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Interview

Werbung der Geflügel-Industrie: "Glatte Lüge": Tierschützer rechnet mit Plakatkampagne ab

Auf Plakaten wirbt die deutsche Geflügelwirtschaft für Hähnchen- und Putenfleisch aus Deutschland. Der PETA-Tierschützer Edmund Haferbeck erklärt im Gespräch mit dem stern, warum er das für Augenwischerei hält.

Werbung der deutschen Geflügelwirtschaft

Werbung der deutschen Geflügelwirtschaft: "Ich will wissen, woher mein Putensteak kommt."

Die Plakate hängen in U-Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen: Eine lächelnde Frau sitzt vor einem Teller und wartet auf ihr Essen. Daneben steht in Großbuchstaben: "Ich will wissen, woher mein Putensteak kommt. Deshalb frage ich jetzt auch im Restaurant." Unterzeichnet ist die Kampagne von der deutschen , die laut Plakat "das beste Geflügelland der Welt sein" wollen und "höchste Standards" garantieren.

Das klingt zunächst einmal gut. Doch Edmund Haferbeck, Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung bei der Tierschutzorganisation PETA , ist von der Kampagne alles andere als begeistert. Im Gespräch mit dem stern erklärt er, warum die Medienoffensive der Geflügelwirtschaft für ihn nichts als eine Werbelüge ist.

Herr Haferbeck, die deutsche Geflügelwirtschaft wirbt aktuell auf großen mit dem Slogan "Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein". Warum machen die das?

Die Geflügelbranche in Deutschland ist seit Jahren unglaublich unter Druck. Das liegt vor allem an den Undercover-Aufnahmen von Tierschützern aus den Mastställen. Sie zeigen leidende, auch tote Tiere. Also muss die Branche in irgendeiner Form reagieren – und das tut sie aktuell mit Plakaten. Natürlich ist alles, was darauf behauptet wird, eine glatte Lüge.

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Ein heftiger Vorwurf - können Sie das näher erklären?

Eine industrielle Tierproduktion ist nie tierwohlorientiert. "Verantwortung übernehmen" ist ein hohler Werbespruch, die tagtägliche Wirklichkeit in diesen Massentierhaltungsanlagen sieht völlig anders aus. Auf den Plakaten steht: "Ich will wissen, woher mein Putensteak kommt." Wir waren erst neulich wieder in Putenmast-Betrieben und haben Aufnahmen gemacht. Die Bilder werden demnächst veröffentlicht - und dann werden wir sehen, woher das Putensteak wirklich kommt.

Ziel der Kampagne ist es, die Kennzeichnungspflicht von Geflügelfleisch aus dem Einzelhandel, auch in den Gastronomiebereich zu bringen. Das ist doch eigentlich ein gutes, verbraucherfreundliches Vorhaben. Finden Sie nicht?

Nein, das wird lediglich durch die Aufmachung suggeriert. Fakt ist ja: Ein Hähnchen aus Polen wird nicht groß anders gehalten als ein Hähnchen aus Deutschland. Zur Geflügelhaltung gibt es sogar eine EU-weite Verordnung. Deshalb ist ein deutsches Hähnchen nicht besser als eines aus dem Umland.

Die aktuelle Kampagne ist Teil der sogenannten Geflügel-Charta aus dem Jahr 2015. Ziel der Charta ist es, für mehr Tierwohl in der Branche zu sorgen. Die Bereitschaft zu einer Besserung scheint ja gegeben.

Auch das wirkt nur so. Tatsächlich ist die Charta lediglich eine Selbstverpflichtung für mehr Tierwohl. Das bedeutet, sie ist nicht bindend und natürlich hat sie auch nicht die gesamte Branche unterzeichnet. Unter dieser Charta sind lediglich die sogenannten Vorzeigebetriebe zusammengeschlossen, hinter denen auch die Funktionäre stehen. Das ist bei Weitem nicht jeder Geflügelbetrieb.

Unterzeichnet sind die Plakate von der deutschen Geflügelwirtschaft - das klingt nach allen hier hierzulande ansässigen Betrieben.

Das ist richtig, das wird suggeriert. Aber das ist nun einmal Werbung, das können sie so sagen. In der Praxis stimmt das nicht, aber Werbung darf das. Kein einziges Huhn wird tier- oder artgerecht gehalten, weil dies fachlich unmöglich ist.

Inwiefern?

Es handelt sich heute nur noch um Hybridzuchtrassen, also hochgezüchtete Turborassen, wir sagen Qualzuchtrassen. In 35-40 Tagen kann ein Huhn nicht tier- und artgerecht gemästet werden. Diese Turbomast hat mit Tierwohl oder sonstigen blumigen Worten nicht das Geringste zu tun.

Hat sich für Masttiere durch die Charta etwas verbessert?

Nein, absolut nichts. Wir sagen immer: Die Tierschutzproblematik in solchen Anlagen ist systemimmanent. Sie können eine Massentierhaltungsanlage nicht ordnungsgemäß nach allen rechtlichen Vorgaben fahren. Es wird immer Straftaten, Ordnungswidrigkeiten oder Rechtsverstöße geben.

Was meinen Sie damit?

In einem Betrieb von 40.000 Masthähnchen gibt es jede Nacht tote Tiere. Eigentlich müssten die Farmer zwei Mal täglich durch die Anlage gehen und überprüfen, wie es den Tieren geht. Nur das macht kaum einer, weil es nur Erlasse sind, nichts Rechtsverbindliches. Wer macht sich dann die Arbeit, auch in den Ecken nachzusehen, wo sich die verendenden Hühner zum Sterben zurückziehen?

In der Charta ist die Rede von einzelnen Betrieben, die sich nicht an Standards hielten.

Das ist Blödsinn - der Einzelne ist das System. Die gesamte Geflügelhaltung ist tierquälerisch. geht ständig in diese Betriebe, und immer finden unsere Ermittler verletzte, sterbende, tote Hühner vor, teilweise schon verwest. Immerhin geben sie ja zu, dass es Verstöße gibt.

Was müsste sich dann ihrer Meinung nach ändern?

Zunächst müssten die Besatzdichten in den Ställen ganz erheblich ausgedünnt werden. Wir brauchen langsam wachsende Rassen, denn die hochgezüchteten Hühner sind anfällig, ständig krank und brauchen Antibiotika. In der Folge ließe sich auch der Medikamenteneinsatz in der Mast reduzieren. So könnten auch Antibiotika-Resistenzen vermieden werden.

Was würden Sie Verbrauchern raten, die nicht auf Geflügelfleisch verzichten wollen?

Die Bio-Fleischproduktion ist in der Geflügelhaltung nur marginal verbreitet. Es ist daher schwierig, ein Huhn aus Biohaltung zu bekommen. Da muss man lange suchen, und wer macht das schon? Für Verbraucher, die Fleisch im Discounter einkaufen, gibt es keine tierfreundliche Alternative – außer Verzicht.

Der stern hat den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) mit den Vorwürfen konfrontiert. Der Verband hat schriftlich ausführlich Stellung bezogen und sich zu den Kritikpunkten wie folgt geäußert (Stellungnahme in Auszügen):

"Die deutsche Geflügelwirtschaft versteht ihre Aufgabe darin, einen Beitrag zur Ernährung der Menschen zu leisten. Wir halten dafür Nutztiere. (...) Unsere Geflügelhalter übernehmen für ihre Tiere Verantwortung und haben ein genuines Interesse an deren Gesundheit", heißt es in dem Statement. Allerdings könne es auch bei optimalen Haltungsbedingungen vorkommen, dass Tiere erkranken oder sterben. Ziel sei immer, dass es den Tieren möglichst gut gehe.

Die Geflügel-Charta erkläre die Regeln und Standards, zu denen sich die Geflügelwirtschaft bekenne. "Verstöße gegen die Branchen-Prinzipien werden von uns nicht hingenommen und resolut verfolgt", heißt es weiter. Teile des Charta-Prozesses seien bereits umgesetzt – es gebe zum Beispiel eine freiwillige Vereinbarung der deutschen Geflügelwirtschaft mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zum Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Legehennen und Mastputen. Auch habe sich die Initiative der deutschen Gänsehalter in einer Selbstverpflichtung gegen Praktiken wie das Stopfen von Gänsen oder der "Gewinnung von Federn beim lebenden Tier" bekannt. 

Die aktuelle Initiative komme dem Verbraucherwunsch nach, "auf einen Blick erkennen zu können, woher das Geflügelfleisch stammt", erklärt der Verband weiter. Immerhin 84 Prozent der Deutschen sei es laut einer aktuellen Bevölkerungsumfrage wichtig, dass ihr Geflügelfleisch aus Deutschland kommt. 

 

ikr

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