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Landwirtschaft 2.0 Crowdfarming: Wenn Kleinbauern Ketten sprengen – und was Verbraucher davon haben

Crowdfarming: Jung-Landwirt Gonzalo Úrculo auf seiner Plantage in der Nähe von Valencia
Seit mehr als fünf Jahren sucht Jung-Landwirt Gonzalo Úrculo den direkten Draht zu seinen Kunden. Und Landwirte aus aller Welt folgten seiner Idee, die konventionellen Lieferketten zu sprengen.
© Emilio Rappold / Picture Alliance
Die Idee des Crowdfarmings ist simpel: Menschen adoptieren Obstbäume, Tiere oder Rebstöcke. Die Landwirte liefern Äpfel, Käse oder Wein direkt an die Haustür. Wer hinter dem Konzept steckt, warum Crowdfarming nachhaltig ist und was eine Kiste Orangen aus Spanien kosten sollte.

Keine zwei Euro muss man derzeit für ein Netz saftige, unter der Sonne Spaniens gereifte Orangen, hinlegen. Ein im wahrsten Wortsinne süßes Schnäppchen. Doch während sich unser Geldbeutel freut, finden die Landwirte, auf deren Plantagen die Zitrusfrüchte reifen, vor Existenzsorgen nicht in den Schlaf. Das ist keineswegs neu. Macht die Ungerechtigkeit aber nicht besser. Zwei spanische Brüder wollten sich das nicht länger bieten lassen – und starteten 2016 das Projekt Crowdfarming.

Was hinter der Idee des Crowdfarmings steckt, wie Landwirte, Verbraucher und die Umwelt davon profitieren und wie man Bienen, Rebstöcke, ein Merinoschaf oder einen Olivenbaum adoptiert, erklären wir im folgenden Artikel. 

Crowdfarming: Diese Idee steckt dahinter

Im Grunde war der Ansatz von Gonzalo und Gabriel Úrculo, zwei Brüdern aus Valencia, recht simpel. Statt ihre Zitrusfrüchte in rauhen Mengen und zu Spottpreisen an Großhändler und Einzelhandelsketten zu verscherbeln, suchten sie den direkten Draht zum Endkunden – von denen ein beträchtlicher Teil in Deutschland lebt. Sie nannten ihre Idee Crowdfarming. Was übersetzt nichts anderes als "Schwarm-Landwirtschaft" heißt. Seitdem bieten sie über eine Internetplattform Patenschaften für Obstbäume an, die auf ihrer Plantage neu gepflanzt werden. Etwa 2000 Kunden aus 15 europäischen Ländern überzeugten sie im ersten Jahr. Je 80 Euro kassierten die Úrculo-Brüder pro Baum von den Paten. Dazu kommen auch heute noch einige Euro für den logistischen Aufwand, den die Landwirte beim Crowdfarming selbst stemmen müssen. Die geschätzte Jahresernte, etwa 80 Kilogramm, geht direkt von der Plantage an die Baumpaten.

Um zu verstehen, wie tausende Landwirte in Deutschland, Europa und der ganzen Welt noch mehr Verbraucher vom Crowdfarming überzeugen wollen, könnte man ein altes Sprichwort bemühen: "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht." Immer mehr Verbraucher wollen genau wissen, in welchem Stall das Ei gelegt wurde, das sie sonntags auf dem Frühstückstisch haben. Sie legen Wert darauf, dass der Honig von Bienen und Imkern aus der Region stammt; kaufen Obst und Gemüse häufiger im Hofladen neben dem Feld des Bauern, der die Kartoffeln, den Salat oder die Äpfel mit seinen eigenen Händen gepflanzt und gepflegt hat. Wer es sich leisten kann – auch das gehört zur Wahrheit dazu. 

Zur Adoption freigegeben: Bienen, Schafe, Mandelbäumchen

Was einst auf einer Orangenbaum-Plantage in der Region Valencia begann, hat sich längst auch bei Landwirten in Deutschland herumgesprochen. Vor allem regionale Obstbauern, Imker, Milchbauern und Winzer versuchen sich aus den Lieferketten zu befreien. Sie suchen mit ihren Bäume, Bienen, Rindern und Rebstöcken die Nähe zu Verbrauchern, die Wert auf Nachhaltigkeit legen und wissen wollen, wer den Cox Orange gepflückt hat, wo genau die Trauben gereift sind und über welche Weide der Jungbulle galoppiert ist, dessen Fleisch sie der Schwiegermutter servieren. So kann man in ganz Deutschland große und kleine Tiere, Apfelbäume, Rebstöcke und Streuobstwiesen adoptieren, beziehungsweise als Pate einspringen. Auch in Spanien haben die Landwirte ihr Angebot mittlerweile deutlich ausgebaut. Hier sind beispielsweise Oliven- und Mandelbäumchen, Aloe Vera, Granatäpfel, Reis oder auch Schafskäse im Angebot.

