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Interview mit Barkeeper: "Mit Gin wird einfach richtig Geld gemacht"

Gin aus Deutschland ist im Kommen. Profi-Barkeeper Uwe Christiansen sieht den Trend kritisch: Er glaubt, dass viele Kunden abgezockt werden - und gibt Tipps, wie ein guter Gin Tonic gelingt.

Der Martini ist einer der beliebtesten Gin-Drinks.

Der Martini ist einer der beliebtesten Gin-Drinks.

Ob als Martini oder eisgekühlt mit Tonic - Gin boomt in Deutschland wie nie zuvor. Der jüngste Hype liegt vor allem an vielen kleinen Brennereien, die mit aufwendig hergestellten und dementsprechend hochpreisigen Produkten den hiesigen Markt überfluten. Doch welche Sorten sind empfehlenswert? Wie macht man einen guten Gin Tonic? stern.de hat mit dem Barkeeper Uwe Christiansen über Gin gesprochen. Er erklärt, warum die vielen Marken für die Kunden nicht zwangsläufig gut sind und gibt Tipps und Tricks für die Zubereitung eines guten Gin-Cocktails.

Herr Christiansen, in Deutschland gibt es immer mehr kleine Brennereien, die einen eigenen Gin auf den Markt bringen. Ist das eine gute Entwicklung?
Ich bin mir da ehrlich gesagt nicht ganz sicher. Momentan vergeht ja keine Woche, in der nicht irgendein neuer Gin auf den Markt kommt und ich frage mich, wer das alles kaufen und trinken soll. Allein in Hamburg gibt es ein halbes Dutzend Sorten. Sicherlich dürfte der Markt bald gesättigt sein, wenn er es nicht schon längst ist.

Also haben die meisten Newcomer überhaupt keine Chance?
Ein Großteil der Gins, die hierzulande in kleinen Auflagen auf den Markt kommen, werden die nächsten paar Jahre jedenfalls nicht überleben. Das größte Problem ist der Preis, den viele Hersteller verlangen: Die Spirituosen sind schlichtweg zu teuer. Oft kostet eine 0,5-Liter-Flasche mehr als 30 Euro. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist teilweise unglaublich. Da muss man sich schon fragen: Ist der Gin das Geld wert?

Was ist am Gin denn eigentlich so teuer?
Wenn ich das wüsste. Man braucht für den Gin keine aufwendig hergestellten Fässer wie bei Spirituosen, die lange lagern müssen. Man benutzt zum Großteil normalen Alkohol. Es sind keine extravaganten Lager für die Flaschen nötig. Da wird meiner Meinung nach einfach richtig Geld gemacht.

Was ist denn ein fairer Preis?
Eine 0,5-Liter-Flasche reicht für etwa zehn Drinks. Die Schmerzgrenze ist meiner Meinung nach deshalb bei 20 Euro erreicht. Ein fairer Preis für einen 0,7-Liter-Premium-Gin sind 25 Euro.

Wie kam es überhaupt zu dem Gin-Hype?
Alles hat angefangen mit Hendrick's Gin aus Schottland, die Macher haben den Hype vor etwa sieben Jahren angestoßen. Der Gin hatte eine coole Flasche, der Geschmack war frisch und leicht mit Gurken- und Rosenaromen. Jahre später kam dann Monkey 47, ein deutscher Gin aus dem Schwarzwald. Der stieg in ein damals unglaublich hohes Preissegment ein. Er ebnete den Weg für viele deutsche Sorten, mittlerweile hat ja fast jede etwas namhaftere Bar ihren eigenen Gin.

Spielen für die Kunden die teuren, deutschen Marken überhaupt eine große Rolle?
Das glaube ich nicht. Der eine oder andere Connaisseur greift vielleicht mal zu einem Monkey, wenn er das Produkt schon kannte. Doch in den Supermärkten dominieren nach wie vor andere Sorten: Gordons, Hendrick's, Beefeater. Die kleinen Hamburger Destillerien sind ja gar nicht in der Lage, große Mengen zu produzieren.

Gibt es in ihren Bars eine höhere Nachfrage nach Gin-Drinks als noch vor ein paar Jahren?
Ja, wir verbrauchen derzeit viel Gin in unseren Bars. Die Gäste sind neugieriger geworden. Oft kommen sie zu mir und sagen: 'Ich hab jetzt Lust auf einen Gin Tonic. Aber mach mal einen schönen Gin dazu.' Wir experimentieren mehr als früher, nutzen neue Tonics oder garnieren unsere Drinks mit Küchenkräutern und Gewürzen.

Wie ist die Nachfrage größer: Gin gemixt oder pur?
Kein Mensch trinkt Gin pur. Die meisten Menschen mögen ihn eher im Martini oder als Longdrink. Ich bin seit über 30 Jahren Barkeeper, und ich kann mich in der gesamten Zeit an nur eine einzige alte englische Lady erinnern, die ihren Gin pur trinken wollte.

Wie steht es um den Gin Tonic?
Gin Tonic war immer beliebt, früher hat man nur andere Gins für den Drink genommen. Heute verteilt sich das auf mehr Marken. Der Drink vermittelt Urlaubsfeeling und ist der wohl beliebteste Longdrink neben dem Cuba Libre.

Nun können Sie ja ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Mit welchen Tricks machen sie aus einem guten Gin Tonic einen sehr guten?
Man sollte viel mit Zitrusfrüchten experimentieren, etwa mit Zitronen-, Limetten- oder Grapefruit-Scheiben. Wer es dezenter mag, kann auch nur die Haut der Früchte, die Zeste, ins Glas legen, das setzt die ätherischen Öle frei. Eine interessante Note gibt ein Rosmarinzweig, der vorher etwas mit einem Feuerzeug angebrannt wird, so erhält man ein paar Röstaromen und Duftstoffe. Als Dekoration eignen sich getrocknete Obstschalen, wer es gewagter mag, kann auch Pfefferkörner und Chili dazugeben. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Herr Christiansen, wir danken für das Gespräch.

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Auf der nächsten Seite finden Sie zwei kreative Rezepte für Gin-Cocktails von Uwe Christiansen.

Zwei Cocktailrezepte für stern.de-Leser

Leap Year

Der Leap Year stammt aus Harry Craddocks "The Savoy Cocktail Book" von 1930. Ursprünglich wurde dieser Drink nur in den Schaltjahren serviert, weshalb er wohl nur noch auf wenigen Cocktailkarten dieser Welt zu finden ist.

Zutaten:
4cl Plymouth Gin
1cl Grand Marnier
1cl Wermut Cinzano Bianco
1 Spritzer Zitronensaft

Deko: Zitronenzeste

Zubereitung:
Alle Zutaten shaken und in das Cocktailglas abseihen. Mit der Zitronenzeste dekorieren.

Pegu Club Cocktail

Dieser Drink stammt aus Audrey Saunders Pegu Club in New York.

Zutaten:
6cl Plymouth Gin
3cl Bols Dry Orange Curacao
1,5 cl Limettensaft
1 Schuss Angostura Bitters
1 Schuss Orange Bitters

Deko: Limettenzeste

Zubereitung:
Alle Zutaten kräftig shaken und ein gekühltes Cocktailglas abseihen. Das Glas mit der Limettenzeste dekorieren.

Beide Cocktails wurden übernommen aus dem Buch "Mixed Emotions", erschienen im Südwest Verlag

Interview: Christoph Fröhlich
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