HOME

Gunter Sachs: "Jeder Sommer war Rausch ohne Wein"

Er ist erfolgreicher Künstler, Unternehmer und gilt als der letzte Playboy. Im stern.de-Interview spricht Gunter Sachs über seine Ausstellung in Moskau, erzählt von den goldenen Zeiten in St. Tropez - und verrät, weshalb ihm das Schicksal der Opel-Werke besonders nahe geht.

Von Carsten Heidböhmer

Die Nähe zu schönen Frauen hat ihm schon immer behagt: Gunter Sachs vor der Fotografie "Isadora Duncan Claudia Schiffer"

Die Nähe zu schönen Frauen hat ihm schon immer behagt: Gunter Sachs vor der Fotografie "Isadora Duncan Claudia Schiffer"

Es gibt Menschen, denen einfach alles zu gelingen scheint. Bei denen alles, was sie anfassen, zu Gold wird. Gunter Sachs gehört zu jenen seltenen Menschen, die ihr Glück in den verschiedensten Bereichen gesucht - und gefunden - haben. Der 1932 Geborene war zunächst als Unternehmer erfolgreich. 1959 wurde er Junioren-Europameister im Zweierbob. In den 60er und 70er Jahren produzierte er sechs Dokumentarfilme, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab 1974 präsentierte sich Sachs als Fotokünstler - bis heute wurden seine Werke in mehr als 40 internationalen Ausstellungen gezeigt.

Viel Geld verdiente er auch als Kunstsammler. Schon früh kaufte er Werke von damals noch unbekannten Künstlern wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein auf - um sie später mit Millionengewinn zu verkaufen. Für großes Aufsehen sorgte er in den 90er Jahren mit dem Buch "Die Akte Astrologie", in dem einen Zusammenhang zwischen den Sternzeichen und dem menschlichen Verhalten wissenschaftlich nachwies - und damit einen internationalen Bestseller landete.

Aber auch als öffentliche Figur war Sachs schillernd. Er galt in den 50er und 60er Jahren als Paradiesvogel des internationalen Jet-Sets, er war der Prototyp des Playboys, der mit Stil, Niveau und Geschmack die schönsten Frauen um sich versammelte. Mitte der 60er Jahre war er mit der Schauspielerin Brigitte Bardot verheiratet - die beiden waren damals das Traumpaar ihrer Zeit. Seit 1969 ist er mit dem schwedischen Model Mirja Larsson verheiratet, das Paar hat zwei Kinder.

Derzeit sind seine Fotografien in einer großen Ausstellung im Tsaritsyno-Palast in Moskau zu sehen. Da Sachs nach wie vor rastlos durch die Welt jettet, ist das Interview per Mail geführt worden.

Herr Sachs, eigentlich sollte Ihre Retrospektive im Leipzig vergangenes Jahr Ihre letzte Ausstellung sein. Gibt es einen besonderen Grund, weshalb Sie jetzt in Moskau ausstellen?

Moskau, das ich schon aus den 60er Jahren als neugieriger Weltenbummler kannte, war außer seinen Museen eine graue und freudlose Metropole. Heute ist es eine faszinierende Stadt. Dazu kamen eben die großartigen Räumlichkeiten des Museums mit seinen drei Vorführräumen für meine Filme, was mir ungemein entgegenkam.

Es ist bereits Ihre dritte Ausstellung in Russland. Haben Sie eine besondere Verbindung zu diesem Land?

Ja - vielleicht ist es das Quäntchen russischen Bluts in meinen Adern oder die Freundschaft mit den russischen Prinzen während meiner Pariser Zeit, die mich zum Teil formte, oder auch eine tiefe Liebe, die mich mit der russischen Malerin Paule Cals verband. In meiner Jugend war ich zudem ein schwärmerischer Bewunderer von George Gamov, einem Mitarbeiter von Edward Teller und Begründer der Urknall-Theorie, der glänzende und amüsante wissenschaftliche Bücher schrieb. Und schließlich habe ich eine innere Beziehung zur 'Russischen Seele', die ich nicht leugnen kann.

Warum gelingt es heute so wenigen Prominenten, wirtschaftlichen Erfolg und ein stilvolles Leben miteinander zu verbinden, so wie Sie das in den 60er Jahren vorgelebt haben?

Ich hatte wohl auch Glück. So wie ich Kunst nicht als Geldanlage gesammelt habe, sondern um der Kunst willen und weil ich mit den meist befreundeten Künstlern denselben Zeitgeist atmete. Das verstehe ich unter Glück. In den 50er Jahren entdeckten wir St. Tropez und das freiere Leben - aber nicht um als Entdecker gefeiert zu werden, sondern weil jeder Sommer 'Rausch ohne Wein' war. Und so war es wohl auch bei manchen anderen Dingen - Teil eines roten Fadens, der sich durch mein Leben zieht.

Sie sind seit 40 Jahren verheiratet. Trotzdem gibt es keinen Artikel über Sie, in dem nicht das Playboy-Image erwähnt wird. Woran liegt das?

Die Presse macht gewisse Menschen zu Titanen, andere zu Playboys in entstelltem Sinne, wie "Playboy Xaver Leemann, Wäschereibesitzer in Berlin, feiert Orgien mit Fünfzehnjährigen". Sie ist dann stolz, einen 'neuen' Begriff gefunden zu haben - und behält ihn bedenkenlos bei. Wo gibt's schon Boys mit 77?

