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Was nach "Henssler hinter Gittern" bleibt: So kochen Schwerverbrecher

Vier Wochen war Steffen Henssler in der JVA Bremen und hat mit zehn Häftlingen gekocht. Ist es legitim, Schwerverbrechern eine Bühne zu bieten? Wir haben hinter die Kulissen geguckt.

Von Denise Wachter

Van Hiep V. ist Schwerverbrecher und kocht leidenschaftlich gerne. Am liebsten isst er Fleisch: Schnitzel oder Steak.

Van Hiep V. ist Schwerverbrecher und kocht leidenschaftlich gerne. Am liebsten isst er Fleisch: Schnitzel oder Steak.

Der beste Tag in der Woche ist Donnerstag, denn dann kommen die Studenten, von draußen, und malen gemeinsam mit den Häftlingen. Van Hiep V. zeichnet gerne, am liebsten seine Frau, die sich von ihm hat scheiden lassen, als er ins Gefängnis musste. Trotzdem hängen in seiner acht Quadratmeter großen Zelle noch immer ihre Hochzeitsfotos.

Der gebürtige Vietnamese Van Hiep V. ist 38 Jahre alt, davon hat er schon viele Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, er wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt - wegen Raubüberfalls mit Todesfolge. Sieben Menschen seien damals gestorben, als er und sein Bruder 2007 und ein weiteres Brüderpaar ein Restaurant überfielen. Van Hiep will damals nicht gewusst haben, dass Menschen getötet wurden, und nach eigenen Angaben hielt er auch keine Waffe in der Hand. Deshalb wurde er nicht lebenslänglich verurteilt, sondern bekam ein Jahr weniger.

Ein Leben hinter Gittern: Die JVA Bremen-Oslebshausen wirkt durch seine gothischen Bauten nicht ganz so bedrohlich, wie andere Gefängnisse.

Ein Leben hinter Gittern: Die JVA Bremen-Oslebshausen wirkt durch seine gothischen Bauten nicht ganz so bedrohlich, wie andere Gefängnisse.

Geregelter Alltag hinter Mauern

Van Hiep nutzt seine Möglichkeiten in der JVA Bremen-Oslebshause mehr als andere Insassen. Er geht allerlei Beschäftigungen nach, zwei bis drei Mal pro Woche geht er zum Sport, er malt mit Studenten, nutzt den Spieleabend, um sich abzulenken. Abzulenken von der Sehnsucht nach seiner Frau, seiner Familie und dem Leben da draußen. In seiner kleinen Zelle hat er sich eingerichtet, fünf Pflanzen darf jeder Häftling besitzen. Van Hiep züchtet Chili. Er kocht leidenschaftlich gerne, darf sogar als einer der wenigen einen eigenen Reiskocher besitzen. Es scheint, als würde er das Beste aus der Situation machen - hinter den Mauern in einem geregelten Alltag.

Jeden Tag um 19 Uhr fällt die Tür ins Schloss. Dann bleiben die Wände, die Pflanzen, und wer es sich leisten kann, hat einen Fernseher oder eine Spielkonsole. Van Hiep besitzt beides - und eine Gitarre, er hat sich das Spielen selbst beigebracht. Am liebsten stimmt er vietnamesische Volksstücke an.

Um sechs Uhr beginnt der Tag. Um sieben Uhr die Arbeit. Van Hiep hat Glück, er kann seiner Leidenschaft folgen. Er kocht im neuen Bistro "Knasteria" der JVA Bremen. Eigentlich ist er ziemlich privelegiert, weil er Teil von Steffen Hensslers Show "Henssler hinter Gittern" werden konnte. Vorher kochte er vietnamesisch, von deutscher Küche hatte er keine Ahnung. Steffen Henssler brachte ihm das bei, heute macht er Buletten mit Kartoffelsalat - deutsche Hausmannskost. "Am liebsten esse ich Fleisch: Steak oder Schnitzel", sagt Van Hiep und lächelt. Es ist seltsam - wenn man Van Hiep persönlich erlebt, wirkt es, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Er ist höflich, zuvorkommend und lächelt immerzu. Trotzdem kann seine Tat weder verleugnet, noch verharmlost werden. Im Gegenteil: Vor uns steht ein Schwerverbrecher.

