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"Salsa Paradiso": "Ich bin nicht Mama Tomatensoße" - Diese Frau produziert Soßen, wie es sonst nur Italiener können

Hermina Deiana verkauft ihre Jugendliebe in Gläsern. Eine Soße, die nach frisch gepflückten Tomaten schmeckt und eingemacht wird, wie es die italienische Tradition gebietet - direkt vom Feld in die Kessel, Zusatzstoffe unerwünscht.

Hermina Deiana auf einem Tomatenfeld

„Eine perfekte Tomate schmeckt fruchtig und süß, ist ohne Säure und hat eine tiefe, schöne rote Farbe", sagt Hermina Deiana, Chefin von "Salsa Paradiso".

Es war an einem Sommersonntag in Neapel, als Hermina Deiana ihr Herz verlor. 19 Jahre alt und zu Besuch bei der Familie ihres damaligen Freundes, bekam sie etwas serviert, was sie zuvor noch nie gegessen hatte: eine Tomatensoße, so aromatisch, dass sie ihr verfiel. Es war Liebe auf die ersten Bisse.

Deiana ist die Frau hinter den Tomatensoßen "Salsa Paradiso". Als sie sich dazu entschloss, in die Food-Branche einzusteigen und sich auf ihre Jugendliebe, die Tomatensoße besann, lag ihre Zeit in Neapel lange zurück. Sie arbeitete als PR- und Marketing-Managerin und kochte noch immer leidenschaftlich gern, aber nicht professionell. 

"Ich gehöre zur Generation Mirácoli. Tomatensoße war für mich lange keine große Sache", erzählt sie rückblickend. Nach Neapel aber gab es kein Zurück mehr in eine Welt der Standard-Soßen. Was Deiana in diesem Sommer gekostet hatte, war der Geschmack von Tomaten, die von der Sonne mit Küssen überhäuft worden waren, so fruchtig und süß, dass sie ohne viele Gewürze auskommen.  

Das Ende von Dosentomaten

Das Rezept hatten die neapolitanischen Tanten großzügig preis gegeben, im Wissen, dass die Soße in Deutschland niemals so schmecken würde, wie sie es in Italien tut. Denn es war keine Geheimzutat, welche die Tomatensoße so betörend machte, es waren die Tomaten selbst. Und solche, das wussten die Italienerinnen, gibt’s in Deutschland nirgendwo.

Zurück im Norden kochte Deiana mit Dosentomaten. Das war in Ordnung, aber nicht zu vergleichen mit dem Geschmack, den sie aus Italien kannte. "Ich habe regelrecht eine Nostalgie nach den Aromen der neapolitanischen Tomatensoße entwickelt", erzählt sie. Und so war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sie diese auf den deutschen Markt brachte.

"In Deutschland hat Tomatensoße noch immer den Stellenrang einer Pastasoße, dabei ist sie unfassbar vielfältig", sagt Deiana. Für sie gehört die Soße zu den Grundlagenzutaten in der Küche. "Ich bin nicht Mama Tomatensoße", erklärt sie. Sie wisse als moderne Frau aber, was es bedeute Karriere und Familie miteinander zu verbinden und welche Herausforderung es sei, in 20 Minuten ein leckeres Gericht auf den Tisch zu bringen. Einzig: Die Produkte, die es zu kaufen gab, konnten mit der italienischen Hausmannskost nicht mithalten. Wer einmal eine richtig gute Tomatensoße gegessen habe, sagt sie, der gehe nicht mehr zurück zu Fertigsoßen. "Eine Tomatensoße muss nach Tomate schmecken", sagt sie, "nicht nach Oregano, nicht nach Basilikum. Der Geschmack der Tomate darf nicht zugeschüttet sein." 

Triebwerk Sehnsucht

Anstatt sich weiter mit Sehnsüchten aufzuhalten, machte sich Deiana auf den Weg. Sie fand in der italienischen Region Emilia-Romagna einen Partner, der erst nicht recht kooperieren wollte, sich am Ende von der leidenschaftlichen Frau aus Oberursel aber überzeugen ließ. Gemeinsam entwickelten sie zwei Soßenvarianten – eine mild, eine pikant – auf Basis fleischiger Flaschentomaten und des Rezepts, das sie einst aus Neapel mitgebracht hatte. Drei Monate später wurde die erste Marge "Salsa Paradiso" abgefüllt.

Der August ist Erntemonat. Dann schwebt ein paar Wochen lang der Geruch frischer Tomatensoßen übers italienische Land. In dieser Zeit wird der Jahresvorrat Soßen in den Haushalten eingekocht. Das ist Tradition. Das ist auch die Zeit, in der Deianas Soßen ins Glas kommen. Denn sie produziert auf traditionelle Weise, nur eine Woche im Jahr, erntefrisch. Sind die Flaschentomaten vom Strauch, werden sie in der Produktionsstätte vor Ort innerhalb von 24 Stunden eingekocht. Eine Zwischenlagerung im Kühlhaus gibt es nicht. 

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In die Kessel kommt neben den Tomaten nichts weiter als ein "Soffritto", eine kleine Gemüsegrundlage aus frischen Karotten, Sellerie und Zwiebel. Für die pikante Version, werden in einem Gazesäckchen Chilis mitgekocht. Zusatz- und Konservierungsstoffe sind keine enthalten. Die seien auch nicht nötig. Die Soße wird frisch abgefüllt und pasteurisiert. Und tatsächlich schmeckt sie so kraftvoll, als hätten die Tomaten eben noch am Strauch gehangen.

Deiana produziert 100.000 Gläser im Jahr. 60.000 in der milden, 40.000 in der pikanten Variante. Es ist eine überschaubare Produktion, keine für den Vertrieb in Supermarktketten. Verkauft wird online, ab sechs Gläser die Box. Anders, erkärt sie, wäre der Preis nicht zu halten. Es sei ein Spagat, aber so sagt sie: "Ich wollte kein Luxusprodukt für die oberen Zehntausend, meine Soßen sollten sich alle leisten können."

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