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Zwangsverrentung: Wie Wolf in Rente musste, seinen Job verlor – und wiederbekam

Wolf ist verzweifelt: Das Jobcenter hat dem Berliner einen Tag vor Antritt einer geförderten Stelle den Job vermasselt, weil er einen Rentenantrag gestellt hatte. Er hatte das nie gewollt, aber die Aufforderung dazu kam in scharfem Behördenton.

Von Susanne Baller

Wolf steht im Grünen

Wolf im Grünen, er arbeitet gern in den Parks seiner Stadt. Ursprünglich hat er Maler gelernt, doch sein Arbeitgeber ging Ende der 1990er Jahre Pleite. 

Wolfgang B. ist Hartz-IV-Empfänger, 64 Jahre alt und möchte gerne arbeiten. Am liebsten als Gartenbauhelfer, das hat er schon öfter gemacht. Er hält die Parks sauber, sammelt den Müll auf, den die Berliner und die Touristen hinterlassen, gräbt ein bisschen um, harkt ein bisschen und kümmert sich um die Pflanzen. Er liebt es, draußen zu sein, im Sommer wie im Winter. Am 1. Juli soll sein neuer Job beginnen, bei der C.U.B.A. gGmbH, die ihm auf dem sogenannten Zweiten Arbeitsmarkt eine Stelle für ein Jahr zugesagt hat. In Berlin unterstützt der Senat das mit eigenen Mitteln, die Firmen erhalten innerhalb einer FAV (Förderung von Arbeitsverhältnissen) eine Kofinanzierung von 25 Prozent, sodass die Unternehmen bis zu 75 Prozent des Lohnes erstattet bekommen.

Kleine Getränkefläschchen hat sich Wolf, so nennen ihn seine Freunde, schon gekauft, es sind fast 40 Grad in Berlin. Eine Arbeitsjacke und neue Arbeitsschuhe hat er sich auch zugelegt, schließlich wird er die nächsten zwölf Monate wesentlich weniger Freizeit haben. Und er freut sich so darauf! Doch dann passiert es: Am 30. Juni, einen Tag bevor er hätte antreten sollen, klingelt sein Telefon. Die C.U.B.A. ist dran. Das Jobcenter habe sich bei ihnen gemeldet, Wolf könne die Arbeitsstelle nicht antreten, er habe ja Rente beantragt. Damit sei das Ganze dann hinfällig. Für Wolf bricht eine Welt zusammen. Er will nicht in Rente, er will arbeiten!

Was war geschehen?

"Angefangen hat das am 10. April", erinnert sich Wolf. "Da habe ich ein Schreiben bekommen, aus dem hervorgeht, dass ich geminderte Altersrente beantragen soll. Ich sollte meine Unterlagen bis spätestens zum 24. April im Jobcenter abgeben. Am 15. April war ich dann bei der Rentenversicherung, habe den Antrag gestellt und die haben mir das gleich wieder mitgegeben. Tags drauf habe ich die Unterlagen beim Jobcenter abgegeben und gedacht, damit wär's dann erstmal erledigt."

Einen Rentenbescheid hat Wolf bis zum 30.6., dem Tag, an dem der Anruf kam, nicht erhalten. Vielmehr war Ende Mai vom Jobcenter eine Einladung zu einer Infoveranstaltung für "speziell geförderte Arbeitsverhältnisse" gekommen, mit anderen Worten das Angebot, sich um eine FAV-Stelle zu bewerben. "Ich hatte vorher schon zweieinhalb Jahre beim Grünflächenamt gearbeitet, das war auch eine Maßnahme. Das hatten sie auch wieder im Angebot und darauf habe ich mich dann beworben. Ich hätte den Job ja auch bekommen", flüstert Wolf schon fast ins Telefon, als der stern am 1. Juli mit ihm spricht. Er ist total frustriert. Nicht nur hat er die Jacke und Schuhe nun für nichts und wieder nichts gekauft. "Ich hatte mich so gefreut, heute anfangen zu können und ein paar Euro mehr zu haben. Aber naja", kommt es resigniert aus dem Hörer. Der Zug ist abgefahren, er hat aufgegeben. Aus der Nummer kommt er nicht mehr raus. Nicht ohne Hilfe.

Warum genau hat Wolf Rente beantragt?

