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Der seltsame Fall des Dr. Couney : Ein Fake-Arzt stellte 40 Jahre Frühgeburten in Vergnügungsparks aus – heute gilt er als Held

Von 1903 bis 1943 stellte ein Mann, der sich als Arzt ausgab, Frühgeburten in Vergnügungsparks aus. Was heute menschenverachtend klingt, hatte einen ernsten Hintergrund. 

Eine der sogenannten Baby-Inkubator-Ausstellungen

Eine der sogenannten Baby-Inkubator-Ausstellungen im Jahr 1909

25 Cent Eintritt kostete es, einem Baby dabei zuzusehen, wie es um sein Leben kämpfte. "Die ganze Welt liebt Babys" stand auf dem Eingangsschild des Ausstellungsraums, wie auf alten Fotos zu sehen ist. Drinnen lagen winzige Körper in Brutkästen aus Glas, um die sich die Zuschauer scharten wie um Tiere im Zoo. Die Babys trugen Puppenkleidung, weil nichts anderes ihnen passte. Ausstellungen nebenan zeigten Freak-Shows und Stripper. Von 1903 bis 1943 stellte der Luna Park auf Coney Island Frühgeburten aus, als seien sie eine Attraktion. So zumindest beschreibt es die Journalistin Claire Prentice in ihrem Buch "Miracle at Coney Island".

Der Mann, der hinter der Idee steckte, hieß Martin Couney. Damals dachten viele Ärzte, dass Frühgeburten anderen Babys genetisch unterlegen seien und die Kinder zu schwach seien, um zu überleben. Martin Couney dachte das demnach nicht. Er war ein deutsch-jüdischer Migrant, kein Professor und kein Arzt, auch wenn er sich dafür ausgab. Von vielen seiner Zeitgenossen wurde er deshalb als Scharlatan bezeichnet. Aber was auch immer seine genauen Motive gewesen sein mögen, ein grausamer Baby-Quäler war er nicht. Mit der Ausstellung der Frühgeburten, die heute menschenverachtend erscheint, soll er tausenden Babys das Leben gerettet haben.

Couney ging es offenbar nicht darum, Menschen mit Frühgeburten zu unterhalten. Er hatte verstanden, dass er den Frühchen nur unter diesem Vorwand das Leben retten konnte. Die Babys mit den Brutkästen am Leben zu halten, war teuer. 1903 kostete es nach Informationen der BBC pro Baby etwa 15 Dollar am Tag. Die amerikanischen Krankenhäuser glaubten zu dieser Zeit noch nicht an diese Technik oder konnten sie sich nicht leisten. Die Brutkästen musste sich Couney aus Frankreich kommen lassen, da die Entwicklung dort weiter war als in den USA. 

Er hätte Geld von den Eltern der Babys verlangen können, aber das tat er nicht. Stattdessen ließ er die Besucher des Vergnügungsparks zahlen. Zu Couneys Glück und zum Glück der Eltern waren es viele Besucher. Jeder schien damals die winzigen Babys sehen zu wollen.

Couney wollte nicht unterhalten, er wollte Leben retten 

Couney hatte Krankenschwestern und Ammen eingestellt, die sich um die Frühchen kümmerten, wie Prentice schreibt. Allen Angestellten verbot er, Alkohol zu trinken, zu rauchen, oder sich ungesund zu ernähren. Außerdem soll er aufgepasst haben, dass die Besucher den Babys nicht zu nahe kamen und wie zufällig immer wieder erwähnt haben, dass viele Hochbegabte wie Charles Darwin, Mark Twain oder Isaac Newton Frühchen waren. Offenbar wollte er das Ansehen der Frühgeburten erhöhen und dafür sorgen, dass sie nicht mehr, wie es damals oft der Fall war, als dem Tode geweiht betrachtet wurden. 

Die Frühgeburten machten Couney wohlhabend. Er nutzte das Geld, um weitere Ausstellungen zu eröffnen und weiteren Babys das Leben zu retten. Die heute 78-jährige Beth Allen war eines dieser Kinder.

"Ohne Martin Couney hätte ich kein Leben gehabt", sagt sie in der Dokumentation zum Buch "Der seltsame Fall des Doktor Couney". Fotos zeigen Allen als Baby auf dem Arm einer Krankenschwester in der Ausstellung von Martin Couney. Allen wurde 1941 in Brooklyn geboren. Sie und ihr Zwilling waren Frühgeburten, sollen nur etwa 500 Gramm gewogen haben. Ihr Zwilling starb zwei Tage nach der Geburt. Auch Beth Allen hielten die Ärzte für nicht überlebensfähig und rieten ihrer Mutter, sie in eine Ausstellung von Martin Couney zu bringen. Sie weigerte sich. "Mein Baby ist kein Freak", sagte sie, wie Allen erzählt. 

Also stattete Couney ihr einen Besuch ab – und war dabei offenbar überzeugend. Wenig später erklärte sich die Mutter einverstanden, ihm ihr Baby zu überlassen. Beth Allen blieb zwei Monate dort, bis Couney sie zurückbrachte. Denn nun brauchte sie keinen Brutkasten mehr. Von da an besuchte Beth Allen Martin Couney jedes Jahr zum Vatertag, auch zu seiner Beerdigung 1950 kam sie. "Als er starb, hatte er keinen Penny mehr, weil er all sein Geld für die Frühgeburten ausgegeben hatte", sagt sie in der Dokumentation.

Zu Lebzeiten galt er vielen als grausam und verrückt 

Couneys Ausstellung hielt sich 40 Jahre lang auf Coney Island. Bald gab es weitere in Atlantic City und innerhalb anderer Vergnügungsparks in den USA. Die erste Station für Frühgeburten in einem US-amerikanischen Krankenhaus entstand erst 1939. Also 36 Jahre nach Couneys Ausstellung auf Coney Island. 

Über Couney selbst gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Die Journalistin Claire Prentice, die das Buch "Miracle at Coney Island", also auf Deutsch "Das Wunder von Coney Island", schrieb, ist nach langer Recherche davon überzeugt, dass er nie eine medizinische Ausbildung hatte. 1903 hatte er eine seiner Krankenschwestern geheiratet. 1907 bekamen sie ein Kind: eine Frühgeburt. Couney soll auch sein eigenes Kind ausgestellt haben, rettete seiner Tochter damit das Leben. Viele Jahre später sollte sie selber Krankenschwester werden und seine Arbeit fortführen.

Während er lebte, nahm Couney in Kauf, aufgrund seiner Ausstellung von vielen Menschen verachtet zu werden. Einige Ärzte bewunderten und schätzten ihn, doch noch mehr hielten ihn für grausam oder verrückt. Erst nach seinem Tod wurde vielen klar, was er getan hatte. Insgesamt soll er mindestens 6500 Babys das Leben gerettet haben.

Quellen: "Miracle at Coney Island", "The Strange Case of Dr. Couney", Smithsonian Magazine, BBC, "Coney Island History Project"

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