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Erfahrungsbericht Trotz Paprikagate: Wie ich ein halbes Jahr aus der Kochbox gelebt habe

Nach mehreren Monaten wächst der Stapel an alten Rezeptkarten
Nach mehreren Monaten wächst der Stapel an alten Rezeptkarten
© stern
Jede Woche Kochbox? Geht das gut? Ja – aber mit Krisen und mehreren Anbietern. Ein Erlebnisbericht.

Im letzten Jahr entdeckte ich – wie viele andere auch – die Welt der Kochboxen. Lockdown plus Homeoffice ohne die gewohnte Kantinenkost ließen mir keine Wahl. Voller Job plus jeden Tag "kreative" Menüfindung, Einkauf und Kochen wurde mir einfach zu viel. Damals zeigte sich der einst blühende Markt schon ziemlich aufgeräumt, von den großen Anbietern waren nur noch Hellofresh und Marley Spoon übrig. Den günstigen Neueinsteiger Dinnery habe ich verschmäht – das Budgetangebot schien mir zu spartanisch. Was man von den Boxen ewarten kann und was sie kosten, können Sie hier lesen: "Kochbox im Homeoffice – so rette ich meine Familie über den Winter".

Nach über einem halben Jahr wird es Zeit, Bilanz zu ziehen. In der ganzen Zeit war ich nicht nur Kartei-Kunde, ich habe auch wirklich jede Woche eine Box abgenommen. Und wie in jeder Beziehung gab es Hochs und Tiefen. Am Anfang entschied ich mich für Hellofresh – hier konnte ich fünf Mahlzeiten in der Woche bestellen, bei Marley Spoon nur vier. Die ersten Monate entsprechen dem High der ersten Verliebtheit. Voller Vorfreude studierte ich die Rezepte, wählte entzückt aus und freute mich wie ein Kind, wenn die Box geliefert wurde. Fast immer wählte ich das aufpreispflichtige Meisterstück – so eine Art von "Sonntagsessen" mit aufwendiger Zubereitung – und gern auch das ebenfalls aufpreispflichtige – Premium-Essen mit besonders edlen Zutaten.

Erste Euphorie 

Während ich das Pricing der Box sonst als "okay" bezeichnen würde (85 Euro für fünf Mahlzeiten zu vier Portionen), verschiebt es sich durch diese Wahl deutlich in Richtung "teuer". Das Meisterstück kostet für vier Personen etwa 36 Euro – dafür gibt es dann ein Huhn mit schönen Beilagen. Doch Bio- oder Freiland ist der Gockel darum noch lange nicht. Die wöchentliche Abrechnung springt dann von etwa 85 Euro auf lockere 120 Euro.

Qualitätseinbruch

Bis zum Frühjahr störte mich das nicht – doch dann geriet die Beziehung zu Hellofresh in eine deutliche Krise. Und das lag nicht an mir, die Box looste innerhalb weniger Wochen mächtig ab. Das Drama begann mit dem Wechsel des Transportdienstes. Das Paket kam nach wie vor pünktlich. Doch es wurde nicht pfleglich bewegt. Die Box wurde gedreht und gestürzt. Im Inneren führte das zu einem Boxkampf mit erwartbarem Ergebnis: Die harten Dosen knockten das empfindliche Obst und Gemüse aus. Und das sollte nun mit Druckstellen und Schrammen weitere fünf Tage bis zum Verzehr durchhalten. Gleichzeitig sackte die Qualität des Gemüses und der Kräuter massiv ab.

Der Höhepunkt war erreicht, als den Managern von Hellofresh einzelne Gemüsesorten zu teuer wurden und sie ohne Rücksicht auf Rezepte durch billige Zucchini oder Möhren ersetzt wurden. So wurde wochenlang konsequent Zucchini statt Paprika in die Box getan. Das mexikanische Paprika-Hähnchen lag nun auf einem Bett aus wässrigen Zucchini. Die "frischen" Kräuter bestanden aus sehr viel Stängeln und wenigen matschigen Blättern – ein Zeug, das jeder Discounter zurückgewiesen hätte. Und das für 120 Euro die Woche.

Dazu haperte es beim Zusammenstellen der Kisten, zusätzlich zum Ersatzgemüse fehlten jede Woche ein oder zwei Zutaten. Den Preis bekam ich jedes Mal anstandslos gutgeschrieben – übrigens ein Lob an die nette Hotline – dennoch stand ich abends am Herd dumm da, wenn ich bemerkte, dass wichtige Zutaten fehlten.

Kurzum, die heiße Liebe kühlte ab. Ohne die Corona-Lage hätte ich wütend gekündigt, einem Kollegen platzte sogar der Kragen (Wie mich Paprikagate dazu brachte, mein Hellofresh-Abo zu kündigen). So wurde ich zusätzlich Kunde bei Marley Spoon und wechsle die Boxen nun von Woche zu Woche. Positiv: Nach einigen Wochen bekam Hellofresh das Gemüse-, das Transport- und das Zutatenproblem in den Griff.

Was bleibt als Resümee

Auf der negativen Seite: Auf Dauer merkt man schmerzlich, dass die vermeintliche Vielfalt auf einem sehr begrenzten Baukasten beruht. Zwei Faktoren limitieren die Rezepte: Alles muss möglichst schnell gehen – 45 Minuten sind Maximum. Alles, was Weile braucht, etwa ein Gulasch, ist damit draußen, oder es wird durch Hühnergeschnetzeltes substituiert. Das Gemüse muss gut transportfähig und sollte nicht zu teuer sein – von Vielfalt kann keine Rede sein.

Nach einem halben Jahr bin ich erstaunt, wo die preiswerte Allzweckwaffe "rote Möhre" überall auftauchen kann. Erbsen hingegen gibt es nie, Eier werden wegen des Transports möglichst vermieden. Das Fehlen von Eiern macht sich schmerzhaft bemerkbar, wenn man auf Fleischgerichte verzichten will. Überhaupt wird wenig Vegetarisches angeboten. Nach dem Motto: "Wenn schon, denn schon" mehren sich dafür die veganen Rezepte. Wegen der kurzen Kochzeit müssen Soßen instand angesetzt werden. Ich habe noch nie so viel Kochsahne verbraucht wie im letzten halben Jahr.

Auf der positiven Seite: Man muss realistisch bleiben, beide Kochboxen bieten eine vergleichsweise günstige und schnelle Küche für Berufstätige an. Wenn man Sterne-Küche haben will, muss man andere Anbieter mit anderen Preisen suchen. Auch das Einerlei der Zutaten ist relativ – ohne Box würde ich monotoner und nicht vielfältiger kochen. Also bleibe ich dabei – aus der heißen Liebe wurde eine Vernunftehe. Die aufpreispflichtigen Premiumgerichte meide ich, da kaufe ich dann doch lieber selbst ein Meisterstück zusammen.

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