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Youtuber Freshtorge: Total geerdet - der Superstar aus Wesselburen

Auf dem Youtube-Kanal Freshaltefolie hat Torge Oelrich 1,2 Millionen Abonnenten, die meisten zwischen 13 und 18 Jahren. Sie lieben den Mann vom Dorf und seine Comedy-Rollen. Ein Blick in sein Leben.

Von Susanne Baller

Toooorgeeeee!!!, kreischen die Mädchen, als wären es die 1960er Jahre und die Beatles kämen gerade die Rolltreppe heruntergefahren. Seit Stunden haben sie vor der Buchhandlung herumgelungert, in der Freshtorge eine Signierstunde für sein neuestes Werk, "Mein Tagebuch", geben soll. "Wer ist das?", fragt jeder jenseits des 18. Lebensjahres, der die Schlange vor dem Laden gesehen hat und einen Blick ins Innere erhaschen konnte. "Ein Internet-Star", erklären die Sicherheitskräfte, die die Menge im Zaum halten.

Freshtorge, der eigentlich Torge Oelrich heißt, ist ein Youtuber und dies ist seine erste "Tournee". Seine Fans, 1,2 Millionen Abonnenten und alle anderen, sehen sich seine Comedy-Clips an und sind in der Regel jung. Die Filmchen, die der 26-Jährige von der Nordseeküste online stellt und bei denen er in verschiedene Rollen schlüpft, begeistern Teenager. Hauptsächlich Mädchen zwischen 13 und 15 sind in die Hamburger Europapassage gekommen, um ihn einmal live zu sehen. Sie haben ihm Geschenke mitgebracht, Dinge, die er mag: Mezzomix, Zitronen, Überraschungseier. Das Event ist perfekt durchorganisiert: Die Teenies stehen artig an, geben ihr Handy ab, gehen einer nach dem anderen an Torges Tisch und legen das zu signierende Objekt vor ihn. Doch bevor sie die begehrte Unterschrift in Empfang nehmen, wird erstmal gekuschelt - das Highlight für die weiblichen Fans. Eine Dame vom Carlsen Verlag macht dabei das erste Foto auf dem entgegengenommenen Smartphone. Dann kommt das "Wie heißt du denn?" von Torge, sein Autogramm auf Buch, Poster- oder Merchandising-Kram, alternativ auf ein mitgebrachtes Longboard oder eine iPhone-Hülle. Abschließend folgt das gemeinsame Posen, Star und Fan cheek to cheek, Foto, Abgang. Strahlendes Lächeln oder Tränen der Überwältigung. Am Vortag in Wien hatten sie ganze Dialoge auswendig gelernt und ihm vorgetragen. Leidenschaftlich sind sie, die Mädels, die ihn lieben.

Wie alles begann

Torge betreibt auf Youtube den Kanal Freshaltefolie , auf den er jeden Samstag um 14 Uhr ein neues Video hochlädt. Wie viele es insgesamt sind, weiß er nicht mehr, er hatte schon mehrere Kanäle und hat seine ersten Filme nicht archiviert. Angefangen hat Torge 2007/2008 damit, auf Partys seine Freunde zu filmen und die Videos online zu stellen. "Da habe ich noch gar nicht gewusst, dass meine Filme für alle sichtbar sind, ich dachte, nur meine Freunde, denen ich den Link schicke, können sie sehen." Richtig begriffen, welche Möglichkeiten Youtube bietet, hat er, als er ein ironisches Filmchen an RTL gerichtet hat, in dem er sich darüber beschwert hat, dass der Sender die auf Youtube gezeigten "DSDS"-Folgen sperrt. Da "DSDS" ein nachgefragter Suchbegriff war, landete Torge plötzlich ganz oben bei Google. 200.000 Leute sahen sein Video - und er legte nach.

Aktuell spielt Torge seine Clips in acht bis zehn Rollen: Sandra, eine extrem nervige, naive Schülerin, die ständig Liebeskummer hat, ist zwar nicht sein Favorit, aber ganz klar der seiner Zuschauer. Ihn selbst begeistern seine neuen Figuren: "Bei denen macht es am meisten Spaß, sie weiterzuentwickeln und Sachen zu entdecken, während man sie spielt. Im Moment mach ich den Wendler sehr gerne spielen. [Norddeutsch] Das kann sich aber nächste Woche schon wieder ändern."