Crowdfarming: Vor- und Nachteile für Verbraucher

Plus

Minus

Transparenz, also das Wissen, von wem, wie und wo das Lebensmittel produziert wurde 

wenig Flexibilität (Liefertermine hängen vom Produkt ab und können nicht beeinflusst werden)

persönliche Bindung (Bäume und Tiere meist möglich)

Vorkasse (das gehört zum Prinzip des Crowdfarming)

Qualität (Produkte werden im optimalen Reifegrad angeboten)

Versandkosten

direkte Kommunikation (auch im Falle einer schwierigen Ernte)

Landwirte bestimmen Preis ihrer Produkte selbst 

Auch für die Farmer ist das Crowdfarming ein guter Deal. In traditionellen Lieferketten wird im Blindflug produziert. Die Landwirte wissen nicht, zu welchem Preis sie ihre Produkte später an den Mann bringen können. Letztlich haben sie im Preiskampf des Einzelhandels kaum eine Chance, Erlöse zu erzielen, die ihrem Arbeitsaufwand angemessen sind. Beim Crowdfarming bestimmt der Farmer den aus seiner Sicht adäquaten Verkaufspreis der Ernte bevor überhaupt produziert wird. Zudem kennen die Farmer die Menge Orangen, Äpfel, Wein, Oliven oder Käse, die ihnen von den Crowdfarmern sicher abgenommen wird. Sie können gezielter kalkulieren und ihre Arbeit entsprechend anpassen. 

Laut Verbraucherzentrale und dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft landen allein in Deutschland jedes Jahr etwa zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – mehr als die Hälfte davon entsteht in privaten Haushalten. Ein beträchtlicher Teil der entsorgten Lebensmittel ist Obst und Gemüse. Auch, weil die Menschen keinen Bezug zu den Äpfeln, Paprika oder Orangen haben und nicht wissen oder sich nicht darum scheren, wer dafür Wochen und Monate geschuftet hat. Da sind sich die Crowdfarming-Pioniere aus Valencia sicher. 

Was kostet der Spaß?

Bleiben wir bei den spanischen Orangen, die ab November in Deutschland zu Spottpreisen in den Auslagen der Discounter und großen Einzelhandelsketten feilgeboten werden. Maria Luisa Henríquez Santana betreibt in Andalusien die Zitrusplantage Doña Ana. Wer einen ihrer Orangenbäume adoptieren möchte, zahlt knapp 30 Euro pro Erntesaison. Dafür verschickt Maria zwischen Mitte November und Mitte März insgesamt drei Kisten "Navel-Orangen". Dazu werden dem Kunden in Deutschland pro Kiste etwa 15 Euro für Logistik und Versand berechnet. Alles in allem kosten zehn Kilo Orangen damit rund 25 Euro. 

Crowfarming: Die wichtigsten Begriffe

  • Adoption: So nennt man die Patenschaft, die Crowdfarmer für eine selbst bestimmte Dauer, für ein Tier, einen Baum, ein Feld oder eine Weinrebe übernehmen.
  • Crowdfarmer: Die Menschen, die einen Baum, ein Tier oder einen Rebstock bei einem Landwirt adoptieren, um später die Produkte dieses Farmers direkt zu erhalten.
  • Farmer: Landwirte, Viehzüchter oder Imker, die ihre Produkte direkt an den Verbraucher verkaufen
  • Produkte: Neben Orangen und anderen Zitrusfrüchten reicht die Produktpalette der Farmer von Äpfeln über Oliven, Schafe, Rebstöcke und Bienenvölkern bis zu Walnüssen, Teesträuchern, Reis oder einem ganzen Weizenfeld.
  • Versand: Wird vom Farmer abgewickelt. Die Gebühren übernimmt der Crowdfarmer.

Die Brüder Úrcula haben schon einige hundert Landwirte auf der ganzen Welt von ihrer Idee des Crowdfarmings überzeugt. Wie viele Crowdfarmer sich aktuell von ihnen direkt mit frischen Waren beliefern lassen, ist nicht bekannt. Sicher ist aber: Sie alle machen die Welt zumindest ein kleines bisschen besser und gerechter.

Quellen:  "crowdfarming.com"; "waschbaer.de"; Handelsblatt; Verbraucherzentrale


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