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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Wenn der Münchner zum Skifahren geht, kriegt er überall einen Anschiss

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal schildert sie ihre Erfahrungen mit Münchnern, die zum Skifahren auf "ihren" Berg kommen.

Eine junge Frau sitzt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einer Skipiste

Wenn das mit dem Skifahren nicht so richtig funktioniert, führen kalte Füße zu schlechter Laune. Aber hinterher heißt's trotzdem (auf Instagram): "Schee war's!"

Getty Images

Wenn der Münchner zum Skifahren geht, fährt er in der Regel an das Brauneck, auch bekannt als der Münchner Hausberg. Ganze Generationen haben hier Skifahren gelernt, weil dieser Berg das nächstgelegene Skigebiet vor Österreich ist. Das ist der Berg neben dem ich wohne. Der Münchner stellt Ende der Weihnachtsferien fest, dass es in der Stadt zwei Zentimeter geschneit hat und am nächsten Tag sonniges Wetter vorhergesagt ist. Er schlägt also seiner Sozialpädagogik studierenden Freundin Klara-Angela vor, am nächsten Tag "Skilaufen" zu gehen. Die erinnert sich an ihre mittelmäßige Skikunst und die ständig kalten Hände und Füße.

Der Plan ist, am nächsten Morgen um Punkt acht Uhr loszufahren, um pünktlich um 9.15 Uhr am Lift zu stehen. In Wirklichkeit wachen die beiden erst um halb neun auf und die Freundin ist bis halb zehn nicht abreisebereit. Sie will nach dem ausgiebigen Frühstück lieber noch mal aufs Klo. "Leonhard, hör mal. Es grummelt ganz komisch!"

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Kleine Verzögerungen

Nachdem die Sozialpädagogin erfolgreich beim Schei*** war, suchen beide ihre Skiklamotten zusammen. "Wo ist mein Skirolli???? Ich hab den hier hingelegt! Hundert Prozent! Hast du den weg?!" "Fu**! Die Skihose passt nicht mehr!" "Hast du noch Skisocken?" Bis der Leonhard die Ski und Stecken im Auto und seine Freundin das Frühstück weggeräumt hat, ist es ist es zehn. Um zehn nach zehn, auf der Autobahn, bemerkt sie, dass sie ihr Handy vergessen hat und weigert sich, ohne am Ski-Ausflug teilzunehmen. Das wäre ja noch schöner! Der ganze Aufwand und dann kann man nicht mal Fotos auf Instagram teilen! Also fährt Leonhard die nächste Ausfahrt raus, um das Handy zu holen. Die beiden kommen schließlich um 11.30 Uhr am Berg an.

Das Brauneck ist ... sagen wir mal sportlich. Perfekt gewalzt geht anders. Außerdem ist es eng, meist überlaufen und nicht wirklich touristenfreundlich. Wie man das merkt? Ganz einfach, man bekommt immerzu einen Anschiss. Das fängt schon beim Anfahren an. Am Parkplatz angekommen erwartet einen ein eingeborener Parkeinweiser, der einem nach kurzer Zeit zubrüllt: "Sag a mal? Spinnst du?! Du konst doch koane zwoa Meta weg von dem andern Fahrzeug parkten, du Dodel!!" Es bedarf mehrerer Anschisse, bis das Auto annehmbar steht.

Mit der Kleidung stimmt was nicht ...

Anschließend erklärt die Klara-Angela äußerst überzeugend, dass sie keine Chance sieht, jemals in die Skischuhe reinzukommen, aus unerklärlichen Gründen. Letztes Jahr passten die noch super. Dann fällt ihr auf, dass der Leonhard eine Daunenjacke trägt. "Sag mal, spinnst du?! Weißt du, wie viele Gänse dafür leiden müssen? Des geht echt gar nicht!" Die Argumente ihres Freundes, dass das jetzt nicht mehr zu ändern und die Jacke schon neun Jahre alt sei, werden ignoriert. "Boah, des geht echt gaaaar nich! Ich bin voll enttäuscht von dir …"

