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Rooibos-Tee: Südafrikas Cup der guten Hoffnung

Nur in einer einzigen Region der Welt wachsen die Büsche, aus denen man Rooibos-Tee macht - nördlich von Kapstadt. Und mit ihnen wächst leise, zart und am Rande die Zuversicht unter den farbigen Teebauern.

Von Andrea Walter

Ein sanfter Wind weht über das Rooibos-Feld. Grüne Weite, Busch neben Busch, Reihe neben Reihe auf sandigem Boden. Die Plantage könnte auch unter Wasser liegen, die Büsche könnten Seegras sein, das sich in Wellen hin- und herwiegt. Sonnenstrahlen dringen ins Buschwerk, bringen die nadeligen Blätter zum Glänzen.

Man möchte sich hineinwerfen in dieses Feld, da tauchen zwischen den Büschen Rücken auf. Ragen hervor zwischen dem Grün, halten inne, während Arme und Hände über den Sträuchern kreisen, Sicheln durch die Zweige sausen. Gebückte Menschen überall. In bunten Roben, auf den Köpfen Mützen, die Körper in lange Kleidung gehüllt - gegen die Sonne, die zu dieser Zeit besonders brennt.

Keiner kann ihnen den Rooibos klauen

Rooibos ist gewissermaßen exklusiv. Aspalathus linearis, wie die Pflanze botanisch heißt, mag heiße Sommer, liebt nasse Winter, eine Lage mehr als 450 Meter über dem Meeresspiegel, sandigen, leicht sauren Boden mit lehmiger Unterlage und so viele andere Dinge, dass Südafrika das einzige Land ist, wo sie überhaupt gedeiht. Versuche, Rooibos anderswo anzubauen, schlugen fehl. Glück fürs Land: So kann ihn keiner klauen.

Und selbst in Südafrika findet man Rooibos nicht überall, sondern auch dort wieder nur im Südwesten: 50 Kilometer nördlich von Kapstadt beginnt der Anbau und erstreckt sich nördlich bis hinauf nach Nieuwoudtville. Zentrum der Rooibos-Region ist Clanwilliam, ein verschlafenes Kolonialnest, wo Kinder barfuß durch die Straßen laufen, mit "Hello, Madam" und "Hello, Mister" grüßen.

In Deutschland dagegen findet man Rooibos-Tee in Szenecafés, auch in Supermärkten und Drogerien. In vielen deutschen Haushalten gehört er heute so selbstverständlich in den Vorratsschrank wie Pfefferminz- oder Ceylontee. Weil Rooibos bekömmlich ist, kein Koffein und fast kein Tannin enthält. Weil er mild schmeckt, fruchtig, erdig und eine natürliche Süße trägt. Deutschland ist der größte Abnehmer für Rooibos-Tee. Von den 8500 Tonnen, die 2005 hergestellt wurden, blieben 3900 Tonnen im Land, 3800 Tonnen kamen zu uns, sie werden hier getrunken oder weiterexportiert.

"Ich mag keinen schwarzen Tee", sagt Martin Bergh und schaut auf seine Plantage. "Ist mir zu bitter." Bergh ist so etwas wie Mr. Rooibos. Er ist groß, schlank, trägt Jeans und ein Poloshirt, auf dem in Brusthöhe eine dampfende Teetasse prangt. Es ist das Logo von Rooibos Ltd., der Firma, die 75 Prozent der Produktion verarbeitet. Er ist der Geschäftsführer. Außerdem besitzt Bergh "die größte Rooibos-Farm der Welt". Etwa hundert Leute arbeiten in den Erntemonaten auf seinem Anwesen. "Mein Großvater", sagt Bergh, "war der Erste, der Rooibos kommerziell anbaute."

