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Kommentar

Fleisch um jeden Preis: Warum sie lieber kein Huhn essen sollten

Alle diskutieren übers Schweinefleisch, dabei ist auch Huhn sehr beliebt. Das gibt es bereits für wenige Euro in der Kühltheke, zulasten der Tiere und unserer Gesundheit. Es ist unser Geiz, der uns gleichgültig macht. Hauptsache, der Preis stimmt. Das muss sich dringend ändern.

Von Derik Meinköhn

Hühner werden in Massen gehalten, so bleibt das Fleisch preiswert

Hühner werden in Massen gehalten, so bleibt das Fleisch preiswert

Getty Images

Bei Aldi gab es neulich Nackensteak vom Schwein für 1,99 Euro. Ein Verbraucher fand das "krank" und entfachte damit einen Sturm in den sozialen Netzwerken. Wir diskutieren mal wieder über die Qualität von Fleisch, die Haltungsbedingungen der Tiere und über die Verantwortung der Käufer, Verkäufer und Tierzüchter. Weshalb jetzt? Im Kopf haben wir alle noch die Bilder von kleinen Bauernhöfen mit Hühnern auf dem Mist und rosa Schweinchen im Stall und ein paar bunten Kühen auf der Wiese. Dieses Idyll ist eine Illusion, mit der die Fleischproduktion von heute nichts mehr zu tun hat. Von einem kleinen Hof kann ein Bauer heute nicht mehr seine Familie ernähren, die Fleischpreise sind so niedrig, dass er immer mehr produzieren muss, um über die Runden zu kommen. So dreht sich die Spirale des Marktes: immer mehr, immer schneller, immer billiger.

Huhn, die zweite Liebe

Das beliebteste Fleisch nach Schwein ist Huhn und auch das wird heute unfassbar günstig angeboten. Die wahren Billigheimer liegen in der Tiefkühltruhe. Ein ganzes Suppenhuhn gibt es zum Beispiel schon für 2,59 Euro. Dieses Huhn muss erstmal ausgebrütet werden, das macht der Züchter. Der verkauft das Küken an den Mäster. Also LKW, Küken transportieren, ausladen, ab in die Halle, füttern, impfen und wenn sie groß genug sind wieder LKW, Schlachthof, töten, Federn rupfen, verpacken, einfrieren, transportieren, lagern, weiterverkaufen, anbieten. Der Züchter, der Mäster, die Spedition, der Schlachtbetrieb, der Händler und der nette Herr an der Kasse. Sie alle wollen an diesem Huhn Geld verdienen. Wie soll das gehen? Bei 2,59 Euro?

Eine zweifelhafte Erfindung

Die Amerikanerin Celia Steele erfand 1923 mehr oder weniger aus Versehen die industrielle Tiermast. Sie hatte 50 Küken für ihr kleines Hühnerhaus bestellt, bekam aber durch einen Fehler 500 geliefert. Sie überlegte nicht lange und entschied sich, einfach alle 500 in den Stall zu stopfen, in dem früher nur 50 Küken groß wurden. 387 überlebten und wurden zu einem guten Preis verkauft, für Steele ein Riesengeschäft. Ein Jahr später bestellte sie gleich 1000 und zwei Jahre später 10.000 Tiere. Sie erkannte auch früh die gesundheitlichen Probleme, die vollgestopfte Ställe mit sich bringen und experimentierte mit verschiedenen Vitaminen, die sie unter das Futter mischte. Der Beginn der modernen Massentierhaltung.

Eine Großstadt im Dorf

Heute gibt es in Deutschland Betriebe, gegen die ist das Hühnerhaus von Celia Steele ein Witz. Eine durchschnittliche Mastanlage hat Platz für 21.000 Tiere. In dem winzigen Dorf Bassin bei Grimmen werden von einem Betrieb fast eine Million Hühner gezüchtet. Zum Vergleich: So viele Einwohner hat zum Beispiel Köln.