Gegen 12.20 Uhr sind beide ausreichend bekleidet und staxeln mit den Skiern – unter der Taille, gekreuzt auf der Schulter oder irgendwo anders eingeklemmt – zum Kassenhäuschen. Nachdem man erfolgreich 20 Minuten angestanden ist und die Ehre hat, mit der Ticketverkäuferin zu sprechen, wird man empfangen mit den Worten: "Was wuist?!" "Zwei Tagestickets für Erwachnsene, bitte. Die Klara-Angela studiert noch im sechsten Semester. Ich hab zwar einen Bachelor in BWL, überlege aber, mich noch woanders einzuschreiben. Was gibt’s da für Ermäßigungen?" Zu dem Zeitpunkt hat die Ticketverkäuferin schon missmutig zwei Erwachsenenpässe mit den Worten "86 Euro!" in die Drehscheibe geworfen. Fragen bezüglich der Zusammensetzung des Preises werden entnervt beantwortet mit: "Des kost 86  Euro!"

Der Weg zur Piste

Beim Befüllen der Gondel wird der Münchner wieder gerügt. "Auf geht’s, auf geht’s! Da geht no oaner eini!" "Wir möchten gerne zusammen auf den Berg fahren." "Geh weider! Eini do! Da gibt’s koane Extrawürscht!", antwortet der Liftler (bayrische Berufsbezeichnung für einen an Lift, Gondel, Schlepper angestellten Arbeiter).

Die beiden hatten Glück und durften die Auffahrt auf den Berg gemeinsam bestreiten, haben aber während der 20-minütigen Fahrt keinen Gedanken ans Fertigmachen vergeudet. Sie steigen also aus und fangen erst mal an, die Skischuhe zu schließen, die Reißverschlüsse der Jacken zuzuziehen, die Einstellung der Helmgurte zu optimieren und die Handschuhe überzustreifen. Klara-Angela quengelt, dass der Skischuh zu eng ist, außerdem hat sie jetzt schon kalte Hände. Leonhard stellt fest, dass es eine blöde Idee war, nur die kleine Sonnenbrille mitzunehmen statt einer richtigen Skibrille. Seine Freundin bemerkt, dass sie wahrscheinlich schneeblind wird, weigert sich aber, die uncoole Skibrille aufzusetzen.

Nächste Diskussion: Wo fahren wir?

Leonhard: "Hier gleich links. Die Weltcup-Abfahrt."
Klara-Angela : "Ist die schwarz? Leo! Ich fahre auf gar keinen Fall eine schwarze Piste! Auf gar keinen Fall!"
Leonhard: "Die ist nur teilweise schwarz."
Klara-Angela: "Ich fahr auf keinen Falle 'ne schwarze! Is das klar Leo!!?"
Leonhard (beschwichtigend, mit Pistenplan in der Hand): "Ich glaub, wenn wir jetzt da vorne rechts fahren und uns dann links halten, kommen wir auf die Familienabfahrt. Die ist blau und teilweise rot. Ist das okay, Klara?"
Klara-Angela: " Ich glaub', ich muss aufs Klo."

Der Freund gibt noch einige Anweisungen bezüglich Skitechnik, nachdem seine bessere Hälfte erfolgreich von der Toilette zurück ist, während sie sich die drei Grad steile Familienabfahrt hinunterstürzen. Leo brüllt Klara-Angela immerzu bescheuerte Tipps zu: "Immer aus den Fersen beschleunigen!" Oder: "Du musst die Ski näher zusammenhalten!" Sie denkt sich: "Halt die Klappe, fährst ja selber mies."

Hunger!

Mittlerweile ist es 13.15 Uhr. Um 13.45 hat die Klara extrem kalte Füße. "Du, ich glaub' echt die frieren ab!" Es hat zu diesem Zeitpunkt minus 3,5 Grad am Brauneck. Um 14 Uhr wird die erste Hütte angesteuert. Nach 15-minütiger Wartezeit wird ein Tisch frei. Das Mädel bemerkt als Erstes: "Hier gibt’s ja kaum was Vegetarisches!" – um anschließend die Dampfnudel zu verspeisen. Leo bestellt Schnitzel mit Pommes. "Hallo, Fräulein! Hätten Sie bitte etwas Majonäse zu seinen Pommes frites?" Die Antwort der Bedienung, "Na, an Ketchup konnst hom!", wird irritiert zur Kenntnis genommen.

