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Insekten: Wie wär's mit einer kulinarischen Mutprobe? Zum Beispiel Frühlingsrolle mit Heuschrecke

Schmeckt doch auch, oder? Liebevoll geröstet, getrocknet, püriert können Insekten und Spinnentiere Leckerbissen werden. Zwei Fotografinnen setzen sie in Szene

Sind das Fühler auf den Frühlingsrollen, oder ist es Kresse? Liegen Larven auf den Tacos? Guckt da ein Mehlwurm aus dem Kartoffelbällchen? Wer die Bilder der italienischen Fotografin Michela Benaglia betrachtet, sucht, was man auf dem Teller lieber nicht sehen will: Insekten, Spinnen, Raupen, Skorpione. In jedem der von ihr inszenierten Gerichte steckt eine Extraportion Protein der besonderen Sorte. Allerdings diskret.

Sichtbar werden die Krabbler erst auf den Porträts von Benaglias Kollegin Emanuela Colombo. Die Tierfotografin setzte essbare Insekten und Spinnentiere inklusive einem Skorpion edel in Szene – vor weißem Fond und mit viel Geduld. "Am schlimmsten waren die Grillen. Ständig sprangen sie mir ins Gesicht und aufs Objektiv", erzählt Colombo. "Am Ende habe ich sie vor jedem Schuss zehn Sekunden in den Kühlschrank gepackt. Danach blieben sie wenigstens mal für drei Sekunden sitzen."

Insektenessen ist für die beiden Fotografinnen mehr als eine Mutprobe. "Im Jahr 2050 werden wir auf der Erde über neun Milliarden Menschen sein, die ernährt werden müssen, und alle brauchen Protein", sagt Michela Benaglia. Die Fläche wird nicht reichen, um all diese Nahrung zu produzieren. Und bereits heute hinterlässt eine immer intensivere Landwirtschaft gewaltige Mengen an Treibhausgasen und Gülle. 

Insekten essen: Das zergeht auf der Zunge – Heuschrecke im Speckmantel

Insekten sind Eiweißbooster

Insekten und Spinnentiere dagegen liefern reichlich Eiweiß und Omega-3-Fettsäuren, während ihre Umweltbilanz um Längen günstiger ist als die von Rindern oder Schweinen: Für ein Kilo Insektenbiomasse müssen etwa zwei Kilo Futter aufgewendet werden, bei Schweinen sind es fünf, bei Rindern bis zu zehn. Die kleinen Kerbtiere können ihr Futter so effizient verwerten, weil sie als Kaltblüter keine Energie in Körperwärme investieren müssen. Bei der Produktion von Käferlarven wie Mehlwürmern fällt zudem pro Kilo höchstens ein Zehntel der Treibhausgasmenge an, die in der Schweinemast entsteht.

Global betrachtet pflegt die Menschheit ohnehin längst ein pragmatisches Verhältnis zum Verzehr von Insekten: Für etwa zwei Milliarden Menschen ist es völlig normal, Käfer, Raupen, Spinnen, Bienen oder Ameisen zu verspeisen. In Mexiko werden auf Märkten körbeweise Chapulines verkauft, geröstete Heuschrecken. In Kambodscha knabbert man Grillen am Spieß, in Südafrika werden Eintöpfe mit Mopane-Raupen gekocht. "Für uns sind Insekten die Lösung zahlreicher Probleme, auch wenn es hier in Europa vielen schwerfällt, sie in den Mund zu stecken", erklärt Benaglia.

Zwar ist es in der EU seit Anfang 2018 erlaubt, Insekten als "Novel Food" auf den Markt zu bringen, in den meisten Ländern jedoch konnten sich die Produkte noch nicht durchsetzen. Lediglich in den Niederlanden und Belgien sind Grillen oder Larven inzwischen ein halbwegs vertrauter Anblick im Supermarktregal. In Deutschland teilt sich eine Handvoll Start-ups einen überschaubaren Markt. Die einen haben Kraftsportler zur Zielgruppe erkoren und verkaufen Proteinriegel mit Grillenpulver. Andere bieten Schokolade für Mutige, wobei die gut sichtbaren gerösteten Mehlwürmer vermutlich weniger abschrecken als der Preis von zehn Euro pro 100 Gramm. Bei Rewe liegt immerhin der erste Burger aus Buffalowürmern im Tiefkühlregal, im Drogeriemarkt sind Spätzle und Tagliatelle mit zehn Prozent Insektenanteil zu haben, und ein Ikea-Team tüftelt angeblich schon länger an Insektenbullarn.

Auch Italiens Köche müssen die Tiere wohl erst noch entdecken, glaubt Emanuela Colombo: "Wir haben lange nach einem Küchenchef gesucht, der Rezepte für unser Projekt entwickelt und mit uns zubereitet, aber ohne Erfolg. Irgendwann stießen wir auf Entonote, einen kleinen Verein in Mailand, der essbare Insekten bekannter machen will und Verkostungen organisiert. Mit denen haben wir dann bei mir zu Hause gekocht."

Die Spezialzutaten brachten die Aktivistinnen von Entonote mit: getrocknete Heuschrecken und Grillen, frische Seidenraupen und andere Larven, teils online bestellt, teils selbst gezogen. Beliebte Gerichte aus aller Welt wurden so in Emanuelas Küche mit einer Eiweißnote veredelt: Tacos mit Mottenlarven, Misosuppe mit Seidenraupen, Tagliatelle mit Grillen, vietnamesische Frühlingsrollen mit Wanderheuschrecken.

"Es war gar nicht so leicht, die Tiere im Essen zu verstecken" , erinnert sich Michela Benaglia. "Wir haben extra einen Foodstylisten engagiert, damit in den Gerichten keine Beine oder Panzer mehr zu sehen sind. Wir wollten ja zeigen, dass auch Insektenessen appetitlich aussehen kann." Also wurden Grillen als Pulver untergerührt, Larven unter Avocadoschnitze gebettet, Heuschrecken in Reispapier gehüllt. 

Insekten essen: Krosse Schokotürmchen mit Mehlwürmer

Wie schmeckt's? Nussig

Für ihre Porträts der lebenden Tiere zog Emanuela Colombo durch Zoohandlungen und kaufte Insekten, die dort als Reptilienfutter angeboten wurden. Exotische Spinnentiere wie Skorpion und Vogelspinne lieh sie sich von privaten Tierhaltern, die ihre Lieblinge zum Shooting begleiteten – was den Skorpion nicht davon abhalten konnte, gleich mit erhobenem Stachel auf die Kamera loszugehen.

Nach der Arbeit wurde probiert. "Nussig" hätten die Grillen und Heuschrecken geschmeckt, sagt Benaglia. Etwas schwierig sei der Mehlwurm gewesen, so Colombo. "Man spürt die Form im Mund. Es war okay, aber mein Gehirn dachte dabei an die Würmer, die ich schon mal auf dem Fußboden gesehen hatte."

Ihren Fotomodellen konnte die Fotografin ein Ende im Kochtopf ersparen: "Ich wohne auf dem Land und bin mit meinem achtjährigen Sohn in die Felder gegangen. Dort haben wir sie freigelassen. Lorenzo hat sich darüber wohl am meisten gefreut. Er liebt alle kleinen Krabbeltiere und erforscht jeden Tag die Ameisen bei uns im Garten. Er würde niemals ein Insekt essen."