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Schule: Lern schneller, Baby!

Lernvideos für Einjährige, Englisch in der Krabbelgruppe: Eine boomende private Bildungsindustrie profitiert von der deutschen Schulmisere.

Zwei Kinder, zwei Schicksale: Albert, 2, ein dicklicher Junge aus München, spricht langsam, findet nur schwer Spielgefährten und sitzt oft allein in der Ecke. Seine Eltern fragen sich, was mit seiner geistigen Entwicklung nicht stimmt. Chris, ebenfalls 2, aufgeweckt und frech, lebt in New York, lernt sieben Sprachen, wird vitaminreich und ausgewogen ernährt und nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gefördert.

Was wohl aus den beiden wird? Bei Albert, geboren 1879, ist die Antwort schon klar: Einstein, Deutschlands bedeutendster Wissenschaftler. Bei Chris, geboren 2002, wissen wir's noch nicht. Er ist Kind einer Zeit, in der Eltern fast alles tun, um Geist und Bildung ihrer Kleinen zu fördern und zu steigern. Chris darf - oder muss? - schon als Säugling Videos gucken, die seine sprachlichen und kreativen Mög- lichkeiten verbessern sollen. In Streifen mit so verheißungsvollen Namen wie "Baby Einstein", "Baby Bach", "Baby Shakespeare" oder "Baby Van Gogh" wandern blaue Stoffhasen und bunte Spielzeugeisenbahnen langsam über den Bildschirm, zugleich erklingen Musik- stücke oder Kinderverse auf Hebräisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Fran- zösisch, Englisch oder Russisch. Mehr als 14 Milliarden Dollar Umsatz macht Walt Disney mit den Förderbändern. Jedes dritte amerikanische Kind zwischen null und zwei Jahren hat bereits ein Video aus der Kollektion.

Übertreibungen, wie sie nur bei den spinnerten Ame- rikanern möglich sind? Keineswegs. Ende 2004 wird es "Baby Einstein" & Co. auch in Deutschland zu kaufen geben. Dann werden auch hierzulande Mütter und Väter mit dem "Baby-Tuning" beginnen. "Wir rechnen mit einer ähnlichen Erfolgsstory wie in den USA", sagt Rashmi Turner von Walt Disney.

Er könnte Recht behalten. Auch in Deutschland stürzen sich Eltern auf alles, was das Etikett Förderung oder Bildung trägt. Besonders Eifrige beschallen ihren Embryo schon im Mutterleib mit Mozart. In der Hoffnung, die Leistung des Nachwuchses zu steigern, pressen sie den Cassettenrecorder an den gewölbten Bauch. Andere beginnen direkt nach der Geburt mit Baby-Hirn-Fitness-Training: Kreuzweises Verschränken von Ärmchen und Beinchen soll wichtige neuronale Verbindungen herstellen und so Voraussetzungen für logisches Denken schaffen. Besonders Beflissene überprüfen im IQ-Test für Zweijährige das Potenzial des Nachwuchses, um ihn anschließend ins Kreativlabor oder die Fremdsprachenschule zu stecken. Eltern, die etwas auf sich halten, lassen ihre kaum den Windeln entwachsenen Zwerge den PC-Pilotenschein für Vorschulkinder machen oder schicken sie zum Musikunterricht nach der Suzuki-Methode - die kommt ohne Notenlesen aus und steigert das Verständnis für mathematische Zusammenhänge.

Im Grundschulalter geht es dann weiter mit professioneller Nachhilfe und exklusivem Schüleraustausch. Oder die Kinder werden gleich in einer privaten Eliteanstalt untergebracht. Wenn das immer noch nicht reicht, dann gibt es noch den Potenzialcheck, der die Karrierechancen der Schüler ermitteln soll. Etwa beim Institut für Begabungsanalyse Youngworld in München: Einen ganzen Tag lang müssen sich die Knirpse zwischen fünf und zwölf Jahren durch Intelligenz-, Kreativitäts- und Persönlichkeitstests arbeiten, Psychologen und Pädagogen Rede und Antwort stehen. "Wir messen das Talent, wie man Fieber mit dem Thermometer oder die Körperlänge mit dem Maßband misst", wirbt das Unternehmen. Am Ende gibt's ein "Begabungsprofil", das Stärken und Schwächen auflistet - von der Intelligenz und der Prognose für die Schullaufbahn bis hin zum Arbeits- und Sozialverhalten. Das kostet schlappe 350 Euro.

