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"Leben": Walter Schels porträtiert das Leben von Anfang bis Ende, so intensiv, wie es ist

Von der Geburt bis zum Tod und auf hundertfache Weise dazwischen – es gibt wohl nichts am Menschen, was für Walter Schels nicht ein spannendes Motiv werden könnte. Die Deichtorhallen in Hamburg zeigen die beeindruckenden Arbeiten des Fotografen, der möglichst nie ohne Kamera ist.

Ein Baby schaut mit hochgezogenen Augenbrauen ernst in die Kamera

"Mathis": Vor 18 Jahren hat Walter Schels den zehn Monate alten Mathis fotografiert. Er sitzt auf dem Schoß seiner Mutter, die mit einem schwarzen Tuch verhüllt worden war. Schels hat zig Aufnahmen von den unterschiedlichsten Gesichtsaudrücken gemacht.

Den stern verbindet eine ganz besondere Geschichte mit Walter Schels. Nicht nur, dass der 86-jährige renommierte Fotograf 2004 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und ihm 2005 eine eigene Geschichte über seine Porträtfotografie gewidmet worden ist, als er mitten im Wahlkampf die Spitzenkandidaten der wichtigsten Parteien fotografiert hat. Nein, es geht um ein Foto, das im Auftrag des stern entstanden ist, als 2002 eine dreiteilige Reihe zum Thema Gehirn mit Porträts bebildert werden sollte. "Uns allen war sofort klar, dass Walter Schels die Fotos der Probanden machen muss", erzählt Christoph Koch, der Autor des zweiten Teils "Ich fühle, also bin ich" war. "Wir brauchten ein Baby", erzählt er weiter, "und ich habe gesagt: 'Ich habe da gerade eins.'" Es handelte sich um seinen Erstgeborenen, Mathis, 18, der nun eine eigene Serie in der Ausstellung "Leben" in den Deichtorhallen hat und damals zehn Monate alt war.

Mathis' Mutter, Silke Umbach, war bei dem Fotoshooting mit dem Baby anwesend. Genauer gesagt, war sie sogar ein Teil davon, denn mit einem schwarzen Moltontuch verhüllt, bildet sie nun den Hintergrund des Bildes, für das sie ihren Sohn auf dem Schoß hatte. "In dem Studio war eine Atmosphäre, als käme man zu jemandem nach Hause", erinnert sie sich. "Mit fiel auf, dass es gar keine Hektik gab, für das Projekt schien es alle Zeit der Welt zu geben." Die Bedurfnisse des Kindes standen im Vordergrund. "Hunger, Durst, Windel voll, das war ganz selbstverständlich und wurde abgewartet."

Walter Schels lässt die Menschen sie selbst sein

Was Schels von vielen Fotografen positiv unterscheidet, ist, dass er die Menschen, die er porträtiert, nicht beeinflusst. Er gibt keine Emotionen vor, sondern lässt sie machen. Selbst Babys. "Walter Schels hat das Ganze nicht durch Babytalk gestört, er hat keinen Kontakt aufgenommen wie fremde Menschen das sonst tun. Nur so konnte Mathis aus sich selbst etwas produzieren", sagt Umbach, "sonst hätte er ja nur reagiert."

Umbach erzählt, welches Glück ihr die Fotos ihres Sohnes über die Jahre bereitet haben. "Wenn man das anschaut und im Alltag gefangen ist, sieht man eine Form von Wesentlichkeit. Man möchte alles vergessen, was einem sonst die Laune verdirbt. Weil es den Kern trifft."

Walter Schels. Leben
In der Reihe "Hamburger Helden"
19. Juli – 3. Oktober 2019, Vernissage am 18. Juli um 19 Uhr
Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg