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Generation Nest Warum Millennial-Frauen so hart für ein gutes Leben kämpfen müssen

Viel mehr Frauen sind heute im Berufsleben - aber die Jobns sind unsicher
Viel mehr Frauen sind heute im Berufsleben - aber die Jobns sind unsicher
© FG Trade / Getty Images
Früher war ein "normales Leben" eine Selbstverständlichkeit – heute ist alles unsicherer geworden. Wohnung, Job und Partnerschaft, alles muss erkämpft werden.  

Dorothy Byrne, der Präsidentin des Murray Edwards College in Cambridge, das nur Frauen aufnimmt, sorgte in Großbritannien mit ihrer Antrittsrede für Aufsehen, als sie sagte: "Jungen Frauen wird beigebracht, dass sie in der Schule gut abschneiden, einen Abschluss machen, im Beruf erfolgreich sein und schön sein müssen. Dabei vergisst man leicht, ein Baby zu bekommen."

Schwerer als früher 

Wie kann frau ihre Lebens- und Karriereplanung zusammenführen? Offenbar fällt es den Frauen der Millennial-Generation schwerer als den Generationen vor ihnen. Obgleich die allgemeine Mentalität sie heute mehr unterstützt und die juristischen Bedingungen günstiger sind. Aber das Leben an sich wurde für Frauen nicht leichter, sagt die "Sunday London Times" und spürt in einem großen Essay den Hindernissen nach, die Frauen heute im Wege stehen.

Auf jeden Fall sei es nicht die Vorliebe für überteuerte Avocado-Toast, die Millennials von einem gelungenen Leben abhält, so wie es einst ein australischer Immobilien-Milliardär vermutete. Die "Times" fasst das Dilemma in einem Bild zusammen. In den 1990er-Jahren seit es schrecklich einfach gewesen "rein" zu kommen. In Job, Haus und Familie. So einfach und so selbstverständlich, dass es nur cool war, für ein "opt out" zu votieren. Und Reihenhaus, Sitzgruppe und Kindergarten snobistisch zu verschmähen. Heute hingegen sei es verteufelt schwer, überhaupt Fuß zu fassen, dass "opt in" sei schon ein Problem. Und das fresse die Energie einer Generation, deren Berufsleben sich zwischen den Erdbeben von Finanz- und Corona-Krise abspielt.

Mehr als nur ein Dach über dem Kopf

Größtes Problem in den Ballungsräumen ist eine bezahlbare Wohnung. Hier geben die Verhältnisse in Großbritannien einen Vorgeschmack auf das, was auf Deutschland zukommt. Billige, kommunale Wohnungen gehen dort nur an wirklich Bedürftige – wer studiert hat und auch nur halbwegs eine Karriere erreicht hat, ist davon ausgeschlossen und wird an den freien Markt verwiesen. Die Mieten und vor allem die Immobilienkaufpreise sind den Löhnen der meisten Branchen aber davongezogen.

"Es gibt definitiv Dinge, die für mich unerreichbar sind", sagt Jion Legaspi, eine 29-jährige Social-Media-Redakteurin. "Nicht, dass es unmöglich wäre, aber im Vergleich zu vor drei Jahrzehnten ist es viel schwieriger, ein erschwingliches Haus zu bekommen, das nicht nur ein Kasten ist." Sie hat einen Freund und sagt, dass sie sich für eine Familie interessiert, aber im Moment habe sie andere Probleme. Olivia Hartley, eine 25-Jährige Londonerin verlor ihren Job bei einer Unternehmensberatung in der Pandemie. Ihr Leben ist viel zu sehr im Fluss, um Kinder zu bekommen. Sie kann sich nicht vorstellen, Kinder zu haben, bevor sie in ihren Dreißigern ist. "Im Moment gibt es keine Möglichkeit", sagt sie.

Wohnen ist ein Privileg heute 

Die "Times" sprach auch mit Joanna Pedder. Sie ist mit 28 Jahren Mutter und lebt mit ihrem Partner zusammen – heute eine Ausnahme. Doch sie hat einen sicheren Job in der Kommunalverwaltung. Das Paar konnte sich mit finanzieller Unterstützung von beiden Familienzweigen ein eigenes Haus kaufen. "Wir haben wirklich großes Glück", sagt sie dankbar. Das Haus ist einfach und hat nichts mit den populären Instagram-Interieurs zu tun, aber halbwegs angemessener Wohnraum gilt heute als großes Privileg.

Viele Millennials bleiben auf den Mietmarkt angewiesen und teilen sich dort eine Wohnung – als Wohngemeinschaft und nicht als Partnerschaft. Bex Hall, 30, ist ratlos: "Was passiert, wenn ich eine Beziehung finde und mit jemand anderem zusammenziehen will? Dann wird jemand abserviert. Das ist doch furchtbar." In ihrer Wohn- und Lebenssituation wäre nicht einmal Raum für einen Hund, geschweige denn für eine Familie.

Alte Probleme - in verschärfter Ausgabe 

Neu sind diese Probleme nicht, erklärt Mary-Ann Stephenson von der Women's Budget Group zu der Zeitung. Aber sie würden sich zusehends verschärfen. Die Corona-Pandemie hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie hat vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, von zu Hause zu arbeiten. Aber konkret sieht das sehr unterschiedlich aus. Die einen verwandeln das großzügige Gästezimmer in einen wunderbaren Arbeitsort, die anderen arbeiten an einer Ecke des Küchentischs.

Verschiedene Dating-Interessen

Mit Ende 20 und Anfang 30 sei es heute für Frauen ein entmutigender Prozess, einen Freund zu finden. "Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren einfach Verlierer", klagt Jessica Morgan. "Die Jungs sind auf der Suche nach dem schnellen Sex, und ich glaube, dass viele Frauen in meinem Alter, vor allem nach der Pandemie, eher nach verbindlichen Beziehungen suchen." Apps machen das Daten leichter, aber bekanntermaßen auch unverbindlicher. An den grundlegend verschiedenen Interessen und Strategien der Geschlechter ändert das nicht.

Für einen guten Teil der Männer eröffnen die Apps die leichte Möglichkeit von casual sex, nie war es einfacher, ein Playboy zu sein. Frauen treffen auf Männer, die unwillig sind, sich zu binden, und häufig Erwartungen aus der Hardcore-Pornografie ins Schlafzimmer bringen. Die Autorin Louise Perry schreibt ein Buch, warum Frauen an der sexuellen Revolution gescheitert sind. Sie sagte: "Die Frauen haben alle die gleichen düsteren Geschichten über schlechte sexuelle Begegnungen. Frauen denken immer häufiger: 'Will ich das wirklich?'"

Letzter Ausweg 

Die "Times" sieht die jungen Frauen der Millennials als "Generation Nest". Sie sehnen sich nach einem bequemen, sicheren und sesshaften Leben, bloß sei das nicht so leicht zu bekommen. Letzter Ausweg ist das Einfrieren von Eizellen, auch hier gab es einen Boom während der Pandemie. Doch sicher ist das nicht, die Erfolgsquote liegt bei nur 20 Prozent je Zelle, die Kosten dagegen sind hoch. Damit erkaufen sich Frauen einen Ausweg aus dem Termindruck der "Fruchtbarkeitsklippe". Professor Susan Golombok sagt über das Einfrieren: "Wenn man mit Frauen spricht, geht es darum, dass sie nicht den richtigen Partner zur richtigen Zeit haben oder dass ihr Partner zu diesem Zeitpunkt keine Kinder haben will."

Quelle: The Times

kra

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