Es sind auch die Folgen

des Pisa-Schocks, die deutsche Eltern zu immer verwegeneren und teureren Maßnahmen drängen. Und neue Studien wie die kürzlich erschienene OECD-Analyse, die das deutsche Bildungssystem ebenfalls katastrophal benotet, bestärken sie. Die Angst um die Zukunft des Nachwuchses wächst mit jedem weiteren Bericht über den "Pfusch am Kind" ("Spiegel") oder das "Elend der Bildung" ("Süddeutsche Zeitung") . "Eine regelrechte Hysterie" beobachtet der Göttinger Neurobiologe Professor Gerald Hüther (siehe Interview S. 70). Wurde vor nicht allzu langer Zeit das freie und selbst bestimmte Spielen zum Ideal stilisiert, geht es heute um den Erwerb von "Kompetenzen".

Ganz hoch in der Gunst der Eltern steht zurzeit Englisch. Seitdem Hirnforscher wie der Frankfurter Professor Wolf Singer von "Zeitfenstern" sprechen, Phasen, in denen Kinder viele Dinge besonders leicht aufnehmen, geht eine neue Angst um: die Angst, zu spät zu kommen und vor verschlossenen Fenstern zu stehen. So soll das optimale Alter für den Erwerb von Fremdsprachen etwa mit sieben, spätestens aber mit elf Jahren enden. Eine Zeit, zu der in Schulen und Kindergärten meist nur Deutsch geübt wird. Einziger Ausweg: eine private Bildungsanstalt.

Das Hamburger Helen-Doron-Learning Center in Hamburg-Rahlstedt etwa. Lukas und Melissa hocken dort zusammen mit sechs weiteren Knirpsen auf ihren Pampers-Polstern, während die Mütter im Vorraum bei Milchkaffee klönen. Die Kleinen, alle zwischen zwei und drei, klecksen Bilder oder bekleben einen Igel mit Papierschnipseln - auf den ersten Blick eine ganz normale Bastelstunde für Krabbelkinder. Nur dass der Igel hier "hedgehog" heißt und Kursleiterin Chrissie ausschließlich Englisch spricht. Die Prä-Vorschulkinder, seit etwa acht Monaten dabei, haben keine Verständigungsprobleme. Am Ende der Stunde singen sie "Ten little elephants", jeder bekommt einen Sticker in sein Heft und kann sein Mäppchen wieder nach Hause tragen. Rund 40 Euro im Monat kostet das wöchentliche Spielen auf Englisch. Hinzu kommen 40 Euro für Bücher, Cassetten und Heftchen - das genügt erst mal für die ersten zehn Monate.

Das von der englischen Linguistin Helen Doron entwickelte Geschäftsmodell wächst und floriert in Hamburg, im Stadtteil Volksdorf hat im Frühjahr die fünfte Schule aufgemacht. Vier Tage nach Eröffnung waren sämtliche Kurse ausgebucht, auf der Warteliste standen die Namen von weiteren 20 Kindern. Insgesamt unterrichten bundesweit mehr als 700 Lehrer rund 30 000 Schüler im Alter zwischen eins und 14 Jahren nach der Methode, die an den jüngsten Erkenntnissen der Hirnforschung ausgerichtet sein soll. Deutschland-Koordinator Richard Powell würde gern noch weitere Schulen aufmachen, "unser Problem ist nur, es gibt nicht genügend Lehrer". Das gilt vor allem für den Osten der Republik. Gerade in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern sei die Nachfrage riesengroß. "Dort, wo jeder vierte arbeitslos ist, spüren die Leute besonders schmerzhaft, wie chancenlos man ohne Fremdsprachenkenntnisse ist."

Weitgehend im Verborgenen ist in den vergangenen Jahren eine boomende private Bildungsindustrie entstanden, die davon profitiert, dass sich allen Mahnrufen der Experten zum Trotz an öffentlichen Kindergärten und Schulen so gut wie nichts tut. Es gibt kein Geld, zu wenig Personal und kaum Ideen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse umzusetzen. "An diesem Zustand wird sich wohl erst in zehn Jahren etwas ändern", schätzt Gerd Schäfer, Professor für frühkindliche Pädagogik an der Uni Köln, der zurzeit mehrere Projekte zur Verbesserung staatlicher Kindergärten betreut. "Das ist kein Prozess von ein, zwei Jahren."

Genau diese Zeitspanne reichte einigen Entrepreneuren, um eine unüberschaubare Menge neuer Angebote auf den Markt zu werfen. Geworben wird mit Namen, die klingen, als wollte man ganze Heerscharen potenzieller Harvardstudenten produzieren. Im "Science-Lab" können sie Naturwissenschaften studieren. Mit "Mathjogs" wird Rechnen geübt, "Early English" bereitet schon Einjährige auf die globalisierte Welt vor.

Fast alle diese Kurse sind auf Monate hinaus ausgebucht. Die Veranstalter können neue Angebote gar nicht so schnell kreieren, wie Anmeldeformulare ausgefüllt werden. "Frühförderung ist das Bildungsthema des Jahrzehnts. Dahinter wird die Diskussion um Elite-Unis verblassen", sagt Reinhard Koslitz, Geschäftsführer von didacta, dem Verband der Bildungswirtschaft.

Das grosse Los des Lebens

wird schon im Kindesalter gezogen. "Der Glaube, Elitenbildung würde erst bei der Wahl der richtigen Uni anfangen, ist naiv", sagt der Kölner Professor Gerd Schäfer. Mit 18 oder 19 Jahren sind die entscheidenden Grundsteine für die berufliche Laufbahn längst gelegt. Jugendliche, die bis dahin keinen Spaß am Lernen gefunden oder ihre Begeisterung und Neugier auf dem Weg zum Abitur verloren haben, werden auch an einer deutschen Stanford oder Yale nicht mehr zu Nobelpreiskandidaten.

Die Malaise lässt sich täglich in Chemie- oder Physikstunden an unzähligen Gymnasien, Real- oder Hauptschulen nachvollziehen. Veraltete und theorieüberladene Lehrpläne lassen keinen Raum für spielerisches Ausprobieren. "Uns wundert es nicht, dass in Deutschland kaum noch einer Ingenieurwissenschaften studieren will", sagen Sonja Stuchtey und Heike Schettler in Starnberg. Sie wollen die Begeisterung in Experimentierkursen für Vorschulkinder entfachen. Mit Wasserdampf und Schwefelgas zeigen sie den Miniforschern, weshalb es regnet. Sie erklären, wie eine Rakete zum Mond fliegt oder was Baumringe verraten. Erkenntnisse, die den vierjährigen Christoph an der Kaffeetafel zu der Bemerkung inspirierten: "Mami, dein Baumkuchen ist ja schon acht Jahre alt."

In zwei Jahren haben die ehemaligen Unternehmensberaterinnen mehr als 50 Kursleiter im Bundesgebiet geschult. Das Interesse ist riesig, doch nur selten verirrt sich das Kind einer arbeitslosen Mutter oder einer Sozialhilfeempfängerin in die Gruppen. Denn eines ist klar: Die Welt der privaten Bildungseinrichtungen steht vor allem dem Nachwuchs gut verdienender Angestellter oder Freiberufler offen. Kinder aus Problemvierteln wie Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Kreuzberg profitieren selten von den zusätzlichen Angeboten. Um das zu ändern, haben Stuchtey und Schettler jetzt einen Förderverein für sozial benachteiligte Kinder gegründet. "Wir haben keine Lust, zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beizutragen."

Das Gehirn eines Dreijährigen ist doppelt so aktiv wie das eines Erwachsenen. Bis zur Hälfte des Kalorienverbrauchs kommt beim Kleinkind den grauen Zellen zugute, beim Erwachsenen nur noch etwa 18 Prozent. Entsprechend will der "Forschergeist in Windeln" (Alison Gopnik u. a., Piper-Verlag) beschäftigt sein. Strittig ist derzeit nur, womit und wie viel. Denn so leistungsstark das kindliche Gehirn auch arbeitet, so empfindlich ist auch die Psyche eines Dreijährigen. "Durch Überforderung können Sie Ihr Kind dauerhaft demotivieren und sein Selbstbewusstsein knicken", sagt Professor Gerald Hüther, Hirnforscher an der Universitätsklinik Göttingen. Er warnt vor der "Kurs-Hysterie" und überließe die Bildung der Kleinen lieber gut ausgestatteten Krippen, Kindergärten und Schulen.

Nicht von ungefähr brauchen Erzieherinnen eine mehrjährige pädagogische Ausbildung - und selbst das ist nach Meinung führender Experten zu wenig. Fast im gesamten europäischen Ausland absolvieren Kindergartenbetreuer ein Hochschulstudium. Von diesen Standards sind die neuen Kindertrainer weit entfernt. Meist haben sie nur einen kurzen Crash-Kurs hinter sich gebracht. Erschwerend kommt hinzu, dass die privaten Babytrainer keinen täglichen Kontakt zu ihren Schützlingen haben und in der voll gepackten wöchentlichen Dreiviertelstunde kaum individuell auf sie eingehen können.

Manchmal sind auch die Methoden, nach denen gelehrt wird, veraltet oder umstritten, wie etwa bei den Kursen der japanischen Mathe-Anstalt Kumon, von der in den vergangenen zwei Jahren fast 150 neue Schulen in der Bundesrepublik entstanden sind. Eine davon befindet sich im feinen Düsseldorfer Stadtteil Kaiserswerth. In zwei Zimmern des Gemeindezentrums unterrichtet Angelika Ishigami - eine Deutsche, die mit einem Japaner verheiratet ist - am Dienstag- und Donnerstagnachmittag rund 70 Kinder im Alter von vier bis 18 Jahren im Rechnen und Zählen. Moritz, 12, betritt in HipHop-Hosen den Schulungsraum, wo auf jedem Tisch eine Stoppuhr steht. Er schlägt seinen Arbeitsbogen auf, drückt den Knopf, und los geht's. Kopf gesenkt, der Blick stur auf das Blatt gerichtet, jede Sekunde zählt. 358 - 256 = ?, 236 - 285 = ? In acht Minuten sind 100 Aufgaben gelöst, nur ein Ergebnis stimmt nicht. "Gut", lobt die Lehrerin, eine Mutter, die an mathematischer Vorbildung gerade mal das Abitur vorweisen kann, und verschärft das Tempo und spornt an: "Das kannst du aber noch besser. Wenn du so erfolgreich werden willst wie Michael Schumacher, musst du trainieren, trainieren."

Moritz soll wie alle Kinder der Kumon-Schule täglich zehn bis 20 Minuten üben, auch an Sonn- oder Feiertagen. Selbst im Urlaub - hierfür gibt es extra eine Ferientüte, randvoll mit Rechenaufgaben. Wer nicht mitmacht oder zu oft fehlt, fliegt. Der Drill lässt deutschen Fachleuten die Haare zu Berge stehen - auch wenn Japan im internationalen Pisa-Vergleich weit vorn lag und viele deutsche Eltern begeistert von den Fortschritten ihrer Kinder berichten. "Rechnen im Akkord, als Gegner die Uhr, das ist pädagogisches Mittelalter", sagt Peter Struck, Erziehungswissenschaftler der Uni Hamburg.

Allen Warnungen

zum Trotz wird das Geschäft mit der Bildung der Kleinen weiter blühen. Der junge, lukrative Markt verspricht hohe Wachstumsraten und in ein paar Jahren riesige Umsätze. Denn trotz Konjunk- turkrise und Massenarbeitslosigkeit greifen verunsicherte Eltern so bereitwillig wie nie ins Portemonnaie. Wenn es um die Zukunft der Kinder geht, ist das Beste gerade gut genug. Und sind Mami oder Papi gerade klamm, dann gibt es ja noch Oma und Opa. "Je weniger Kinder in einer Familie aufwachsen, desto höher sind die Ansprüche an das einzelne und desto mehr wird investiert", beobachtet Peter Struck.

Wie groß die familiären Spendierhosen sind, zeigt sich, wenn die Kinder älter werden. Geben die Eltern für Kurse im Kleinkindalter eher spielerisch und willkürlich ein paar Hunderter aus, geht es im Schulalter um Summen, die den Preis eines Kleinwagens locker übersteigen können. War bei der Frage "Auf welche Schule soll mein Kind gehen?" früher die Antwort ganz einfach ("auf die Penne um die Ecke"), wälzen Eltern heute Prospekte und Preislisten, wägen zwischen Montessori und Waldorf, zwischen internationaler und freier Schule ab. "Letztlich war es uns dann aber fast schon egal, wo wir einen Platz bekommen, Hauptsache, unsere Kinder müssen nicht auf die staatliche Schule", gibt Steffen Kleiber, zweifacher Vater aus Frankfurt, zu. Bloß nicht dorthin, wo Lehrer die Kinder ihrer überfüllten Klassen fotografieren, um sich bei der Notenvergabe an die Gesichter der Schüler zu erinnern, wo gut ein Zehntel des Unterrichts gar nicht erst stattfindet, weil überforderte Lehrer ausgelaugt im Bett liegen, wo Elternabende auf Türkisch abgehalten werden, weil der Ausländeranteil bei 90 Prozent liegt. Wer kann, flüchtet aus der tristen Welt des staatlichen Bildungssystems. Jedes fünfte Elternpaar wünscht sich für sein Kind einen Platz auf einer Privatschule. Doch obwohl sich die Zahl der Schulen in freier Trägerschaft allein in den vergangenen zehn Jahren um 600 erhöht hat, reichen die derzeit 600 000 Plätze bei weitem nicht. "Etwa 1,6 Millionen Schüler könnten wir aufnehmen, wenn wir wollten", sagt Bernhard Marohn vom Bundesverband Deutscher Privatschulen.

