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Von wegen paradiesisch "Jetzt weht ein anderer Wind" - Auswanderin über das Leben auf einer Südseeinsel während Corona

Strand von Rarotonga
Der Strand vor der Tür: Nicole Fuchs ist vor rund sechs Jahren auf die Cook Islands ausgewandert. Der Hund gesellte sich später dazu.
© Nicole Fuchs
Nicole Fuchs ist vor rund sechs Jahren aus Hamburg in die Südsee ausgewandert. Seit Monaten dürfen coronabedingt keine Touristen mehr auf die Insel. Die 36-Jährige über das Gefangensein im Nirgendwo und anderen Illusionen vom Paradies.

Frau Fuchs, Sie leben seit gut sechs Jahren auf Rarotonga, einer Insel der Cook Islands mitten im Südpazifik. Das nächste Festland ist Neuseeland, dreieinhalb Flugstunden entfernt. Wie lebt es sich so fern vom Trubel der Welt?

Das ist schon geil hier. Im Landesinneren gibt es Berge und Dschungel, vor der Insel das Korallenriff und die Lagune. Die Insel hat eine ganz abgefahrene Energie, eine Kraft, das spürt man. Die Verbindung zur Natur ist ganz anders als in Deutschland. Das hat schon was vom Paradies. Und wenn man nicht gezielt Nachrichten liest, bekommt man auch wirklich nichts mit vom Rest der Welt.

Von der weltweiten Pandemie namens Covid-19 haben Sie aber schon etwas mitbekommen?

Die Cook Islands sind coronafrei, aber die Auswirkungen der Pandemie treffen uns hart. Seit Ende März sind die Grenzen dicht, seitdem sind keine Touristen mehr gekommen. Der Tourismus gehört zu den Haupteinnahmequellen auf der Insel. Fast alle Unternehmen, die mit dem Tourismus arbeiten, sind geschlossen oder nur sehr beschränkt geöffnet. Viele Menschen haben ihren Job verloren. 

Ist die einsame Insel noch einsamer geworden?

Einsam ist es nicht, es ist noch relativ belebt auf den Straßen und in der Stadt. Aber es hat eben alles etwas heruntergefahren. Die Touristengebiete und die Strände sind leer. Von Mai bis September ist auf der Insel normalerweise Hauptsaison und Tausende Touristen schwirren hier herum. Jetzt kommt noch einmal die Woche ein Flieger, der bringt die Post und ein paar Einheimische, das war’s. 

Fühlen Sie sich gestrandet?

Ich bin nicht gestrandet, ich lebe hier ja - ich bin gefangen (lacht). Aber nein, ich möchte gar nicht weg. Hier ist mein Leben, mein Partner, meine Tiere, das Business. Und wenn man ganz unbedingt von der Insel möchte, geht das auch, dann kann kann man sich auf eine Liste setzen lassen. Das Problem ist das Zurückkommen.

Sie dürfen runter, aber nicht mehr rauf?

Einheimische und Menschen mit Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis dürfen zwar wieder raus- und reinfliegen. Allerdings ist das an strenge Restriktionen geknüpft. Bevor du zurück auf die Insel darfst, musst du erst einmal in Neuseeland 30 Tage in Quarantäne. Wenn du kein neuseeländischer Staatsbürger bist, zahlst du das aus eigener Tasche. Zurück auf der Insel musst du dann noch einmal zwei Wochen in Quarantäne. Das ist finanziell kaum zu stemmen. 

Nicole Fuchs
"Auf der Insel muss man entspannt sein, sonst geht es nicht", sagt Nicole Fuchs.
© Nicole Fuchs

Wie verdient man auf so einer kleinen Insel eigentlich sein Geld?

Normalerweise fotografiere ich Hochzeiten, mache viele Grafikdesign-Jobs und arbeite als freie Beraterin für das neuseeländische Innenministerium. Aber die Hochzeiten sind abgesagt und Projekte, die Anfang des Jahres von der Regierung angestoßen wurden, auf Eis gelegt. Von diesen Jobs kann ich gut leben. Jetzt aber weht ein anderer Wind in der Südsee. Sowohl meine als auch die Jobs meines Freundes, er ist Musiker, sind flöten gegangen. Wir mussten uns neu aufstellen.

Inwiefern?

Wir wollen nicht einfach nur darauf warten, dass der Tourismus wieder anläuft und haben jetzt einen Hausmeisterservice gegründet. Mein Freund hat auch schon zuvor bei Bekannten mit kleinen Handwerksarbeiten ausgeholfen, durch die Covid-Situation entstand die Idee, daraus ein richtiges Geschäft zu machen. Wir haben einen Businessplan geschrieben, ein Darlehen aufgetrieben und die Arbeitsgeräte besorgt. Unsere Zielgruppe sind Hausfrauen, die Zuhause einen Mann sitzen haben, der keinen Bock hat, die kleinen Arbeiten zu übernehmen. Das Feld ist groß (lacht). Ob’s darum geht Dachrinnen zu reinigen oder die Hecke zu schneiden, ob ein Rollo angebracht oder ein Hochbeet gebaut werden muss - wir machen das. 

