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Religionsvertreter empört: Flandern verbietet Schlachtungen nach jüdischem und muslimischem Ritual

Um das Tierwohl zu gewährleisten, sollen in Teilen Belgiens fortan alle Tiere vor der Schlachtung betäubt werden. So produziertes Fleisch ist aber weder koscher noch halal und kann nicht von strenggläubigen Juden und Muslimen gegessen werden. Vertreter der Religionen sind empört.

Halal-zertifiziertes Rindfleisch in einem Schlachthof

Halal-zertifiziertes Rindfleisch in einem Schlachthof

DPA

In einem Teil Belgiens darf ab sofort nicht mehr auf rituelle jüdische und muslimische Art geschlachtet werden: Koscheres und Halal-Fleisch können in Flandern, einer der drei Regionen Belgiens, somit nicht mehr produziert werden. Ab September 2019 soll diese Regelung auch für die belgische Region Wallonien gelten. Nur in Brüssel dürfte dann noch rituell geschlachtet werden.

Das niederländischsprachige Flandern umfasst etwa 13.522 Quadratkilometern und zählt über 6,5 Millionen Einwohner. Schon vor einem Jahr hatte man hier sowie in Wallonien beschlossen, dass sich das Schlachten nach jüdischen und muslimischen Regeln nicht mit dem Tierschutz in Einklang bringen lässt. Man hatte sich auf eine mehrmonatige Übergangsphase geeinigt, die in Flandern nun vorbei ist. In Wallonien endet sie nach dem muslimsichen Opferfest im September. 

Die rituelle Schlachtung ist höchst umstritten

Sowohl im Islam als auch im Judentum gibt es bestimmte Regeln für die Schlachtung. Allgemein bedeutet das, dass die Tiere mit einem speziellen, sehr scharfen Messer mit einem Schnitt quer durch die Halsunterseite getötet werden, in dessen Folge die Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden. So soll das rückstandslose Ausbluten des Tieres gewährleistet werden, da den Gläubigen der Verzehr von Blut verboten ist. Entscheidend: Eine vorherige Betäubung der Tiere wird nicht akzeptiert, da die Betäubung als Verletzung angesehen wird, und verletzte Tiere nicht geschlachtet werden dürfen. Doch die rituelle Schlachtung ist höchst umstritten. Ohne Betäubung kann es passieren, so der Vorwurf der Kritiker, dass die Tiere einen langsamen und schmerzhaften Tod sterben.

Aber genau das fordert das neue Gesetz in Flandern: Alle Tiere müssen vor dem tödlichen Schnitt durch die Kehle elektrisch betäubt werden. Ursprünglich hatte die belgische Politik versucht, zusammen mit Religionsvertretern einen Kompromiss für den Gesetzesentwurf zu erarbeiten. Das war nicht gelungen.

Tierschutz oder Angriff auf die Religionsfreiheit?

"Skandalös" nennt Moshe Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), gegenüber der "Jüdischen Allgemeinen" den Beschluss, der seiner Ansicht nach im Widerspruch zur EU‐weit garantierten Religionsfreiheit stehe. "Dieser Entschluss im Herzen Westeuropas schickt eine furchtbare Botschaft an jüdische Gemeinden auf dem Kontinent: dass Juden nicht erwünscht sind." Sowohl jüdische als auch muslimische Gemeinden sind sich unsicher, ob die neuen Regelungen wirklich aufgrund des Tierwohls umgesetzt werden – oder doch Andersgläubige diskriminieren sollen.

In Deutschland ist das rituelle Schlachten eigentlich verboten. Zur Sicherung der freien Religionsausübung werden aber Ausnahmen gestattet. In Dänemark, der Schweiz, Norwegen, Island, Schweden und Slowenien ist es gänzlich verboten.

Quellen: dpa / Jüdische Allgemeine / Metro

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