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Smartphones und Taschenrechner: Ein Tweet macht deutlich, warum Lehrer nicht immer auf alten Wahrheiten beharren sollten

Auf Twitter schreibt ein Mann, dass ihm damals in der Schule stets erzählt wurde, er müsse ohne Taschenrechner rechnen können, weil er später ja nicht immer einen dabei habe. Die Ironie: Heute ist genau das doch eingetreten – in Form von Smartphones haben wir stets einen Rechner griffbereit in der Tasche.

Ein Schüler lernt an seinem Laptop, hat dabei ein Smartphone in der Hand

Wer vor 2000 zur Schule ging, konnte sich so etwas wie Smartphones noch nicht vorstellen

Unsplash

Wer noch vor dem Jahr 2000 die Schulbank drücken musste, der hat in all den Jahren eine Sache sicher ausgiebig getan: Dinge auswendig gelernt. Die Namen von Gebirgen. Mathematische Formeln. Literaturepochen. Gedichte und Vokabeln. Manches davon war gut – ohne Vokabeln büffeln wird man schließlich keine Fremdsprache flüssig lernen –, aber anderes vollkommen sinnlos. Wer weiß denn zehn Jahre nach dem Schulabschluss noch, wo irgendwelche bayrischen Nebenflüsse der Donau entlangfließen und wie sie heißen? Wenn man heute vor Ort ist und wissen will, welches Gewässer man da gerade bewundert, schaut man schnell auf dem Smartphone nach.

In der Schule wurde viel auswendig gelernt

Ich persönlich kam gerade in die Oberstufe, als im Unterricht langsam die Maxime "Du musst so viel wie möglich auswendig wissen" von "Du musst wissen, wo du nachgucken kannst" abgelöst wurde. Plötzlich war "Lernen lernen" ein hippes Schlagwort in der Pädagogik. Aber selbst da dachten Lehrer noch eher an Computer, die so langsam jeder zuhause stehen hatte, und nicht an die komischen, kleinen Telefone, auf denen die Schüler in der Pause ständig "Snake" spielten. Wenn man nur ein paar Jahre zurückschaut, ist es wirklich verblüffend, wie sehr das Smartphone unsere Welt verändert hat – und wie unerwartet das kam.

Im Internet macht gerade ein ebenso lustiger wie augenöffnender Tweet dazu die Runde:

Wer Niko Bayers Zeilen liest (auch Menschen unter 40, übrigens!), hat mit Sicherheit sofort die Stimme seines alten Mathelehrers im Ohr. Der damals dachte, dass er mit dieser Behauptung Recht habe und dabei womöglich noch vor sich hin schmunzelte. Man kann jetzt natürlich flammend darüber diskutieren, ob und wie viel Mathematik man im Kopf erledigen können sollte – Fakt ist: Man muss das heute nicht mehr. Denn das, was sich damals niemand erträumt hätte, ist eingetreten. Wir haben IMMER und ÜBERALL einen kleinen Wundercomputer am Start, der uns verrät, wieviel 12 Prozent von 68,95 Euro sind, ohne dass wir die halbvergessene Erinnerung an den Dreisatz aus der angestaubtesten Ecke unsere Gehirns kramen müssen.

Wir haben fast immer ein Smartphone dabei

Ich erinnere mich, dass als Kind für mich die beiden besten Dinge der Welt Draußensein und Fernsehen waren, und dass die sich leider widersprachen. Meine dringlichste Forderung an die Zukunft war deshalb, tragbare Fernseher zu erfinden (gab es damals, waren aber teuer und Mist und niemand hatte sowas). Richtige Fernseher waren teure und sorgsam gehegte Technikklötze, die zudem am Antennenstecker festhingen. Trotzdem schafften die Nachbarn es manchmal, wenn im Sommer Formel 1 lief, ihr Gerät auf die Terrasse zu schleppen, mit Verlängerungskabeln en masse. Aber das war dann auch das höchste der Gefühle.

Heute schauen wir Serien, wenn wir U-Bahn fahren. Auf dem Handy. Wenn man zu viel drüber nachdenkt, kann einem schon der Kopf explodieren.

Der Tweet von Nico Bayer wurde inzwischen mehr als 5500 Mal geteilt. Und drunter sammeln sich zahllose Kommentare. "Ich bin 35 und habe das auch noch gehört", "ich bin 30 und kenne den Spruch auch noch", "ich bin 21 und mein Mathelehrer hat das auch immer noch gesagt". Dann die kluge Erkenntnis: "Vielleicht liegt es weniger am Alter der Schüler, sondern an dem der Lehrer". Denn auch, wenn Smartphones heute für alle Schüler absoluter Standard sind, muss das ja auf womöglich etwas ältere Pädagogen nicht zutreffen. Dass sie so am Zeitgeist vorbeileben, stört sie anscheinend wenig.

Selbst heute sagen manche Lehrer das noch

Bei manchen Kommenatatoren gibt's aber augenzwinkernde Selbsterkenntnis:

Immerhin ist man sich einig, dass Kopfrechnen heute zumindest nettes Gehirnjogging ist – für Lehrer, die immerzu die Wichtigkeit von Mathe-Kenntnissen im Alltag betont haben, wahrscheinlich die schlimmste Ehrverletzung. Fast alle Twitter-Nutzer konnten unter Nikos Tweet aber nur das Trinkgeld-Berechnen im Restaurant als eine Situation benennen, in der sie das Kopfrechnen wirklich brauchten und der Einsatz des Smartphone-Rechners unangebracht gewesen wäre. Vermutlich kann es also nicht schaden, wenn Pädagogen ihre Unterrichtsmaximen hin und wieder mal mit dem echten Leben abgleichen.

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