Sie führen ein Leben, in dem Sie sich immer wieder neu erfinden müssen, oder?

Man muss hier auf der Insel entspannt sein, sonst geht das nicht. Ich bin jetzt Malermeisterin, mein Freund ist eigentlich Musiker, jetzt ist er Hausmeister. Kein Problem. Ich habe immer ganz viele Eisen im Feuer und jongliere mit mehreren Jobs.

Nach Hängematte unter Palmen und entspanntem Inselleben klingt das aber nicht.

Wenn du als Fremder auf die Insel kommst und nicht viel Geld hast, dann bist du gezwungen viel zu arbeiten, mindestens so viel wie in Deutschland, eher doppelt so viel. Denn das Leben hier ist doppelt so teuer, aber du verdienst nur die Hälfte. Da musst du tough sein, vor allem als weißer Ausländer. Ich kann niemanden empfehlen hierher auszuwandern, der nicht viel Geld hat. 

Nicole und Kahiki
Nicole Fuchs lebt mit ihrem Freund Kahiki in der Südsee
© Nicole Fuchs

Wie meinen Sie das?

Auf der Insel leben etwa 10.000 Menschen, jeder kennt hier jeden. Als Fremder muss man sich da erst einmal beweisen, einen Zugang finden. Das ist nicht so einfach. Ich habe sicher drei, vier Jahre gebraucht, um anzukommen und ich habe Anschluss, weil mein Freund von der Insel kommt. Das typische Konstrukt fünf Tage arbeiten, zwei Tage frei, das geht hier überhaupt nicht. Ich arbeite eigentlich jeden Tag, allerdings bin ich selbstständig und kann es mir frei einteilen. Deswegen ist es nicht so schlimm und auch nicht mit Deutschland zu vergleichen.

Arbeiten auf der Insel ist weniger schlimm als Arbeiten in Deutschland?

Ich vermisse wirklich viel an Deutschland – meine Familie, Freunde, die Jahreszeiten, das gesamte Essen, die Supermarktpreise. Was ich überhaupt nicht vermisse, ist das Malochen und den ständigen Leistungsdruck. Fragen wie „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“. Das ist der größte Quatsch aller Zeiten. Woher soll man das denn wissen? Gott sei Dank weiß man es nicht.

Wenn Sie gewusst hätten, wie hart das Inselleben ist, hätten Sie es dann gewagt?

Ich selbst bereue nichts. Generell ist das Auswandern unglaublich horizonterweiternd. Man kommt aus seiner Komfortzone, lernt seine Stärken und Schwächen kennen. Die Insel hier ist nicht groß, mit dem Auto braucht man etwa 40 Minuten, um Rarotonga einmal zu umrunden. Wenn du ein Problem hast, kannst du nicht einfach weg - du bist mitten im Nirgendwo. Das ist eine krasse Sache. Du musst dich deinen Problemen stellen und manchmal über dich selbst hinauswachsen. Aber es ist eben auch unglaublich schön hier, deswegen bin ich ja auch noch hier – vor allem jetzt. So hart und finanziell schwierig es aktuell auch ist, ist es auch schön, die Insel einmal ohne Touristen zu haben, die Ruhe zu genießen.  

Allerdings eine Ruhe, die aktuell keinen Endpunkt kennt. Ist das nicht auch beängstigend?

Darüber denke ich nicht nach. Das ist Zeitverschwendung. Ich weiß schließlich nicht, was passieren wird. Daher nehme ich jeden Tag so mit, wie er ist. Wir machen das Beste draus, mehr können wir nicht tun. Das ist nicht das erste Mal, dass etwas an die Wand fährt. Irgendwie hat‘s aber immer geklappt, man findet immer einen Weg. Außerdem bringt der Mangel an Touristen auch ein, zwei Vorteile mit sich.

Leere Strände …

Nicht nur das. Vieles ist auch billiger geworden. Die Mieten sind extrem gesunken. Viele Unterkünfte, die sonst an Touristen vermietet werden, werden jetzt günstig Einheimischen angeboten. Staycation nennt sich das, also Urlaub zu Hause. Und auch das Essen ist billiger. Für ein Kilo Tomaten muss man hier normalerweise 15 neuseeländische Dollar hinblättern, jetzt bekommt man die für 2,50. Die Landwirte auf der Insel haben mehr produziert, als wir aktuell brauchen. Das lässt den Preis sinken. Alles was mit dem Schiff importiert wird, ist allerdings noch immer horrend teuer. Scheibenkäse ist purer Luxus.

Was glauben Sie, wann sind Sie das nächste Mal in der Heimat?

Eigentlich wäre ich genau jetzt zu Besuch in Deutschland, es war schon alles gebucht. Sobald die Grenzen wieder offen sind und ich ohne Restriktionen reisen kann, sitze ich im nächsten Flieger – und wenn ich dafür einen Kredit aufnehmen muss. Oder ich verkaufe eine Kamera, es heiratet hier ja sowieso keiner mehr.


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