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Fotografin Bettina Rheims: "Ich wäre ein langweiliger Mann geworden"

Seit mehr als 30 Jahren schockiert und provoziert Bettina Rheims mit Bildern der Weiblichkeit. Was die 61-Jährige antreibt, wie es sich anfühlt, ausgezogen zu werden, und was sie auf Facebook sucht.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Bettina Rheims, 1952 nahe Paris geboren, war Model, bevor sie die Kamera selbst in die Hand nahm, um ihr eigenes Frauenbild zu schaffen.

Bettina Rheims, 1952 nahe Paris geboren, war Model, bevor sie die Kamera selbst in die Hand nahm, um ihr eigenes Frauenbild zu schaffen.

Bettina Rheims ist eine beeindruckende Frau von 61 Jahren. Mittelgroß, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Stiefel und mit einem sehr wachen Blick, der einen sehr genau beobachtet, während man vor ihr in einem schwarzen Lederfauteuil versinkt. Sie bestimmt, wer wo sitzt. Vielleicht weil es seit mehr als 30 Jahren ihr Beruf ist, Menschen zu inszenieren. Vor allem Frauen. Und deshalb denkt man in ihrem Blick wohl auch gleich ihr Werk mit, in dem viele Betrachter vor allem eines sehen: Nacktheit.

Mindestens seit "Chambre Close" (1992), der Fotoreihe zu einer fiktiven erotischen Geschichte ihres damaligen Mannes Serge Bramly mit Frauen, die sich zwischen die Beine blicken lassen, ist Rheims als Revolutionärin der erotischen Fotografie berühmt und berüchtigt. Was für die einen Pornografie war, galt anderen als Befreiung. 1999 wurde sie von Rechten bedroht, nachdem sie in der Fotoreihe "I.N.R.I." unter anderem eine Frau als Jesus am Kreuz porträtierte. Sie hat Madonna ins Bett geschickt und Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy eine Woche lang gefilmt. Vor allem aber sucht Rheims nach der Weiblichkeit. Ihr Ziel ist erreicht, wenn eine Frau sich genauso zeigt, wie sie wirklich ist. Denn "hübsch" sei einfach. "Jedes Mal, wenn ich ein Foto habe, ist es ein Wunder", sagt Rheims.

Madame Rheims, Sie porträtieren seit mehr als 30 Jahren Frauen. Was ist der Unterschied zwischen 2014 und den 80ern?
Das Internet und die sozialen Netzwerke. Früher musste ich Leute ansprechen, auf der Straße oder in Restaurants, und die haben sich erschreckt. Vor allem wenn ich von dem Projekt erzählt habe. "Was will diese Frau?" Heute kann ich ein Casting auf Facebook veranstalten. Ich weiß, wer die Mädchen sind, bevor ich sie treffe. Ich sehe ihre Fotos und wie sich sich selbst präsentieren. Die Mädchen wiederum können mit einem Klick herausfinden, was ich mache.

Und haben sich auch die Frauen verändert?


Sie sind freier als früher. Als ich jung war, mussten Frauen einen Teil ihrer Weiblichkeit aufgeben, um etwas zu erreichen. Sie mussten zeigen, dass sie wie ein Mann sein können. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass Männer und Frauen völlig unterschiedlich sind. Heute können Frauen viel mehr Frau sein, ihre Fragilität zeigen, Mutter sein, Liebhaberin und gleichzeitig eine Karriere haben. Das macht auch meine Arbeit einfacher. Frauen fühlen sich freier zu lachen und zu weinen, stark und einsam zu sein.

Nach was suchen Sie in Frauen?


Ich weiß es nicht. Vielleicht will ich, dass sie Teil meiner Familie werden. Ich mag das Dazwischen, Menschen, die beides sind, die zwischen Freude und Trauer, zwischen Stärke und Schwäche , zwischen Mann und Frau stehen. Ich denke, das ist der rote Faden in meiner Arbeit: Ich bin eine Künstlerin des Dazwischens. Es ist ein schmaler Grad, als würde ich auf einem Bergkamm balancieren und alles tun, um nicht herunterzufallen.

Aber Sie sagen, Ihre Arbeit bereite Ihnen Freude.


Freude und Schmerz. Es sieht nach Vergnügen und Rock'n'Roll aus, aber es ist schwierig. Ein Kampf mit mir und mit anderen Leuten.

Was ist der Schmerz?


Wenn du nicht kriegst, was du willst. Anders als ein Maler kann ich nicht am nächsten Tag wiederkommen. Ich muss es in diesem Augenblick hinkriegen. Wenn die Frauen kommen, sind sie perfekt, wunderschön, und ich muss sie aufbrechen.

Wie aufbrechen?


Es beginnt immer gleich: Sie kommen ans Set und sind perfekt, und dann muss ich den kleinen Riss finden, der nach innen führt, der mich einlässt. Jeder hat diesen Eingang dorthin, wo du die Gefühle findest, das Echte, die Seele, wenn Sie so wollen. Es geht nicht ums Aussehen. Hübsch ist einfach. Aber diese Suche ist nicht einfach.

Kommt es vor, dass Sie nicht "reinkommen"?
Manchmal verstehen sie nicht, was ich will. Oder sie wollen nicht mit mir spielen. Das ist mir auch schon mit sehr berühmten Leuten passiert. Und dann sage ich "Lassen wir es".

Und wie reagieren die berühmten Leute dann?


Die sind sauer, was ich verstehe, sie haben es ja probiert. Aber es wie mit dem Kuchenbacken: Manchmal fällt er in sich zusammen. Oder auch wie ein Feuerwerk. Wenn du in die falschen Richtung schaust, ist es vorbei. Und es kommt nicht wieder. Das ist die Schönheit daran. Jedes Mal, wenn ich ein Foto habe, ist es ein Wunder.

Haben Sie eigentlich jemals ein Selbstporträt gemacht?


Niemals. Ich will, dass die anderen im Licht stehen. Ich ziehe die dunkle Seite vor.

Man sieht Ihren Fotos an, dass eine Frau sie gemacht hat. Man kann eine nackte Frau fotografieren, ohne dass es sich...


(unterbricht vehement) ...girly anfühlt! Wie Champagner, den ich hasse. Ich benutze die Frauen nicht, und sie fühlen sich auch nicht so. Ich habe auch gemodelt, als ich jung war, und all diese Typen haben versucht, mir die Kleider auszuziehen. Das hat sich nie gut angefühlt. Das will ich nicht. Ich gebe den Frauen so viel, wie sie mir geben. Wir sitzen in einem Boot.

Warum sind sie trotzdem so häufig nackt?


Es ist nicht wirklich Nacktheit. Ich nehme die Kleidung weg, die den sozialen Status anzeigt. Ich muss am Draußen vorbei, um nach innen zu kommen. Öffnen Sie mal die "Vogue", darin sind die Mädchen viel nackter. Mittlerweile sieht man sogar nackte Frauen in Werbung für Katzenfutter!

Arabella Drummond in der Ausstellung "Bonkers! A Fortnight in London"

Arabella Drummond in der Ausstellung "Bonkers! A Fortnight in London"

Wären Sie eigentlich gern mal ein Mann gewesen?
Nein. Ich bin in der richtigen Zeit aufgewachsen. Schwangerschaft war kein Problem mehr, weil Abtreibung möglich war. Wir konnten die Pille nehmen. Wir hatten ein freieres Gefühls- und Sexleben. Was hätte ich als Mann getan? Wahrscheinlich wäre ich ein langweiliger Mann geworden.

Sie sind seit einem Monat auch in den sozialen Netzwerken unterwegs. Wie gefällt es Ihnen da?


Ich bin jetzt bei Facebook und Instagram. Und da sind so viele tolle Bilder! Jeder kann ein gutes Foto schießen, aber manche Leute sind wirklich Künstler. Manchmal frage ich mich, ob ich da noch einen Platz habe. Heutzutage ist alles Bild, als hätten die Leute das Schreiben und die Sprache aufgegeben. Das sorgt mich. Ich habe mehr Respekt vor Sprache als vor Bildern. Ich habe mich in Leute verliebt wegen der Dinge, die sie sagen. Ich habe ich entliebt wegen der Dinge, die sie sagen.

Was für Bilder stellen Sie online?


Eine halbe Stunde vor unserem Gespräch habe ich mein erstes Foto auf Instagram gestellt. Eine Schachtel Schokolade in meinem Hotelzimmer. Ich dachte, das gefällt den Leuten. Damit sie den Like-Button drücken können. Darum geht es heute. Und damit müssen wir klarkommen. Wir müssen unsere eigene Rezepte in unserer eigenen Küche finden. Ich werde weitermachen mit dem, was ich kann.