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Interview

Welcher Beruf passt zu mir?: "Berufswahl ist mit Arbeit verbunden" – was eine Karriere-Expertin jungen Menschen rät

Man wacht nicht plötzlich auf und weiß, was man werden will und wie man dahin kommt, sagt Berufscoach Martina Maushake. Das müsse man sich selbst erarbeiten. Warum das gerade jungen Menschen oft schwerfällt und wie sie erste Schritte gehen können, erzählt sie im Interview. 

Welcher Beruf passt zu mir?

Bäcker, Mechaniker oder ein Beruf in der Wirtschaft? "Was wäre denn so ein Traumberuf gerade, in diesem Moment?", fragt Karrierecoach Martina Maushake die Menschen, die zu ihr kommen.

Getty Images

Martina Maushake beschäftigt sich seit knapp 20 Jahren mit Themen der Berufswahl und des Arbeitsmarkts. Seit 2007 arbeitet sie als selbstständige Berufs- und Karriereberaterin in Hamburg und unterstützt junge Menschen bei ihrem Einstieg ins Berufsleben. Auch Berufserfahrene kommen zu ihr, wenn sie sich neu orientieren möchten. 

Frau Maushake, wie sind Sie zu ihrem jetzigen Beruf gekommen?

Über Umwege. Ich habe nach der Schule erst eine duale Ausbildung gemacht, danach Lehramt studiert und schließlich in der Praxis festgestellt, dass es nicht meinen Neigungen entspricht und dass ich auf eine andere Art und Weise mit Menschen zusammenarbeiten möchte. Dann habe ich eben geschaut: Was könnte das sein? Was brauche ich noch dafür? Ich habe mich informiert, habe Weiterbildungen absolviert, praktiziert und hospitiert in diesem Zusammenhang. Und mich schließlich selbstständig gemacht.

Dann haben Sie eine weite Reise hinter sich. Würden Sie sagen, dass die Berufswahl heute schwieriger ist als früher?

Auf jeden Fall ist sie komplexer als früher, wo es zum Beispiel in den 40er, 50er Jahren nur eine Handvoll Ausbildungsberufe gab. Das ist heute eine ganz andere Situation, weil es eine Vielfalt von Möglichkeiten gibt, die man alleine oft gar nicht mehr durchschauen kann. Viele fühlen sich dann verloren und wissen erstmal nicht, in welche Richtung sie gehen sollen.

Dass es heute so viele Möglichkeiten gibt, hat unter anderem dazu geführt, dass wir viel stärker nach einem Beruf suchen, mit dem wir uns identifizieren können. Ist das immer ratsam?

Ich sehe das als Notwendigkeit an. Es ist ja nicht unbedingt der Beruf, sondern vorab die Ausbildung oder das Studium, das einen dahinführt, mit dem man sich identifizieren sollte.

Welcher Beruf passt zu mir?

Martina Maushake hat als Headhunterin und als Arbeitsvermittlerin bei der Bundesagentur für Arbeit gearbeitet. Seit 2007 ist sie selbstständiger Berufscoach. 

Also der Weg ist erstmal wichtig. Dass man sich mit seiner Ausbildung oder seinem Studium und dem anschließenden Berufsfeld identifizieren kann, ich meine das ist wesentlich, um eben auch den zukünftigen Anforderungen und Belastungen gewachsen zu sein. Die werden ja nicht weniger und auch die Komplexität der Anforderungen ist gestiegen. Wenn man da gegen seine eigenen Neigungen und Bedürfnisse geht, wird es nur noch anstrengend. Dann wird es wahrscheinlich auch nicht mehr zu guten Ergebnissen führen und nicht mehr zu innerer Befriedigung.

Ist mit diesem Anspruch an die Identifikation mit dem Beruf auch der eigene Druck gewachsen? Ist man heute schneller unzufrieden mit der Berufswahl?

Ich glaube, die Ansprüche, die wir heute an uns stellen, sind größer geworden. Ich erlebe es oft mit jungen Menschen, dass auch der innere Druck mehr geworden ist, auf jeden Fall das Richtige zu finden. Dass es jetzt sofort auch passend sein muss. Dass man keine Fehler machen darf. Aber gemessen an der Anzahl der Berufsjahre, die noch dahintersteht, gibt es gar nicht das einzig Richtige. Ich persönlich meine, dass es vielmehr darum geht, einen guten Einstieg zu finden.

Also ist die Vorstellung von dem einen perfekten Beruf überholt?

Ich kenne nur wenige, die seit 40 oder mehr Jahren in ein und demselben Beruf arbeiten, einfach weil die Tätigkeiten oder Branchen sich so schnell verändern, dass es den ursprünglichen Beruf oft gar nicht mehr gibt. Diese ständige Entwicklung in der Arbeitswelt muss man berücksichtigen, weil es eben auch den Druck rausnimmt. Man weiß, dass es erstmal nur ein Einstieg ist. Das bedeutet aber auch, dass diejenigen, die jetzt von den Unis gehen oder aus der Ausbildung kommen, sicherlich ihren Beruf immer ein Stück weit selbstgestalten müssen oder neu schaffen müssen, was eben auch eine Anforderung ist.

Eine Anforderung oder eine Möglichkeit?

Beides. Es ist eine Anforderung, eine Erwartung, aber eben auch eine viel größere Möglichkeit, als früher, vor 30 oder 40 Jahren, sich einzubringen und den eigenen Beruf nach seinen Vorstellungen mitzugestalten.

Wann sollte man anfangen, sich mit der Berufswahl zu beschäftigen?