Hühner leben natürlicherweise in kleinen Gruppen mit einer eingespielten Rang- und Hackordnung. Sie brauchen Räume um sich auszuruhen und um sich zurückzuziehen. In den riesigen Ställen können sie das nicht, denn die Flächen sind so berechnet, dass ein Huhn in konventioneller Haltung nur eine Fläche zur Verfügung hat, die kleiner ist als ein DIN-A-4-Blatt. Das dürfte sich für die Hühner in etwa so eng anfühlen, als ob 100 Menschen in einer 100 Quadratmeter-Wohnung leben. Sie können nicht mehr richtig gehen, nicht scharren, nicht mit den Flügeln schlagen. Nur sitzen, wachsen und auf das Ende warten. Viele von ihnen haben durch diese Enge und den Bewegungsmangel Knochendeformationen, Hautentzündungen, Beinerkrankungen, Hautverletzungen, Muskelerkrankungen sowie Herz- und Lungenprobleme. Damit sich die gestressten Hühner nicht auch noch gegenseitig anpicken, kürzt man ihnen schon als Küken die Schnäbel. Die Federn reißen sie sich trotzdem aus.

Antibiotika für alle

Der Stall wird üblicherweise nur einmal im Leben eines Huhns mit Streu ausgelegt und am Ende eines Hühnerlebens liegen auf dem Boden neun mal mehr Exkremente als Streu.

Im Stall stinkt es penetrant nach Ammoniak. Weil sich in dieser schlechten Luft mit Massen von Tieren auf engstem Raum, Krankheiten rasend schnell ausbreiten können, müssen die Züchter sehr vorsichtig sein. Im Krankheitsfall geben sie oft Antibiotika an alle Tiere im Stall. Das führt dazu, dass laut einer Studie der Grünen 90 Prozent aller Hühner in ihrem kurzen Leben mehrere Wirkstoffe verabreicht bekommen.

Nach nur 30 Tagen sind die Hühner schlachtreif. Hochgepäppelt durch Kraftfutter und Medikamente, explosionsartig gewachsen, mit einem Körper, den sie kaum selbst tragen können. Transporter fahren vor, um die Tiere abzuholen, das muss schnell gehen und es kommt durchaus vor, dass einige dabei schwer verletzt werden. Zurück bleibt ein Stall voll mit Exkrementen und toten Hühnern, die die Prozedur nicht überlebt haben.

Schlachten im Sekundentakt

Europas größter Schlachthof steht in Wietze, dort können 27.000 Hähnchen in einer Stunde geschlachtet werden. Schneller als die Uhr tickt, werden Hühner in Förderbänder gehängt, kopfüber durch Strombäder gezogen und durch einen Stich in die Hauptschlagader getötet.

Das Töten und Zerlegen muss schnell gehen und billig sein. Dabei kommt es häufig vor, dass Tiere nicht richtig betäubt werden und qualvoll um ihr Leben zappeln. Die Jobs in den Schlachthöfen sind schlecht bezahlt, die Arbeiter haben keine Lobby, keine Stimme. Nicht nur die körperliche Belastung ist hoch, auch psychische Probleme sind nicht selten.

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Alle verlieren

Die Tiere haben kein Leben, sie vegetieren in Gestank und Schmerz. Der Züchter muss immer mehr, unter immer schwierigeren Bedingungen produzieren und der Konsument bekommt Billigfleisch, gefüttert mit Antibiotika und häufig sogar mit multiresistenten Keimen belastet. Das Fleisch schrumpft in der Pfanne und schmeckt eigentlich nach nichts. Unser Geiz führt dazu, dass uns scheinbar für den kleinsten Preis alles egal ist. Hauptsache billig. Dabei liegt dadurch nicht nur ein Stück gequältes Tier auf unserem Teller, wir gefährden auch unsere eigene Gesundheit.

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