Das kam so: 1904 beobachtete ein Einwanderer aus einer alten, russischen Teehändlerfamilie das Nomadenvolk aus den Zederbergen beim Zubereiten des Tees. Er kaufte ihnen Ware ab, verteilte sie in den Straßen von Kapstadt und wurde der erste Rooibos-Händler Südafrikas. Das Geschäft lief an, die Nachfrage stieg. Da lauerte auch schon das erste Problem: Die Mengen reichten nicht, weil man den Tee aus Wildpflanzen gewann. Also machte sich ein Arzt und Hobby-Botaniker aus Clanwilliam an die Arbeit, tüftelte daran, die wilden Büsche durch Kreuzungen zu Nutzpflanzen zu machen. Als ihm das 1930 gelang, pflanzte sein Freund und Farmer, Berghs Großvater, die Büsche als Erster.

Rooibos eignet sich sogar zum Haarefärben

Auf dem Trockenplatz von Berghs Farm klingt es, als würde ein Hubschrauber abheben. Es riecht nach Heu und Honig, und an den Reifen von himmelblauen Traktoren kleben bereits Teekrümel. In einem Unterstand röhren Maschinen, Männer füttern sie mit Rooibos-Zweigen, die in Bündeln und auf Anhängern von den Feldern angeliefert werden. Meist bestehen die Rooibos-Häcksler aus umgebauten Tabakschneidemaschinen. Rooibos-Maschinen gibt es nirgends zu kaufen.

"Der Tee kommt von den Khoikhoi", sagt Gert Hanekom, Vorarbeiter auf dem Trockenplatz, "ja, das glaube ich." Die Khoikhoi seien seine Vorfahren, erzählt Hanekom und raucht eine Zigarette aus Billigtabak und Zeitungspapier. Vermutlich bereitete das Nomadenvolk der Khoikhoi schon im 18. Jahrhundert ein Getränk aus den Büschen zu, während sie durch die Berge zogen. Hanekom lebt mit seiner Familie und vielen anderen Arbeitern in kleinen Häusern auf der Farm. Trotz Windschutz fegt eine Bö über den Trockenplatz, der etwa so groß ist wie zweieinhalb Fußballfelder. Rooibos-Splitter wirbeln durch die Luft, glitzern kupferfarben in der Sonne. "Hier liegt viel Geld", sagt Hanekom. Die Zweige wandern in Maschinen, werden in fünf Millimeter lange Stückchen geschnitten, fallen auf ein Laufband und von dort in den Anhänger eines Traktors. Ist der Anhänger voll, wird das Gehäcksel in Bahnen ausgelegt und später bearbeitet: mit Wasser übergossen, mit den Reifen eines Traktors platt gedrückt und wieder aufgewühlt. Wenn die Reifen über den Rooibos walzen, werden die Pflanzenzellen zerstört, der Zellsaft tritt aus und reagiert mit dem Sauerstoff der Luft. Die Fermentation beginnt. Aus grünlichen Splittern werden braunrote. Ein süßlicher Duft breitet sich aus. Wer jetzt seine Hand in den Rooibos taucht, bekommt sie orange besprenkelt zurück: Man kann Rooibos sogar zum Haaretönen verwenden.

Der Fermentationsprozess dauert 8 bis 24 Stunden. Immer wieder steckt Hanekom seinen Arm in den Rooibos, nimmt eine Handvoll Tee und presst ihn in der Faust. Tritt zwischen seinen Fingern Wasser aus, ist er feucht genug. Über Nacht bleiben die Bahnen meist liegen. Und am nächsten Morgen riecht es nach Karamell. Dann wird der Tee auf dem Betonplatz ausgebreitet und sonnengetrocknet, danach mit einem Traktor per Saug-arm aufgelesen. Die Ladung kommt in weiße Säcke und später zur Teefabrik.

"Rooibos is gesond", sagt Hanekom auf Afrikaans. Tatsächlich war der Gesundheitsboom das größte Glück für den Tee. Und eine Frau namens Annique Theron aus Pretoria. Im Jahr 1968 mischte die verzweifelte Mutter ihrem 18 Monate alten Baby, das unter Magenkrämpfen litt, Rooibos-Tee in die Milch. Prompt ließen die Beschwerden nach. Erst erzählte sie ihren Freundinnen davon, dann gab sie Interviews, und schließlich schrieb sie ein Buch über die wohltuenden Wirkungen von Rooibos. Quasi über Nacht wurde er zum "Kamillentee Südafrikas". Zum Vademecum gegen alle möglichen Wehwehchen, zur "Muttermilch" südafrikanischer Babys, zum Drink für Sportler. Die Verkaufszahlen schnellten in die Höhe. Und mittlerweile forschen sogar Wissenschaftler, ob der Tee tatsächlich all jene vielversprechenden antioxidativen und krebslindernden Eigenschaften hat, die ihm zugeschrieben werden.