Ronny K. sitzt wegen Drogen in der JVA ein, bald kommt er raus, dann möchte er bei Steffen Henssler Probe kochen.

Ronny K. sitzt wegen Drogen in der JVA ein, bald kommt er raus, dann möchte er bei Steffen Henssler Probe kochen.

Von Drogen, Kinderheim und Hühnerfrikassee

Ronny K. kocht auch in der "Knasteria". Er sitzt für drei Jahre wegen Drogenkonsums, Dealerei und Beschaffungskriminalität. Details möchte er dazu nicht äußern. "Ich war zehn Jahre lang drauf. Habe mir Heroin gespritzt, Koks genommen und Benzos geschmissen", sagt Ronny grinsend. Der 28-Jährige wirkt locker und cool, doch das Leben im Knast und "da draußen" ist auch für ihn nicht einfach. Wirklich echt wirkt seine Gelassenheit nicht, vielmehr sieht es so aus, als verstecke sich ein verschrecktes Kind hinter der coolen Fassade.

Mit drei Monaten kam er das erste Mal ins Kinderheim, mit vier Jahren wurde er wieder zurück zu seinen Eltern gebracht. Zu Hause gab es immer familiäre Probleme. Heute ist man höflich zueinander, aber er möchte nicht, dass seine Eltern ihn besuchen: "Das würde mich kaputt machen", sagt Ronny. In ein paar Tagen kommt er raus, dann möchte er nach Hamburg ziehen und sich eine Wohnung suchen. Steffen Henssler hat versprochen, dass er in seinem Restaurant Probe kochen darf. Ob er wirklich den Job bei ihm kriegen wird, bleibt offen.

In der JVA war er im Gefängniseinkauf tätig, bis Henssler kam, dann wurde er ins Bistro verlegt. "Mir blieb keine Wahl, die Leiter sagten ich muss da jetzt mitmachen", sagt er, "aber es war lustig mit Steffen". Deshalb blieb er. Er hat schon immer selbst gekocht, Spaghetti, Gulasch und Hühnerfrikassee. Das hat er auch Steffen Henssler als Probegericht vorgesetzt: Hühnchenfleisch, Champignons, Reis, Spargel und Erbsen. Henssler hat es geschmeckt.

Was übrig bleibt von der Show

Zehn Häftlinge waren Teil von Hensslers Show. Übrig geblieben sind drei: Van Hiep, Ronny und Sven Felix S., der nicht mit der Presse sprechen möchte - wegen seiner Familie. Er möchte nicht in die Öffentlichkeit. Eine Logik, die so nur im Gefängnis entstehen kann, schließlich wurde er vier Mal zur Primetime auf RTL gezeigt.

Die anderen Häftlinge kochen nicht mehr in der "Knasteria". "Viele waren ungeeignet, haben sich in die Finger geschnitten oder Drogen genommen. Das geht natürlich nicht", sagt Bistroleiter Detlev Jendrich. Jendrich ist seit 14 Jahren in der JVA Bremen und pflegt ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinen Mitarbeitern im Bistro. "Man muss hier ein Team haben. Der beste Koch nützt mir nichts, wenn er jeden zweiten Tag eine Schlägerei anzettelt. Wir arbeiten hier schließlich mit Messern und Bargeld." Dennoch haben die Insassen großen Respekt vor ihm. Was Jendrich sagt, ist Gesetz, und wer nicht spurt, kann schnell weggesperrt werden.

Detlev Jendrich (links) ist zwar der Boss, trotzdem macht er gerne Späße mit seinen "Mitarbeitern".

Detlev Jendrich (links) ist zwar der Boss, trotzdem macht er gerne Späße mit seinen "Mitarbeitern".