Stört Sie dieses Image?

Der Urbegriff war ja gar nicht negativ. Ein Playboy war damals in der internationalen Gesellschaft ein gut aussehender, beliebter junger Mann. Eine Spezies, die es heute nicht mehr gibt: Weltenbummler, die Sprachen beherrschten, die wussten, wie man Feste feiert und meistens sehr sportlich und elegant waren - und vor allem mit schönen Frauen parlieren konnten. Sie waren die bunten Wimpel auf den Hügeln der Society von Deauville bis Acapulco. Ja - so war's.

Reinhold Beckmann hat Sie einmal den "letzten und einzigen deutschen Playboy" genannt. Warum hat es nach Ihnen keine Playboys mehr gegeben?

Gianni Agnelli antwortete mit 70 auf diese Frage: "Mit Sicherheit gibt es keine nachkommenden Playboys mehr, denn die wären heute auch schon 50 - und die würden wir kennen." Die Zeit der Playboys ist vorbei - wie die der Troubadoure.

In den 50er Jahren haben Sie St. Tropez hoffähig gemacht. Damals hatte der Begriff "Jet-Set" einen positiven Beiklang. Warum ist das heute nicht mehr der Fall?

Ich habe es einmal so formuliert: "Was nach dem Krieg die kultivierte, internationale Gesellschaft und die Playboys waren, nennt sich heute Schickeria. Das ist der Unterschied von Sartre zu Big Brother." Ich kann es nicht besser ausdrücken. Wenn man das auch nicht verallgemeinern kann. St. Tropez war ein neues Lebensgefühl junger Menschen, etwas von innen Gewachsenes - in die Schickeria konnte sich jeder einkaufen.

Sie gelten als Workaholic, der schon morgens um sechs Uhr am Rechner sitzt. Warum können Sie nicht in Ruhe Ihren Reichtum genießen?

In meinem Leben wurde ich stets von einer großen Neugier getrieben. Ich wollte hinter die Mysterien schauen, von allem, was mich interessierte. Wenn meine Neugier auf ein reizvolles Ziel trifft, sehe ich mich herausgefordert und würde sogar mit Mephisto feilschen, um es zu erreichen. Davon zeugt auch mein erster wissenschaftlich anerkannter und gesicherter Nachweis zur Existenz einer nicht mythischen Astrologie. Würden die Zeiten inhaltslos vorüberziehen, hätte ich wahrscheinlich nichts dagegen, wenn der Hinkende mich holen würde. Das kann natürlich nur einer sagen, der nicht an den Belzebuben glaubt. Ich schlafe auch - leider oder zum Glück - mit großen nächtlichen Pausen. Da kommt man dann manchmal auf unbrauchbare, aber auch verwertbare Gedanken und hat Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Ihr Urgroßvater war Adam Opel. Nehmen Sie besonderen Anteil an der Krise des Autoherstellers Opel?

Sie berührt mich natürlich emotional aufgrund der Familiengeschichte und der langen Tradition des Unternehmens, aber auch der Gesinnung meiner Mutter wegen, die lebenslang tief im Herzen eine überzeugte Opelianerin blieb. Trotz der Krise und den schwierigsten nationalen, geschäftlichen und technischen Verwicklungen kann ich mir allerdings schwerlich vorstellen, dass man ein Werk mit den Zukunftsaussichten von Opel einfach schließen wird. Meines Erachtens wäre das eine Vernichtung - nicht nur materieller Werte.

In Ihrer aktuellen Ausstellung zeigen Sie auch neue Bilder. Was ist darauf zu sehen?

Die Experimental-Fotografie zieht mich schon seit meiner Zeit als Dokumentarfilmer an. Vor vierzig Jahren setzte ich bei meinen Filmen erstmals Highspeed-Kameras ein, die sonst nur für wissenschaftliche Zwecke genutzt wurden und die die unglaubliche Zahl von 10.000 Bildern pro Sekunde - mechanisch! - bewältigten. Das gab mir unlängst die Idee, Farbe auf Körper von Modellen zu werfen und mit Superzeitlupe die 1/2000 Sekunde vor der Berührung der Haut aufzunehmen. Für mich war das eine sehr interessante Erfahrung. Yves Klein, dem ich diese Serie widmete, interessierte die Farbe nach dem Aufkommen auf die Körper - mich die Nanosekunde davor. Ein Monochrome von ihm und meine 'Farbe Blau' sind nun gemeinsam im Tsaritsyno zu sehen. Ebenfalls stelle ich eine Farbexplosion aus, die uns nach mehreren Experimenten gelungen ist. Sie wurde zu einem Triptychon. Im Atrium des Museums hängen fünf Fahnen von über sechs Metern Länge, die nahtlos auf Seide mit Tintenstrahl gedruckt sind. Auch das ein Experiment mit Tücken.

Ist das diesmal wirklich die letzte Ausstellung?

Ja und nein - danach habe ich noch eine kleinere Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden anlässlich des New Pop Festivals 09, die auch schon lang vor Moskau beschlossen war. Schon wegen ihres Umfangs betrachte ich diese aber nicht als meine letzte Ausstellung - insofern scheint mir das Lustschloss im fernen Russland das Richtige. Auf alle Fälle möchte ich weiter fotografieren für Kunst und Bücher.