HOME
Kommentar

Fleischatlas 2018: Die Scheinheiligkeit der Nation – warum wir bei der deutschesten aller Zutaten so geizig sind

88 Prozent der deutschen Bevölkerung sind bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn die Tiere besser gehalten werden. Das zeigte eine Umfrage des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Völliger Humbug, findet die Autorin, wir sind viel zu geizig.

Fleisch

Pro Jahr konsumiert jeder Deutsche im Durchschnitt 59 Kilogramm Fleisch. Das ist zu viel.

Geht man auf die Straße und fragt die Menschen, was sie von artgerechter Tierhaltung halten, wird keiner, wirklich keiner sagen, dass er Tiere lieber leiden sieht. Kein Wunder also, dass bei einer Umfrage des Bundeslandwirtschaftsministerium, 88 Prozent der Befragten bereit sind, mehr Geld für aus artgerechter Haltung auszugeben. Aber stimmt das wirklich?

Werfen wir einen Blick in die Kantine im Verlagsgebäude Gruner + Jahr (hier wird auch der publiziert): Rund 1500 Teller gehen hier pro Tag über die Theke. Die Gerichte auf dem Speiseplan wechseln täglich. Was auffällt: Es werden zwar immer mehr vegetarische und auch vegane Mahlzeiten angeboten. Dennoch: Fleisch und Fisch finden sich jeden Tag auf der Speisekarte.

Verkaufsschlager in der Kantine: Fleisch

Die Verkaufsschlager? Currywurst, halbes Hähnchen und Rinderrouladen – obwohl all diese Produkte aus konventioneller Haltung stammen. Und obwohl der Großteil der Kollegen Akademiker sind, die es eigentlich besser wissen müssten. Der vermeintliche Fleischgenuss steht im Vordergrund - oder die mangelnde Alternative zum vegetarischen Gericht.

Schlimmer noch: Früher gab es einmal im Monat einen Veggie-Day, den gibt es mittlerweile nicht mehr. Der Kantinenchef bekam immer wieder verärgerte Mails von Currywurst-Fanatikern, sie wollten ihr Recht auf Selbstbestimmung behalten.

Für kein anderes Konsumgut der Welt wird so viel Land benötigt wie für die Herstellung von Fleisch, 77 Prozent des globalen Agrarlands. Das geht aus dem Fleischatlas 2018 hervor, der jährlich von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem BUND und Le monde diplomatique veröffentlicht wird.

Es sprechen gewichtige Gründe dafür, weniger tierische Produkte zu konsumieren. Als der erste Fleischatlas 2013 herauskam, waren die Menschen entsetzt. Es zeigte sich, wie wenig die meisten Konsumenten davon wussten, unter welch schlechten Bedingungen die Tiere gehalten werden und wie weitreichend die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der industriellen Fleischproduktion sind. Alle diese Informationen sind aber mittlerweile nicht neu und den meisten bekannt.

Wir essen immer noch zu viel Fleisch

Zwar gibt es immer mehr Vegetarier und rund zwölf Prozent versuchen ihren Konsum zu reduzieren. Gleichzeitig ist der Pro-Kopf-Verzehr von Fleischprodukten kaum gesunken. Pro Jahr werden immer noch 59 Kilogramm Fleisch konsumiert, davon 12 Kilogramm Geflügel, etwa zehn Kilogramm Rind- und Kalbfleisch. Das wichtigste Fleischprodukt bleibt aber die abgepackte , die kommt idealerweise günstig aus dem Discounter oder Supermarkt. 

Aber genau diese Wurst, die wir so gern essen, kommt zum Großteil von verletzten, kranken oder apathischen Tieren. Das gehört in der Nutztierhaltung übrigens zum Alltag, wie der Fleischatlas beschreibt. Bei Mastschweinen sind bis zu 80 Prozent der Tiere verletzt oder an den Atemwegen erkrankt. Und trotzdem locken mit Billig-Angeboten und verramschen das Fleisch der Tiere für Preise, die unter aller Sau sind.

+++ Lesen Sie hier, warum ein Verbraucher auf Facebook ausrastete: "Steak bei Aldi für 1,99 Euro - Verbraucher rastet auf Facebook aus" +++

TV-Koch Tim Mälzer hat jüngst in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, dass Schweinefleisch die deutscheste aller Zutaten sei: "Vom Braten über Schnitzel bis zum Hackfleisch. Die Art von kultureller Identität wird nie gänzlich verschwinden." Wie kann man die Menschen also dazu zu bewegen, wirklich mehr Geld für Fleisch aus besserer Tierhaltung auszugeben?

Kein Fleisch essen ist auch keine Lösung

Es geht nicht darum, Fleisch per se zu verteufeln und alle zu Vegetariern zu machen. Sondern weniger zu essen oder mehr Geld fürs gute Fleisch auszugeben. Die Vereinten Nationen haben einen globalen Aktionsplan entwickelt, der beinhaltet vor allem eins: Aufklärungskampagnen. Der Verbraucher kann handeln. Die Supermärkte können mit Informationen, Preissetzung und Einkaufspolitik für eine artgerechtere Haltung sorgen. Und natürlich muss die Politik handeln, die zu einem vernünftigen Umbau der Tierhaltung Gesetze schaffen muss.

Der Verbraucher kann sich nur selbst an die Nase fassen. Würde er wirklich mehr Geld für Fleisch aus artgerechterer Haltung ausgeben? Wie fällt die Wahl aus, wenn 400 Gramm Entenbrustfilet für 2,99 Euro im Laden liegt, der Bioland-Metzger dafür aber 16 Euro haben will? Denken wir da wirklich noch an die Tierhaltung, oder aber an die Differenz fürs eigentlich gleiche Produkt? Fakt ist auch, dass der Großteil gar nicht weiß, wie man Fleisch aus artgerechter Haltung erkennt. Es braucht also Bildung, und dann moralisches Handeln.

Wir dürfen also nicht nur sagen, dass wir bereit dazu sind, mehr Geld fürs gute Fleisch auszugeben, sondern wir müssen auch danach handeln. Greifen wir doch mal zum 16-Euro-Entenbrustfilet vom Bioland-Metzger. Dafür halt nicht so oft, dafür aber mit gutem Gewissen. 

Hendrik Haase steht in seiner Metzgerei "Kumpel & Keule" und hält ein Stück Schweinerippe in die Höhe