"Knasteria" funktioniert

Das Konzept des Bistros funktioniert. Sechs Mitarbeiter zählt die "Knasteria", drei davon aus Hensslers Show, die anderen kamen nach der Sendung hinzu. Die Häftlinge haben viel mehr "Freiheiten" als andere Insassen, sie dürfen sich in einem gewissen Radius etwas freier bewegen, übernehmen Verantwortung und kochen jeden Tag bis zu 40 Essen, dabei stehen sie auch selber im Verkauf und bedienen die Kunden. So geht es nicht jedem.

Einer durfte nach "Henssler hinter Gittern" nicht mehr zurück ins Bistro: "Marcellinus war nur bei Steffen Henssler ein guter Arbeiter. Danach hat er oft gepöbelt und auch mal was mitgehen lassen", so Jendrich. Der 34-jährige Sinti ist wegen Bankbetrugs seit vier Jahren im Gefängnis. Seine zwei Kinder, zwei und vier Jahre alt, leben bei seiner Frau. Eigentlich hätte er schon entlassen werden sollen, aber eine "Lockerung" hatte er beim freien Vollzug verspielt. Er durfte das Gefängnis verlassen und zu seiner Familie, sollte abends aber wieder zurück in seiner Zelle sein. Das war er aber nicht. Nach fünf Tagen wurde er zu Hause verhaftet. Somit verlängerte sich seine Haftstrafe. "Ich bin unbelehrbar, wenn es um meine Familie geht. Meine Kinder brauchen ihren Vater", sagt er selbst. In wenigen Wochen wird er entlassen.

Zwei Produkte durften die "Knast-Schüler" von Steffen Henssler entwickeln: Mango-Chutney und Tomatensalsa

Zwei Produkte durften die "Knast-Schüler" von Steffen Henssler entwickeln: Mango-Chutney und Tomatensalsa

Tomatensalsa à la Knast

Der Dreh mit Steffen Henssler gefiel Bistroleiter Jendrich besonders gut. Er ist gelernter Bäckermeister und war begeistert von Hensslers Fachlichkeit. "Wir haben Hühner gerupft, ausgenommen, zerlegt, norwegischen Wildlachs filetiert. Das war toll", sagt der Bistroleiter. Ronny ging es ähnlich, aber er fand es auch anstrengend, weil sie viele Filmeinstellungen wiederholen mussten. Sein Highlight war das "Knasteria"-Produkt zu entwickeln - ein Mango-Chutney und eine Tomatensalsa. Zwar diskutierte das Team lange mit Henssler, was es für ein Produkt werden sollte. Dennoch hätten sie nicht viel mitbestimmen können, so Ronny. Das Rezept für die Tomatensalsa stammt dennoch von ihm, Henssler fügte nur etwas Honig und Curry hinzu. Man merkt, dass ihn das mit Stolz erfüllt. Auch wenn er das wahrscheinlich nie offen zugeben würde.

Van Hiep kann heute früher Feierabend machen, weil er dem stern seine Zelle zeigen darf. Dort erzählt er, wie sehr ihn, die Mauern bedrücken: "Am Anfang ist es immer schwer. Da ist viel Leere und man ist traurig. Am schlimmsten sind aber die Feiertage. Weihnachten und Silvester. Da saßen wir als Familie immer zusammen und haben gemeinsam gekocht und gegessen." Das erste, was er machen möchte, ist seine Eltern zu besuchen. Denn sie seien schon alt und er möchte nicht mehr, dass sie ihn besuchen. Aber das dauert noch seine Zeit. Auf die Frage, ob er seine Tat bereue, kann er kaum antworten, dann nickt er kleinlaut mit gesenktem Kopf.

Fürs letzte Foto posieren Detlev Jendrich mit seinen Mitarbeitern Van Hiep und Ronny, der Bistroleiter fragt: "Dürfen wir so sein, wie wir sind?" "Natürlich", antwortet die stern-Fotografin Jenny Jacoby, "warum denn nicht?" Jendrich antwortet: "Ach, nur so. Bei der Henssler-Produktion mussten wir immer böse gucken."

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