"In dem Schreiben stand: 'Sie sind verpflichtet Sozialleistungen anderer Träger in Anspruch zu nehmen und die dafür erforderlichen Anträge zu stellen, sofern dies zur Vermeidung, Beseitigung, Verkürzung oder Verminderung der Hilfsbedürftigkeit erforderlich ist.' Und: 'Aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung, vorrangige Leistungen in Anspruch zu nehmen, bin ich außerdem berechtigt, den Antrag ersatzweise für Sie zu stellen, wenn Ihre Antragstellung nicht umgehend erfolgt'", liest Wolf vor. "Das ist also gleich mit einer Drohung verbunden!" Wolf hat sich von dem Schreiben einschüchtern lassen, das Behördendeutsch und der Ton schienen ihm keine Wahl zu lassen. Auf den Hinweis, dass auf der Rückseite eine Rechtsbehelfsbelehrung stehe und er Widerspruch hätte einlegen können, antwortet er: "Oh, dit seh ick ja jetz erst!" 
Der gestellte Rentenantrag bedeutet nicht nur den Verlust der bereits bewilligten Stelle, sondern bringt auch weitere finanzielle Einbußen mit sich. An Hartz IV erhält Wolf 750 Euro, hätte er in einem Jahr den Rentenantrag gestellt, hätte er 590 Euro Rente monatlich bekommen. Durch die "geminderte Altersrente" sind es jetzt nur noch 490 Euro. Nicht nur für das eine Jahr, sondern für immer. Klar, dass er dann zusätzlich Sozialhilfe braucht.

Wie passiert so etwas?

Ausgestattet mit Wolfs Bedarfsgemeinschafts- und Kundennummer wendet sich der stern an das Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf, das für ihn zuständig ist. Durchgehend freundliche Mitarbeiter versuchen, jemanden zu finden, der weiterhelfen könnte. Der erklären kann, wie so etwas passiert. Doch der Geschäftsführer ist auf einem Außentermin, der Teamleiter hat seine Rufumleitung nicht ein geschaltet, bleibt nur die Möglichkeit, eine E-Mail an die Pressestelle zu schreiben. Ein Weg, den Wolf schon deswegen nicht hätte nehmen können, weil er weder einen Computer noch ein Smartphone besitzt.

Am nächsten Morgen kommt prompt der Rückruf und das Versprechen der Pressesprecherin Ilka Ludewig, sich zu kümmern. Aufklären, was da passiert ist, kann sie erst, wenn sie alle Details kennt. Wolf kann das schon jetzt: "Da weiß die rechte Hand nich, wat die linke tut", sagt er. Eine Bitte hat Ludewig noch: Wolf soll eine schriftliche Einverständniserklärung abgeben, damit der stern in seinem Namen nachfragen darf. "Kein Problem", sagt Wolf.

Eine Woche später

"Ich bin nicht glücklich, wenn so etwas passiert", sagt Andreas Peikert, Geschäftsführer des Jobcenters Charlottenburg-Wilmersdorf, einem der zwölf Berliner Bezirke. Peikert hat 34.000 Kunden "und es ist die Auflage des Gesetzgebers, dass wir uns um jeden kümmern, egal wie alt. Bei Herrn B. gab es ein Kommunikationsproblem. Der eine Mitarbeiter hat sein Alter gesehen, der andere nicht." Er sieht die Rentenaufforderung aus einer anderen Perspektive: "Eigentlich dient das Angebot, in Rente zu gehen, ja dazu, die Menschen über 63 von der zwangsweisen Arbeitssuche zu befreien. Und die geförderten Arbeitsverhältnisse kosten den Steuerzahler richtig Geld." Auf die Frage, ob diese Art Kommunikationsfehler häufiger passieren, antwortet er: "Ich habe etwa 100 gleichgelagerte Fälle, ich hoffe, die kommen jetzt nicht alle an."

Wolf ruft an und strahlt durchs Telefon. Er darf seinen Job nun zum 15. Juli antreten, muss nur noch seinen Antrag bei der Rentenversicherung rückgängig machen. Tags drauf berichtet er: "War gar kein Problem, dit janze hat zehn Minuten jedauert, dann war'n wa wieder draußen." Wolf hatte eine gute Freundin mitgenommen, zur Verstärkung, damit nicht auf den letzten Metern noch etwas schiefgeht. "Du kriegst ja immer den Mund nicht auf", hatte sie zu ihm gesagt. Dieses Mal hat er ihn aufgekriegt.

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