihn in Sicherheitsverwahrung stecken. Immerhin hatte er vier Frauen überfallen. Der Richter sah das nicht ganz so eng. Die vierte Frau hatte geschrien. Der Täter hatte daraufhin von ihr abgelassen. Ein "freiwilliger Rücktritt von der Tat", argumentierte der Richter rein juristisch und verurteilte Armin H. nicht wegen versuchter Vergewaltigung, sondern wegen Körperverletzung. In Sicherheitsverwahrung muss er deshalb nicht. "Sie haben halt Glück gehabt", sagte der Richter zu dem Sex-Täter, der das Urteil sofort annahm. Hoffen wir, dass die Frauen, die Armin H. künftig begegnen, auch Glück haben.

Rosen machen dieses alltägliche Unrecht nicht wett. Sie verniedlichen es. Ja, ja, ich weiß: Ist doch nur gut gemeint. Aber wie sagte Tucholsky: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und Frauen bekommen nur allzu oft Rosen geschenkt, wenn Mann sie bezirzen will.


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