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Kalte Heimat: Zwischen Birkenwäldern und Bären: Leben in der Abgeschiedenheit der sibirischen Taiga

Weitab von aller Welt, tief in der sibirischen Provinz, liegt der Sehnsuchtsort der Fotografin Elena Anosova. Es ist das Dorf, in dem ihr Vater aufwuchs. Es wurde für sie zu einer Herzensangelegenheit.

Russland: Bilder aus einem Dorf in der sibirischen Taiga

Der Jäger Walerij ist ein Freund von Elenas Familie. Jeden Morgen wäscht er sein Gesicht mit Schnee. Lange wollte er sich nicht fotografieren lassen, weil er nicht wusste, was das sollte.

Kurz bevor die Fotografin zum ersten Mal in dem sibirischen Dorf eintraf, war aus der Taiga ein Bär zwischen den Häusern aufgetaucht, mitten im Dezember. "Schatun" werden die Tiere genannt, wenn sie nicht in den Winterschlaf finden, weil sie verletzt sind oder krank oder einfach zu dünn. Zu hungrig. Gierig riss der Bär zwei Hunde. Dann erschossen die Jäger ihn. Seine Tatzen bewahrten sie auf, sie legten sie sorgfältig in ein Körbchen, zur Erinnerung an den Überfall, der nicht nur Schrecken in das Dorf brachte, sondern auch Trauer. "Die Menschen", stellte die Fotografin Elena Anosova fest, "lieben ihre Hunde wie Familienangehörige."

Tief in der Provinz Russlands

Anosova, 35, ist ein Stadtmensch, aufgewachsen in der sibirischen Metropole Irkutsk, und dennoch wurde das Dorf schon zum Sehnsuchtsort, als sie noch ein Kind war. Denn der Vater, ein Historiker, war dort aufgewachsen, jeden Sommer kamen die Großeltern und der Onkel zu Besuch in die Stadt. Reiste der Vater ins Dorf, durfte Anosova jedoch nicht mit: Sie litt an einer Allergie, und in der Taiga gab es weder Ärzte noch Medizin. Zu abgelegen, zu gefährlich, entschied die Mutter. Anosova war längst erwachsen, als sie sich zum ersten Mal auf die Reise zu den Verwandten in die Taiga begab.

Tatsächlich liegt das Dorf, das die Fotografin seit 2015 immer wieder besucht, tief in der russischen Provinz, umgeben von dichten Wäldern. Vom sibirischen Irkutsk geht es zunächst mit dem Flugzeug in die Kleinstadt Kirensk, von dort aus fliegt zweimal im Monat ein Hubschrauber in die umliegenden Dörfer. Neun Monate lang hat der Winter das Land im Griff, die Menschen fahren kein Auto, sondern Schneemobil. Der Nachbarort des Dorfes liegt 300 Kilometer weit entfernt.

Anosovas Vorfahren hatten den kleinen Ort vor 300 Jahren gegründet. Viel verändert hat sich seither nicht. Die Natur und die Jahreszeiten bestimmen bis heute den Alltag. "Alle wissen schon jetzt, was sie an jedem Tag dieses Jahres machen", sagt Anosova. 60 Familien leben im Dorf, die Bewohner jagen Elche, backen Brot, pflanzen Gemüse und kochen ein, pflücken Beeren und Pilze. Um Geld zu verdienen, stellen sie Fallen für Zobel auf und verkaufen die Felle.

Die Moderne hält sehr langsam Einzug. Strom funktioniert nur stundenweise, produziert von einem Dieselgenerator. Eiskeller ersetzen bis heute die Tiefkühltruhen. Das Wasser stammt aus Löchern im gefrorenen Fluss – im Januar sinken die Temperaturen manchmal auf minus 50 Grad. Einmal in der Woche heizen die Dorfbewohner die Banja ein, das Waschhaus. Der alte Walerij wäscht sich jeden Morgen im Schnee. Immer wieder musste Anosova fragen, bis sie ihn dabei endlich fotografieren durfte. Das Bild seines verschneiten Gesichtes ist das bekannteste aus Anasovas Fotoserie "Abgelegen", die international vielfach ausgezeichnet wurde. Idyllisch ist das Leben nicht. Einige Bewohner würden das Dorf vielleicht verlassen, können aber nicht: Selbst wenn sich für die Häuser Käufer fänden, so reichte die Summe doch nur für ein Zimmer in der nächsten Kleinstadt. Dort gibt es kaum Arbeit. Manche sind wie gefangen im Dorf, sehen keine Alternativen zu ihrem harten Leben als Selbstversorger.

"Vom Staat erwartet niemand etwas"

Die meisten jedoch lieben das Leben im Abseits und ziehen es dem in der Stadt deutlich vor. "Es ist eingeschränkt, aber die Menschen empfinden es doch als frei", erklärt Anosova. Weil sie sich unabhängig fühlen, autark. "Das politische System ist hier eigentlich egal", sagt die Fotografin. "Vom Staat erwartet hier niemand irgendetwas." Und doch könnte alles schlimmer kommen: Würde die Schule oder die Krankenstation geschlossen, stiegen die Preise für den Hubschrauber in die Stadt, dann hielten es vielleicht auch die Dorfbewohner nicht länger in der Einöde aus, sagt sie. Medikamente gibt es weiterhin nicht in dem Dorf. Passiert ein Unfall, fliegen Rettungssanitäter per Hubschrauber ein. Stunden kann das dauern.

Die 35-jährige Fotografin Elena Anosova, geboren im sibirischen Irkutsk, studierte Fotografie in Moskau. Für ihre Arbeiten wurde sie national und international vielfach ausgezeichnet

Die 35-jährige Fotografin Elena Anosova, geboren im sibirischen Irkutsk, studierte Fotografie in Moskau. Für ihre Arbeiten wurde sie national und international vielfach ausgezeichnet

Als Anosova zum ersten Mal in das Dorf kam, wollte sie eigentlich gar nicht fotografieren, sondern sich von einem anderen Projekt erholen; sie hatte gerade drei Monate lang in Frauengefängnissen fotografiert. Mit Einsamkeit und Abgeschiedenheit setzt sie sich in ihren Arbeiten immer wieder auseinander, weil diese Erfahrung ihr eigenes Leben prägte. Als Teenager musste sie selbst drei Jahre in einem Internat verbringen, um von einem Unfall zu genesen. Mit Schrecken erinnert sie sich an die Zeit im Kollektiv, an Gemeinschaftsschlafsäle und fremdbestimmten Alltag ohne Privatsphäre. Später studierte sie in Irkutsk und Moskau Design und Fotografie.

Sprache der Ewenken

Lange dauerte es nicht, bis Anosova auch im Dorf nach der Kamera griff. Natürlich geht es in diesen Bildern um ihre Familie, um die Frage, wo ihre Wurzeln liegen. Aber um Isolation dreht sich auch hier alles, in dem Dorf am Ende der Welt. "Insel" heißt es in der Sprache der Ewenken, einer sibirischen Ethnie, die traditionell in der Gegend lebte.

Mehr verrät Anosova nicht. Das musste sie ihren Verwandten versprechen. Sie befürchten, dass sonst Touristen vorbeikommen könnten, in das Meer aus dichtem Wald. Und ihre einsame Insel, die wollen sie ganz für sich.

Bei den Dolganen: Dieses Volk lebt bei Temperaturen bis zu minus 60 Grad
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?