Ich empfehle grundsätzlich immer, ganz früh damit anzufangen – nicht erst, wenn der Abschluss schon in der Tasche liegt, weil eine frühe Auseinandersetzung letztlich auch dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichem Druck entgegenwirkt. Das heißt, die Fragen aus dem Umfeld werden ja nicht weniger, was man denn jetzt macht nach der Schule. Das darf man nicht unterschätzen. Das macht Druck. Gerade wenn man keine Antworten finden kann. Deshalb rate ich jedem, diesen Fragen proaktiv zu begegnen.

Wie finde ich denn heraus, welcher Weg der richtige sein könnte?

Mit den Menschen, die zu mir kommen, arbeite ich meistens ein Selbst- und Fremdbild heraus. Das sind erstmal Fragen wie: Was kann ich besonders gut? Was mache ich gerne? Was sind meine Stärken? Welche Themen interessieren mich? Sowohl im Privaten wie auch im Schulischen. Fremdbild bedeutet dann, eine Rückspiegelung von anderen einzuholen, also mit einem Außenstehenden oder auch mit Freunden über die eigenen Fähigkeiten und Wünsche zu sprechen. Da zeigt sich oft ganz deutlich, wo es sich lohnt, näher hinzugucken.

Es ist auch hilfreich, sich die Schulfächer anzusehen. Es gibt immer Neigungs- und Abneigungs-Fächer. Woran lag das? An den Inhalten oder der Form der Vermittlung? Welche Projekte, welche Themen haben mir Spaß gemacht? Daraus lernt man sehr viel über sich und die eigenen Vorstellungen.

Ich stelle oft die Frage, wie denn so ein Traumjob jetzt aktuell aussehen würde – unabhängig davon, wie sich die Zukunft vielleicht entwickelt. Möchte ich mit Menschen arbeiten? Und wenn ja, auf welcher Ebene? Etwas Praktisches? Oder möchte ich vielleicht an politischen Themen arbeiten? Es ist wichtig, sich mit den eigenen Zielen im Leben auseinander zu setzen.

Und wie sehen dann die ersten Schritte in die Berufswelt aus?

Es kann ungemein hilfreich sein, in seinem Umfeld herumzufragen, bei Berufstätigen, die schon einen Praxiseinblick haben. Wie sieht ein ganz klassischer Arbeitsalltag bei denen aus? Womit beschäftigen sie sich? Was für Lösungen finden diejenigen, für welche Aufgaben? Darüber kann man sich leicht einen Einblick in verschiedene Berufe verschaffen, selbst wenn man vorher dachte, schon genau zu wissen, was diejenigen machen.

Schon während der Schule aber auch im Studium ist es immer sinnvoll, auch kurze Hospitationen oder Praktika zu machen. Oft kennt man auch jemanden, bei dem man einfach einen Tag mitlaufen kann. Vielleicht stellt man dann fest, dass man so wie im Praktikum nicht arbeiten möchte, aber einem fällt auf, dass man eine große Affinität zu Zahlen hat oder man hat viele Prozesse gesehen, die man sofort optimieren wollte. Das sind wichtige Erkenntnisse.

Genauso spannend ist es, wenn ich mich im Alltag für irgendwas einsetze. Wenn ich schon als Trainer auf dem Fußballplatz mit Kindern trainiere, dann möchte ich vielleicht später auch einmal in eine Führungsrolle übernehmen.

Also ist es auch wichtig, abseits der Schule, auch abseits von Noten und Fächern zu gucken? Die Schule vermittelt einem ja schnell das Bild, dass man nur in bestimmten Fächern gut ist.

Nur weil man etwas gut kann, muss es noch lange kein Bedürfnis sein. Das muss man unterscheiden. Deshalb betrachte ich Menschen nicht eindimensional, sondern mehrdimensional. Ich schaue auch auf den privaten Bereich, auf den Hobbybereich. Wenn jemand gerade etwas liest, frage ich, warum er das liest, mit welchem Antrieb.

Wie geht es dann weiter?

Im nächsten Schritt sollte man sich einen Plan machen. Ich würde immer dazu raten, die eigene berufliche Orientierung als Projekt zu begreifen, mit Zeit- und inhaltlichen Zielen.

Es gibt so viele Angebote zur Berufswahl, da hilft eine klare Struktur. Viele Websites bieten Tests zur Berufsorientierung an, auch einige Fakultäten der Hochschulen stellen Orientierungsangebote zur Verfügung. Entscheidend ist, mit dem Thema in Kontakt zu gehen und nicht zu hoffen, dass irgendwann ein Wunder geschieht. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand aufwacht und gesagt hat, jetzt wusste ich es irgendwie. Das ist auch ein Stück weit mit Arbeit verbunden, sich das selbst zu arbeiten.

Warum scheuen sich junge Menschen oft davor, das Thema Berufswahl anzugehen? Gerade in der Schule?

Vielleicht weil das Thema nicht so den Eingang im täglichen Schulleben findet. Wenn Berufswahl behandelt wird, hat sie längst nicht den Stellenwert von anderen Fächern wie Deutsch, Mathe oder Englisch. Meist gibt es zwei Praktika in der Schule – wenn man sich aber überlegt, dass Kinder und Jugendliche zwölf oder 13 Jahre zur Schule gehen, und dass sie davon oft nur zwei Mal zehn Tage etwas Praktisches in der Berufsorientierung machen, dann reicht das vielleicht einfach nicht. Die Belastung in der Schule ist auch gestiegen und vielen Schülern fehlt die Kraft, sich außerhalb des Unterrichts mit ihrer beruflichen Zukunft zu beschäftigen. Ich habe in meiner Arbeit aber auch festgestellt, dass es jungen Menschen unglaublich viel Kraft gibt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und Entscheidungen aus sich heraus zu treffen.

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