Mittlerweile ist es 15.15 Uhr und die beiden sind bis dato 45 Minuten skigefahren. Als die nächste Piste angesteuert werden soll, jammert Klara-Angela, dass es mittlerweile eisig ist und sie Angst hat. Außerdem hat sie eh keinen Bock mehr und das Instagram-Foto hat sie auch noch nicht gemacht. Leo geht auch allmählich die Kraft in den Oberschenkeln aus. Um 15.45 Uhr sind beide wieder am Auto. Aber schee war's!

Ab nach Hause!

Jetzt beginnt auch gleich der Skifahrer-Stau im Ort. Das nächste große Nadelöhr ist dann Bad Tölz, wo man mindestens 45 Zeit im Stau einplanen muss und dann in München erst recht noch mal. Um 18.30 Uhr sind beide wieder zu Hause. Sie sind effektiv eine Stunde und 15 Minuten Skigefahren, haben mehrere Anschisse kassiert, beide waren zu irgendeinem Zeitpunkt sauer aufeinander. Der Spaß hat 86 Euro (Skipass), 40 Euro (Benzin), 46 Euro (Essen auf der Hütte) und 14 Euro für Skiwasser gekostet, weil sie vor der Heimfahrt noch so Durst hatten. Macht summa summarum 186 Euro für den Tag. Zuzüglich Ski, Stecken, Helm, Brille, Handschuhe, Skiunterwäsche, Hose und Jacke für beide. Aber schee war's!

Hier folgt der ultimative Zehn-Punkte-Plan "to do it like a Pro", auch mit schwieriger Freundin:

  1. Drei Tage vorher: Skischuhe, Skier und Kleidung werden auf Passform und Größe überprüft und ggf. ersetzt.
  2. Einen Tag vorher: Beide suchen sämtliche ihre Skikleidung zusammen (auch Unterwäsche und Socken). Leo bestückt das Auto mit den Skiern bereits heute.
  3. Am Abreisetag: Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Beide stehen erbarmungslos auf. Auf das gemütliche Frühstück wird verzichtet, stattdessen bereitet die Klara zwei belegte Semmeln vor, die während der Autofahrt gegessen werden können. Das Vergessen des Handys wird ignoriert.
  4. Nachdem man pünktlich um 7 Uhr losgefahren ist, steht man um 8. 15 Uhr ohne anzustehen am Kassenhäuschen und befindet sich gesammelt um 8.30 Uhr in der Gondel.
  5. Die Auffahrtzeit wird genutzt, um die Skischuhe zu schließen, alle Brillen zu putzen, den Schal zurechtzurücken und die Reißverschlüsse zu schließen, damit man um 8.45 Uhr ...
  6.  ... direkt auf die frisch gewalzte, nicht vereiste und nicht abgefahrene Piste zu starten, bei der sogar Klara-Angela Spaß hat und sich deswegen auf die schwarze Piste einlässt. Nachdem die beiden die schwarze Piste gemeinsam bewältigt hat, geben sie sich ein High five und die Klara hat so Blutdruck, dass sogar die Füße warm sind.
  7. Kurz vor zwölf ist man bereits drei Stunden skigefahren, geht in die Hütte, bekommt sofort einen Platz und recht schnell sein Essen, weil man einer der Ersten ist.
  8. Gegen 13 Uhr geht’s wieder los auf die Piste, wo nix los ist – weil alle anderen beim Essen sind. Deswegen kann man bis 15 super fahren.
  9. Um 15 Uhr hört man auf, nachdem man fünf Stunden toll skigefahren ist und sich gegenseitig erzählen kann, wie aufregend die schwarze Piste war.
  10. Um 16 Uhr ist man zu Hause, weil man rechtzeitig vor dem Stau gefahren ist.

Ist eigentlich nicht so schwer. Oder?

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