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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Amartya Sen: „Wir müssen uns auf eine Kultur des gerechten Verteilens einigen“

Amartya Kumar Sen
Amartya Sen, 86, ist Wirt­schaftswissen­schaftler und Philosoph. Sein ­Denken und Wirken drehte sich stets um die Frage nach dem Wohl­ergehen aller Menschen
© Tony Luong
Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und vor allem: überragender Denker. Amartya Sen, 86, erhält im Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der stern sprach mit ihm zu Hause in Boston in der Quarantäne-Isolation via Videokonferenz.

Der Mensch, oder besser: das Wohlergehen des Menschen, steht im Zentrum seines Denkens und seiner Arbeit. Er verstand sich immer als Anwalt der Armen. Eine seiner berühmtesten Thesen etwa lautete, dass nicht allein Nahrungsknappheit, sondern vor allem ungerechte Verteilung zu Hungerkatastrophen führt. 

Amartya Sens Arbeit ist angesichts der Folgen der Pandemie für die Menschheit so wichtig wie nie zuvor, auch wenn er bescheiden abwehrt, dass andere ihn „das Gewissen der Ökonomie" nennen. „Wir durchleben einen Wandel der Prioritäten. Europa wird auf Dauer wichtiger werden, vor allem Deutschland und Frankreich. Während Amerika offenkundig nicht mehr in der Lage ist, seine Führungsposition auszufüllen.“

Der Schlussfolgerung, dass durch Pandemie und Klimawandel nun das Wachstum an sich in Frage gestellt sei, folgt er nicht: „Wachstum ist nichts Schlechtes. So wie auch die Globalisierung nicht per se schlecht ist, weil Globalisierung viel mehr bedeutet als globales Wachstum, nämlich auch den globalen Austausch von Ideen, Gedanken und Kultur. China und Indien tauschten bereits vor rund 2500 Jahren Waren und Ideen aus. Wir können und müssen sogar wachsen, aber: auf intelligente Weise.“

Wie könnte dieses intelligente Wachstum aussehen? „Vor allem müssen wir uns auf eine Kultur des gerechten Verteilens einigen, was lebensnotwendige Güter wie Nahrung und Medikamente angeht. Bismarck ist ein gutes Beispiel mit seinen Plänen über einen Grundlohn, Wohlfahrt und ein Gesundheitssystem. Bis heute ist gerechte Verteilung der Schlüssel zur Lösung dieser großen Menschheitsfragen.“

Die Entwicklung in seinem gewählten Heimatland USA sieht der gebürtige Inder Sen mit Sorge: „Radikales Denken gehört zur amerikanischen Tradition. Zurzeit gehen die USA durch eine massive Konfrontation. Zwischen denen, die die Reaktion des Staates auf die großen Probleme der Zeit und der Nation mit großer Sorge betrachten, und jenen mit einem engen Blick auf die Welt. Auch unter meinen Studenten erkenne ich beide Seiten des Spektrums. Amerika ist gefangen in diesem Dilemma. Aber Engstirnigkeit ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Denken Sie an Großbritannien und den Brexit, diese falsche Entscheidung."


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