VG-Wort Pixel

Essen aus der Zukunft Dieser Burger ist echt lecker, aber nicht echt

Der "Impossible Burger" sieht echt aus, ist er aber nicht
Der "Impossible Burger" sieht echt aus, ist er aber nicht
© Grant Cornett/National Geographic
Fleischkonsum ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel. Die UN rät daher schon seit eingier Zeit dazu, weniger Rindfleisch zu konsumieren. Es müssen also Fleischalternativen her. Kann das schmecken?

Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden auf unserem Planeten neun Milliarden Menschen leben. Wie sollen die alle satt werden? Wenn wir nicht mehr Wälder abholzen und die Landwirtschaft industrialisieren wollen – einer der Hauptfaktoren für den Klimawandel. 2050 werden wir bis zu 50 Prozent mehr Nahrungsmittel brauchen. Gleichzeitig müssen wir Ressourcen und Böden schonen, damit sie weiter Erträge bringen. "Es muss sich etwas tun, um die Weltbevölkerung ausreichend ernähren zu können", sagt Tilman Grune, der wissenschaftliche Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung. "Es gibt viele Ansätze, um Lebensmittelverluste zu vermeiden, neue Sorten zu züchten und neue Lebensmittelquellen zu erschließen."

Vor allem brauchen wir neue Proteinlieferanten, so Grune. Die industrielle Tierproduktion wird für die Umwelt zunehmend untragbar. Sie verursacht 14 bis 18 Prozent der gesamten menschengemachten Treibhausgasemissionen. Für Rindfleisch aus der Mast sind im Schnitt etwa achtmal so viel Wasser und 160-mal so viel Land pro Kalorie nötig wie für Gemüse oder Getreide. Kein Wunder, dass die UN dazu aufruft, dringend weniger Rindfleisch zu essen. Die ersten Nahrungsmittelbetriebe stellen sich bereits darauf ein.

Leckerer Burger, aber nicht echt

Zu den Neuerungen gehört der "Beyond Burger": ein Bratling aus Erbsenprotein, der durch Rote Bete rosarot ist wie Rindfleisch. Er wird in den USA bereits in etwa 10000 Lebensmittelgeschäften und mindestens so vielen Restaurants verkauft – auch ein deutscher Fleischkonzern hat angekündigt, den Vertrieb zu übernehmen. Stärkster Konkurrent ist der "Impossible Burger", ein auf Kartoffel- und Weizenbasis hergestellter Bratling: Dank des aus Pflanzen gewonnenen Proteins Häm (von Hämoglobin) kann er sogar bluten.

In den USA und den Niederlanden setzen Firmen auf echtes Fleisch – ohne dass dafür Tiere sterben müssen. Die Industrie vergleicht das Verfahren für sogenanntes In-vitro-Fleisch, bisher meistens Hack, mit einer Bierbrauerei – nur dass in den riesigen Bottichen nicht Getreide zum Gären gebracht, sondern synthetische Tierzellen gezüchtet werden. In den USA ist auch ein Markt für essbare Insekten entstanden – nicht so sehr als geröstete Snacks wie in Thailand und Mexiko, sondern als Tierfutter oder Zutat in der Lebensmittelverarbeitung. Mit dem ökologischen Vorteil, dass Insekten in Dunkelheit und Enge gedeihen – Bedingungen, die eine industrielle Herstellung ermöglichen, aber mit geringem Ressourcenverbrauch.

Anders als die großen Schweine- und Rinderfarmen mit ihren Güllebecken produzieren Insekten verhältnismäßig wenig Rückstände und Abfall. Dabei enthalten Grillen mehr Proteine und Spurenelemente als Rindfleisch. Die größte Grillenfarm steht in Texas und vertreibt erfolgreich vor allem Grillenpulver, das für Backwaren, Energieriegel und Smoothies verwendet wird. Ihre gesamte Produktion der nächsten zwei Jahre ist bereits verkauft. In Deutschland dürfen Insekten bisher nur im Ganzen für den Verzehr verkauft werden; verarbeitete Insekten dienen bisher nur als Tierfutter in Aquakulturen. Doch die Bundesministerien für Umwelt und Ernährung prüfen derzeit alternative Proteinquellen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns verarbeitete Insekten als Nahrungsmittel zugelassen sind – so wie bereits in den Niederlanden und der Schweiz.

Fett aus Algen

Lesen Sie mehr zum Thema "Essen der Zukunft" und weitere spannende Geschichte in der aktuellen November-Ausgabe der National Geographic
Lesen Sie mehr zum Thema "Essen der Zukunft" und weitere spannende Geschichte in der aktuellen November-Ausgabe der National Geographic

Der Mensch braucht nicht nur Protein, sondern auch Fett. Wissenschaftler ernteten deshalb Algen aus dem Saft der Gewöhnlichen Rosskastanie. Die Algen wurden gentechnisch verändert, so dass sie große Mengen Öl produzieren, wenn man sie mit brasilianischem Zuckerrohr füttert. Das Öl ist geschmacksneutral, reich an einfach ungesättigten Fettsäuren und hat einen hohen Rauchpunkt. Es soll eine Alternative etwa zu Palmöl schaffen, für dessen Plantagen oft Regenwald samt seinen Bewohnern weichen muss. Die Hersteller versichern, nur nachhaltiges Zuckerrohr zu verwenden und mit ihrer Methode höhere Ölerträge zu erzielen.

Andere sorgen sich um die Bodenqualität: Forscher versuchen seit den Achtzigerjahren, ein mehrjähriges Getreide als Ersatz für Sorten wie Weizen und Mais zu entwickeln. Denn die werden jedes Jahr neu angebaut, rauben dem Boden Nährstoffe, verstärken Erosion und brauchen mehr Düngemittel. In den USA wurde etwa aus einer wilden Quecke eine neue Art gezüchtet, mit reicheren Erträgen, größeren Samen und höherer Widerstandskraft gegen Krankheiten. Aus diesem sogenannten Kernza backt eine New Yorker Edelbäckerei Brot; eine Brauerei in Portland stellt Pale Ale her.

In 50 Jahren könnten unsere Mahlzeiten also ganz anders aussehen als heute. In jedem Fall wird uns der Klimawandel dazu zwingen, das besser zu nutzen, was der Planet uns bietet, sagt der Autor und Welternährungsexperte Raj Patel. "Langsam erkennen wir: Was als Unkraut und Schädling galt, kann sich als Nahrung entpuppen."

 Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker