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"Markus Lanz" Tim Mälzer über Corona-Krise: "Wenn das so weitergeht, bin ich in drei Monaten bankrott"





Debbie Smith: Mein Name ist Debbie Smith. Ich bin freischaffende Künstlerin aus Hamburg. Ich verdiene mein Geld hauptsächlich durch Konzerte, Einnahmen und alle Konzerte, die jetzt anstanden. In nächster Zeit wurden mir komplett abgesagt. Da ich im letzten Jahr eine CD veröffentlicht habe, standen auch einige Promo-Gigs an. Und das ist vor allem emotional nicht so einfach zu wuppen. Ich bin trotz allem guter Dinge. Ich vertraue jetzt einfach darauf, dass von der Politik etwas kommen wird, dass wir unterstützt werden, dass es sich zeigt, dass wir wirklich eine Solidaritätsgemeinschaft sind. Und das ist hiermit auch gleichzeitig ein Appell, dass wirklich etwas passiert, dass wir freischaffende Künstler, Freiberufler – es sind so viele Betroffene – diese nötige Unterstützung bekommen. Und das ist meine Hoffnung. Ich hoffe auch, dass wir trotz aller Isolation jetzt enger zusammenrücken, dass wir füreinander einstehen, dass wir dort gemeinsam durchgehen und dass wir einander sehen. Und darauf baue ich.


Vincent: Mein Name ist, Vincent von Lesser Panda Ramen in der Karolinstraße in Hamburg. Wir sind natürlich auch betroffen von der aktuellen Situation. Unser Laden ist leer. Dementsprechend mussten wir ab heute auch auf Lieferservice umstellen. Wir hoffen natürlich, dass das funktionieren wird. Wir fordern eigentlich nichts, sondern wir wünschen uns von der Politik weiterhin gute Unterstützung und vor allem, dass die kleinen Unternehmen, die weniger lange durchhalten können. Ich denke, wir reden da teilweise von Wochen, maximal Monaten weiter unterstützt werden, sodass alle überleben. Können Arbeitsplätze gesichert werden und wir natürlich auch nach der Krise noch in unserem Fall schön essen gehen können oder auch andere kleine Handwerksbetriebe und so weiter nutzen können. Das würde ich mir wünschen. Wir sind nach wie vor zuversichtlich und hoffen, dass alles gut ausgeht.


Marie-Lene: Ich bin Marie-Lene, eine der beiden Gründerinnen Online-Plattform für Wohnzimmer-Konzerte und Musik in besonderen Kontexten. Die Krise ist für uns wirklich ein herber Schlag. Das erschüttert uns. Gefühlt kommen jeden Tag neue Hiobsbotschaften auf uns zu. Wir haben aber in der Situation sehr viel Solidarität erlebt. Wir erleben, dass ganz viele Gastgeber ihre Konzerte nicht einfach absagen, sondern auf unbestimmte Zeitraum verschieben und Künstlern wirklich eine Perspektive für die Zeit nach der Pandemie zu geben. Das sind wir wirklich, dass gerade die, die es am härtesten trifft, eben Leute, die wie wir selbst ständig in der Kulturszene aktiv sind, auch zusammenhalten. Wir wünschen in der Politik unbürokratische, schnelle Hilfen zwar Zuschüsse, nicht nur Kredite, weil das, was man jetzt Einbußen an Einbußen hat, an Projekten. Das können wir auch im Sommer, auch im Herbst nicht nachholen. Das ist einfach vorbei, und wir wünschen uns einfach, dass wir gemeinsam auch neue Formate finden. Einige Ideen Musiker verzahnten Videobotschaften an Menschen, die wir jetzt gerade nicht besuchen können. Mit ihren Songs die Hoffnung machen. Und wir glauben, dass wir so einfach durch die Zeit gemeinsam mit Solidarität durchgehen müssen.


Tim Stahlschmidt: Moin, ich bin Tim Stahlschmidt. Ich bin Schlagzeuger aus Hamburg. Ich verdiene mein Geld durch Konzerte, ich spiele mit unterschiedlichen Künstlern, spiele auf Galas. Ich gebe aber auch Teams, Events für Firmen aus Firmen, Rockbands werden lassen solche Sachen und gebe auch Schlagzeug Unterricht. Im Februar fing das schon an. Bis in den Mai hinein ist alles abgesagt wurde. Meine Schüler sagen auch, wir bleiben aktuell lieber erst mal zu Hause, was ich auch gut finde und richtig finde. Wenn das ewig so weitergeht, dann ist natürlich in zwei, drei Monaten der Ofen aus. Und das will ich natürlich nicht, sondern ich will weiterhin Musik machen, und das ist meine Hoffnung. Musik macht Spaß. Musik ist wichtig für die Kultur, für die Menschen und vermittelt gute Laune. Und das brauchen wir gerade in der jetzigen Zeit. Wohnzimmer, Konzerte kann man machen, ist aber nicht die Lösung. Deswegen baue ich, hoffe ich, auf die Politik. Und das ist mein Appell an die Politik, dass da jetzt was passiert für Selbstständige, nicht nur für Musiker, sondern für alle Selbstständigen. Dass ihr da in der Politik was Richtiges für uns macht.


Julian Schmitz: Ich bin der Inhaber und Geschäftsführer von MERIJULA, einem kleinen independent Fairtrade-Label aus Hamburg. Wir haben einen kleinen Online-Shop, und wir haben einen ganz kleinen Einzelhandels, laden auf Sankt Pauli. Die Krise hat uns so richtig kalt erwischt und. Hat dazu geführt, dass wir am Montag den Laden zu machen wussten, dass unsere ONLINE Umsätze rasant nach unten gegangen sind. Das heißt, die Quintessenz des Ganzen ist, dass ich jetzt meine Leute alle nach Hause schicken musste, die für mich arbeiten und wir momentan eigentlich keinen Umsatz machen. Unsere Reserven als kleines Unternehmen sind so gering, dass wir maximal einen Monat das ganze Ding durchhalten können und irgendwie über Wasser bleiben können. Und wenn sich da nichts tut, also wenn da keine Lösung kommt im Sinne von Politik, findet eine Lösung und stellt Gelder zur Verfügung. Oder ein Wunder geschehe und bleibt zuhause, und alle werden schnell wieder gesund. Dann werde ich in einem Monat im Land schließen müssen und. Die Ungewissheit ist das Schlimmste. Wir wissen nicht, was kommt.


Francis: Hallo, mein Name ist Francis Norman. Ich mache seit 27 Jahren Musik und bin seit zwölf Jahren als selbstständiger Musiker unterwegs und gibt Konzerte. Leider ist das durch die derzeitige Situation natürlich nicht möglich. Öffentlich aufzutreten. Und mir macht es natürlich Sorge, dass das langfristig so bleibt, weil das einfach mir viel bedeutet für Menschen Musik zu machen und mit Menschen zusammen zu sein. Mein Unternehmen basiert natürlich darauf, live aufzutreten, und wenn das jetzt noch länger frostig so geht, dann muss ich überlegen, wie man das vielleicht auf anderen Wegen machen kann. Ich habe schon immer Onlineforen, Konzerte nachgedacht. Aber mal sehen Es ist natürlich etwas anderes, wenn man das Publikum live vor sich hat. Ich bin froh, dass die Politik heutzutage ganz eng mit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammenarbeitet und auch Entscheidungen trifft, die uns zwar einschränken, aber dafür sorgen, dass Menschen gerettet werden bzw. vielleicht nicht krank werden. Ich habe die Hoffnung, dass es ganz schnell durch ist. Und immer, wenn ich in die Augen meiner beiden Kinder schaue, die drei Jahre und gerade frisch geboren sind, dann merke ich, dass es viel Hoffnung gibt an deren Unbeschwertheit. Und vielleicht hilft dieses Lied auch noch.
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Die Lage ist ernst: Tim Mälzer ist virtuell zu Gast bei "Markus Lanz" und spricht stellvertretend für den ganzen Berufsstand der Gastronomen. Er sagt: Wenn jetzt keine finanziellen Soforthilfen fließen, wird die Gastro-Szene in Deutschland für immer verändert sein.

Wie existenzbedrohend es um das Gastgewerbe steht, zeigt eine von Gastronomen lancierte Online-Petition, die am Mittwoch ins Leben gerufen wurde. Es ist ein Hilfeschrei: "Helfen Sie uns, sonst sind wir weg".

Von der Coronakrise in der Gastronomie sind in Deutschland zwei Millionen Menschen betroffen, die nicht wissen, wie es weitergeht, die vor dem finanziellen Ruin stehen. Auch TV-Koch Tim Mälzer ist Gastronom und führt mehrere Restaurants. Momentan sind zwei Lokale von einer endgültigen Schließung bedroht - wenn es von Seiten der Regierung keine Hilfe gibt.

Tim Mälzer
Tim Mälzer stellt bei "Markus Lanz" klare Forderungen an die Regierung: "Nimmt uns bitte Lasten ab"
© rtn, patrick becher/ / Picture Alliance

Bei "Markus Lanz" ist Mälzer per Video-Anruf zugeschaltet, genauso wie Vizekanzler Olaf Scholz. Hamburgs Oberbürgermeister Peter Tschentscher sitzt mit dem nötigen Sicherheitsabstand im Studio. Mälzer appelliert an Scholz: "Wenn jetzt nicht sehr sehr schnell Finanzhilfen kommen, dann werden in kurzer Zeit sehr viele Läden schließen müssen."

Das Problem sind die Mieten und die Lohnkosten

Das Problem sind vor allem die Mieten und auch die hohen Lohnkosten. Der Wareneinsatz fällt durch die Schließung momentan weg. Mälzer selbst beschäftigt 200 Mitarbeiter, die er momentan noch voll bezahlt. Aber er hat Glück, denn durch seinen Bekanntheitsgrad konnte er sich ein Polster zulegen, das aber auch nach drei Monaten spätestens zu Neige geht. Dann ist Mälzer nicht nur unternehmerisch, sondern auch privat bankrott. Viele kleine Restaurants mit nur wenigen Mitarbeitern  würde dieses Szenario viel früher treffen.

Kurzarbeit ist ein Lösungsansatz, den auch Olaf Scholz anbietet, aber auch kleine Betriebe müssen das Geld vorstrecken, und erfahrungsgemäß sind die Monate Januar und Februar in der Gastronomie umsatzschwach. Eigentlich geht jetzt erst die Saison los. Mälzers klare Forderung lautet daher: "Baut ein Rettungspaket für die Löhne!"

Olaf Scholz bedankt sich bei Mälzer für ein so klares Bild aus der Realität. Er bekräftigt, dass im Moment über Zuschüsse diskutiert werde, die vor allem die Mietbelastung verringern sollen. Der TV-Koch findet das begrüßenswert - das wird vor allem auch andere Branchen entlasten - doch für die Gastronomie sind die Lohnkosten am wichtigsten. "Wir befinden uns im Billiglohnsektor", so Mälzer. Er würde sich wünschen, dass das Kurzarbeitergeld nicht nur 60 Prozent, sondern 80 Prozent des Lohnes übernehmen würde. Er würde sich auch bereiterklären - wie viele seiner Kollegen - auf 100 Prozent aufzustocken. 

Tim Mälzer: "Nehmt uns bitte Lasten ab"

Darüber hinaus hält Mälzer wenig von Krediten, die auch gerade zur Diskussion stehen: "Denn das Steak, was ich heute verkaufe, verkaufe ich übermorgen nicht zweimal. Dadurch verzögert man nur Insolvenz. "Nehmt uns bitte Lasten ab", appelliert Mälzer an Scholz. "Und erlasst uns auch bis Ende des Jahres die Mehrwertsteuer."

Mälzer schlägt also zwei konkrete Lösungsansätze vor, die Gastronomen jetzt helfen könnten: Aufstockung des Kurzarbeitergelds und Erlassung der Mehrwertsteuer. Und was sagt Olaf Scholz dazu? Dass die Bundesregierung 60 Prozent der Lohnkosten tragen werde - und diese Maßnahme durch die Übernahme der Mietkosten ergänzt werde. Aber dass alle Rechnungen zu 100 Prozent übernommen werden, sei utopisch, so Scholz. Mälzer fühlt sich missverstanden, denn er habe ja bereits erklärt, dass er seinen Teil als Unternehmer beitragen wolle. Dafür wünscht er sich aber Entlastungen, denn niemand weiß, wie sich die Krise weiterentwickeln wird.

In Hamburg zeigen sich indes die Gastronomen solidarisch - und wollen soziale Verantwortung übernehmen. Das bedeutet konkret: Mälzer und seine Kollegen wollen denjenigen selbstgekochte Mahlzeiten per Lieferdienst zur Verfügung stellen, die für die Gesellschaft gerade unermüdlich im Einsatz sind.

Das betreffe alle im Gesundheitssysem, PolizistInnen, KassiererInnen. Kurz: Alle, die aktiv beteiligt sind, das System aufrecht zu erhalten.

Mälzer und seine Gastro-Kollegen wollen damit zeigen, dass sie nicht nur fordern, sondern sich auch aktiv einbringen wollen – um die Krise mit vereinten Kräften zu überstehen.


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