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Brasilien: Das Land inmitten eines Landes

Der Fotograf Kay Fochtmann liebt Brasilien: Ein Land, in dem es um die Leute geht. Um ihr soziales Miteinander, ihr Teilen, ihre gegenseitige Hilfe. Also beschloss er, in die Favelas zu ziehen und das Leben dort für den Rest der Welt sichtbar zu machen.

Von Gesa Holz

Kinder ohne Selbstwert, schwangere Mädchen, Drogendealer. Favelas sind Teil von Brasilien. Teil eines Landes mit einer Millionen Bevölkerung. Teil eines Staates, der sich nicht wirklich für eine Millionen verantwortlich fühlt. Fotograf Kay Fochtmann ist erschüttert. Er beschließt in die Favelas zu ziehen und mit seinen Bildern den Alltag dort zu dokumentieren. Es sichtbar für Mittel- und Oberklassen zu machen. Zu zeigen, wie das Leben unter diesen Umständen wirklich ist. Dass nicht jeder dort faul ist, mit Drogen dealt, arm ist. Dass Zusammenhalt, Respekt und Hilfe dort selbstverständlich sind.

Ein Staat, in dem die Mehrheit ums Überleben kämpft

Der Fotograf und visuelle Genießer ist gebürtiger Leipziger. Er lebt und arbeitet dort, wohin ein Auftrag ihn verschlägt. Seine Bilder umfassen die grau-goldenen Altbauten des Ostens, sowie exotische Aufnahmen aus aller Welt. Vom Portrait bis hin zum flüchtigen Alltagsmoment. Ein Land hat es ihm jedoch besonders angetan: Brasilien reizt ihn mit Lebensfreude, Musik, Vielseitigkeit und einer Gesellschaft aus Kontrasten. Doch er strebt nach mehr – möchte etwas bewegen in einem Staat, wo die Mehrheit in illegalen Siedlungen ums Überleben kämpft.

Sechs Monate am Stück hat Fochtmann in Brasilien verbracht, drei davon in Rios größter Favela. Anfangs hadert der junge Fotograf mit sich. "Ich hatte damals viel Schlechtes über Brasilien und seine Favelas gelesen", erzählt er. Fair erscheint ihm trotzdem nur die eine Option: Wer über diesen Ort und seine Leute berichten möchte, muss unter den gleichen Umständen gelebt haben – den guten, wie den schlechten. Hinzu kommt sein Drang nach Abenteuer, einer eimaligen Gelegenheit. 

Überleben mit Würde und Stolz

Täglich macht Fochtmann Streifzüge durch die Viertel und die angrenzenden Strände – lernt eine Lebensart kennen, in welcher sich alles um die Menschen dreht. Ihre Art einander zu behandeln, einander zu helfen, miteinander zu teilen. Dort kennt und respektiert man sich. "Ein Überleben mit Würde und Stolz", erzählt er bewundernd.

So viel er dort auch lieben gelernt hat - vieles lässt ihn schockiert zurück. Schwangerschaften bei Mädchen nicht älter als 13, Waffen in Kinderhänden, Schönheit mit einem höheren Stellenwert als Bildung. Für den jungen Fotografen ist es schwer zu sagen, welche Probleme Prioriät haben. Müllberge, Selbst-Respekt für Kinder, Bildung für alle? Eines jedoch liegt ihm besonders am Herzen: Die Favelas und seine Einwohner für einen Staat aus Mittel-und Oberklasse sichtbar zu machen. Ihnen zu zeigen, unter welchen Umständen ihre Haushälterinnen, Reinigungskräfte, Kindermädchen stammen. Wie hart sie arbeiten, um über die Runden zu kommen. 

Eine Gesellschaft der Kontraste

Für Fochtmann war seine Zeit in lehrreich: "Einerseits ein Leben in einem Land inmitten eines Landes und andererseits ein Leben, wo sich jeder kennt." Mit seinen Bildern dokumentiert er flüchtige Momente der brasilianischen Wirklichkeit. Er hält das Alltägliche der breiten Masse, der ärmeren Bevölkerung in Bildern fest. Nimmt den Betrachter mit auf eine ungeschminkte Reise durch das, für ihn, schönste Chaos der Welt. Es zeigt uns einen Weg, mit weniger glücklich zu werden.

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gho
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