Torge im echten Leben

Am 11. September 1988 kam Torge in Heide zur Welt. Was für ein Datum! Wie hat er seinen 13. Geburtstag gefeiert? "Ich hatte einen Kumpel zu Hause, ich wollte erst am Wochenende mit meinen anderen Freunden feiern. Und ich habe an dem Tag ein Spiel bekommen, einen Flugsimulator, und saß also mit meinem Kumpel oben in meinem Zimmer und wir sind den ganzen Tag irgendwo reingeflogen. Wir fanden's halt lustig. Meistens in den Eiffelturm. Dann rief Muddi hoch und sagte 'Kommt mal runter, irgendwas ist da gerade passiert!'. Wir haben uns vor den Fernseher gesetzt und konnten das aber gar nicht so greifen, wie groß diese Türme waren und so. Es war eine ganz komische Stimmung. Dann haben wir Oma abgeholt und den ganzen Tag ferngesehen. Und ich weiß noch, als sie gesagt hat 'Hoffentlich bin ich bald tot, dann muss ich den dritten Weltkrieg nicht mehr miterleben', dachte ich so 'Oh, was passiert hier denn gerade?'. Da habe ich dann verstanden, es passiert gerade was ganz ganz Schimmes. Ein unvergesslicher Tag."

Sein Leben lang schon lebt Torge in Wesselburen, einem 3000-Einwohner-Dorf direkt an der Nordsee. Zehn Minuten Fußweg trennen ihn von seinen Eltern. Hat sich seine Popularität auf den Tourismus im Ort ausgewirkt? "Ein bisschen tatsächlich schon. Nicht, dass man das in großen Zahlen messen könnte, aber dadurch, dass ich in den letzten ein, zwei Jahren den Namen hin und wieder sage, erzählen mir die Leute aus der Touristeninformation, dass ganz viele Erwachsene sagen: 'Wir sind extra wegen unserer Kinder hier hochgefahren.' Weil die Kinder gesagt haben 'Wenn wir Urlaub an der Nordsee machen, dann aber da, wo Freshtorge wohnt!' Und das kommt immer wieder vor." Manche klingeln dann bei ihm und wollen ein Autogramm und kurz quatschen. "Das ist total verrückt."

Die Vormittage gehören Kindern

Torge arbeitet als Erzieher an zwei Grundschulen, eine davon in Wesselburen, die andere in einem noch kleineren Ort. Ab der vierten Klasse kennen die meisten seiner Schüler auch Freshtorge, manche schon in der dritten. "Die ganz Kleinen verstehen manchmal gar nicht, dass ich auch Sandra bin. Sie glauben, das sei meine Cousine und fragen dann 'Wann kommt Sandra mal wieder?'" Die Kinder finden es lustig und geben ein bisschen mit ihm an, wenn ihr Schulsozialarbeiter auf Ausflügen erkannt wird. "Das finden sie natürlich cool", erzählt Torge. "Aber sie haben nicht so den Durchblick, welche Reichweite das alles hat." Seine beliebtesten Videos sahen bis zu zehn Millionen Menschen.

In seinem Beruf ist er hauptsächlich für die Kinder zuständig, die soziale Probleme haben. Streit in der Familie und auf dem Schulhof, Schwierigkeiten mit dem Lehrer oder zum Beispiel auch für einen autistischen Jungen. Wenn er nicht ein Kind einzeln betreut oder in bestimmten Fächern dafür sorgt, dass es ruhig bleibt, "Ich kenne ja meine Pappenheimer", steht sein Büro meistens offen. Die Kinder kommen vorbei, man plaudert. "Bei manchen Eltern, die mich fragen 'Wie läuft es denn mit meinem Kind?', sage ich 'Ich kenne den Namen nicht und das ist ein gutes Zeichen'." Seine Arbeit mit den Kleinen erdet ihn, erzählt er. "Wenn ich 24 Stunden am Tag Youtube machen würde: oh Gott! Das wäre nichts für mich. Ich brauche auch mal Ruhe, deswegen lebe ich auch noch in Wesselburen." Die Kinder inspirieren ihn ebenso wie seine Fans in den Kommentaren: "Manchmal wünschen sie sich eine Geschichte und das ist total gut, weil genau sie gucken sich die Videos ja auch an!"

Freshtorge, "Mein Tagebuch", Carlsen, 9,99 Euro

Das gefällt ihm

"Ich finde immer noch Hape Kerkeling, wenn er sich verkleidet und in einer Rolle ist, super super gut." Hat er noch andere Comedy-Vorbilder? "Loriot in seinen Filmen. 'Papa ante Portas' ist einer der lustigsten Filme. Und, sehr stark, die Jungs von 'Little Britain', die ja auch in Rollen schlüpfen. Die sind einfach begnadete Schauspieler und super super gute Sketcheschreiber." Oft wird er auf Otto Waalkes angesprochen, "aber von dem hatte ich nur ein paar Kassetten".

Ach ja, Mädels, eine Freundin hat Torge auch.

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