Was aber ist so besonderes

an privaten Schulen wie dem Jenisch-Gymnasium in Hamburg-Flottbek? Auf den ersten Blick ist die Fünfte eine ganz normale Klasse - mit Ausländern, Kindern aus geschiedenen oder Ein-Eltern-Familien, mit frechen Jungs und aufmüpfigen Mädchen. Trotzdem, wenn früh um neun die Lehrerin das Klassenzimmer betritt, fühlt man sich um hundert Jahre zurückversetzt. Es ist mucksmäuschenstill. Nur ein leises Rascheln ist zu hören. 24 Schüler sitzen mit gebeugten Köpfen über ihren Büchern.

"Meine persönliche Reaktion auf Pisa", sagt Klassenlehrerin Ursula Gienow, "alle Schüler müssen drei Lieblingsbücher mitbringen, die stellen wir ins Regal zum Tauschen, und immer wenn ich mit bürokratischem Kram wie dem Führen des Klassenbuchs beschäftigt bin, dürfen die Schüler lesen. So kommen sie auf den Geschmack und lesen in der Freizeit weiter." Alle springen auf und brüllen "Guten Morgen, Frau Gienow". "Setzen!", schallt es zurück. Deutsch, eine Doppelstunde - wie in fast allen Fächern -, damit Zeit zum Üben bleibt. Denn auf Hausaufgaben wird am Jenisch-Gymnasium fast ganz verzichtet. Wenn um 16 Uhr der Unterricht vorüber ist, können Murat, Collin und Jack die Ranzen in die Ecke schmeißen, während ihre Freunde von der staatlichen Schule oft noch büffeln müssen, bevor sie auf den Bolzplatz dürfen. 24 Schüler gehen in die Fünfte, keiner ist zu spät dran heute, keiner fehlt. Ist ein Kind krank, müssen die Eltern es abmelden. Ansonsten ruft die Schule zu Hause an und fragt nach. Schwänzen? Bei diesem System nahezu unmöglich. Der Preis für die Rundumpädagogik: 305 Euro im Monat. Bis zum Abitur summiert sich das auf gut 30 000 Euro.

Wer sich das nicht leisten kann, versucht zumindest mit Nachhilfeunterricht die Bildung seines Kindes aufzupeppen. Einst eher ein Makel, ist der private Zusatzunterricht heute längst Normalität. Etwa jedes zweite Kind kommt in den zweifelhaften Genuss. "Mittlerweile melden Eltern sogar schon Zweit- und Drittklässler bei uns an", sagt Renate Roggenkamp vom Studienkreis mit Geschäftssitz in Bochum, dem größten Anbieter auf dem deutschen Markt. Zu groß ist die Angst der Mütter und Väter, ihr Kind könnte sonst auf der Resterampe der Nation, der Hauptschule, landen. Etwa 22 Millionen Euro pro Woche geben deutsche Eltern für den Zusatzunterricht aus, das sind im Schnitt 35 Euro pro Haushalt und rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr - so viel wie in keinem anderen europäischen Land. Doch auch diese Milliardeninvestition kann die Defizite der staatlichen Schulen nicht ausgleichen. Trotz aller Nachhilfe schaffen nur 38 Prozent der Schüler die Hochschulreife, während dies etwa in Schweden mit 74 Prozent fast doppelt so vielen gelingt.

Sind deutsche Kinder also dümmer als Schweden oder Franzosen? Die Kinder wohl nicht, aber die Erwachsenen, die zulassen, dass hochwertige Bildung in Deutschland zunehmend privat erkauft werden muss, dass wir von Chancengleichheit weiter entfernt sind denn je.

Silke Gronwald / print

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