Die Kooperative stellt nur Bio-Rooibos

Etwa 400 Rooibos-Farmen gibt es in Südafrika. Darunter auch die Heiveld-Kooperative in der Nähe von Nieuwoudtville. Gerade einmal 40 Tonnen Tee stellen die sechs Kleinbauern und ihre Arbeiter her, Peanuts im Vergleich zu den großen Farmen. Doch um Masse geht es ihnen nicht, sondern ums neue Südafrika. Darum, dass die Nachfahren der Khoi- khoi ihren Tee wieder selbst herstellen und ihren eigenen Leuten Arbeit geben. "Ich bin ein farbiger Mann", sagt Lionel Louw. "Und ich habe eine Farm." Anders als sein Vater und Großvater, die während der Apartheid auf fremden Farmen arbeiteten, ist er Besitzer von Land.

Die Mittel der Kooperative sind bescheiden, den fertigen Tee lesen sie mit Schaufel und Besen auf, nicht mit Traktoren. Bei ihnen wachsen die Büsche nicht dicht an dicht und auch nicht so üppig. Aber sie wachsen. "Wir versuchen, an der alten Herstellungsmethode festzuhalten", sagt Louw stolz. "Das ist gut. Die meisten Leute hetzen zu sehr." Sie fermentieren den Tee nicht lange genug oder fahren zu oft mit Traktoren darüber, dann verliere er an Aroma, kritisiert er. Die Kooperative stellt nur Bio-Rooibos her, ihre Waren tragen das Transfair-Siegel und sind bei uns in "Weltläden" erhältlich.

"Gotcha", sagt ein Kleinbauer, als alle nach der Feldarbeit im Pick-up nach Hause fahren. Er hebt seinen Daumen. Soll heißen, dass er glücklich ist, sagen die anderen. Leicht haben die Kleinbauern es nicht. Die große Konkurrenz diktiert die Preise. "Martin Bergh ist der, der den Ton angibt", sagt einer. Aber darüber rege er sich nicht weiter auf. "Wir gehen unseren eigenen Weg."

In der großen Teefabrik von Rooibos Ltd. in Clanwilliam rattern die Maschinen. Dort wird der Tee gesiebt, von Aststückchen und Staub befreit, verfeinert, pasteurisiert. Lkws halten vor dem Gebäude. Die Ladung wird gewogen. Ein Mann piekst, was wie eine überdimensionale Querflöte aussieht, in die Säcke und nimmt Stichproben, die eingestuft werden in Güteklassen nach Aroma, Schnittlänge, Farbe, in Bio oder konventionell. Rooibos Ltd. verarbeitet beides. Das Qualitätszentrum der Fabrik prüft die Ware auf Bakterien und Schadstoffe.

Die Deutschen mögen ihn aromatisiert

"Wir sitzen hier auf einer Goldmine", sagt der Manager. "Dieses Produkt ist einzigartig, das gibt es nur in Südafrika." Und die Deutschen haben es am liebsten aromatisiert: Über die Hälfte des Tees bei uns ist das, mit natürlichen oder naturidentischen Stoffen, Vanille, Fruchtstückchen, Erdbeerblättern, Trockenbeeren, Orangenblüten, Karamell. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Qualität des Rooibos-Tees erkennt man an Schnittlänge, Farbe und Geruch. Je länger die Teesplitter, umso besser. Ein guter Tee hat eine konstante Schnittlänge von zwei bis fünf Millimetern, die Farbe ist kupfer bis rotbraun und der Anteil an hellen Stückchen gering. Die hellen Stücke sind der "Holzeinwurf", denn beim Häckseln der Zweige werden nicht nur die aromatischen Nadeln klein geschnitten, sondern auch die Stängel. Je kleiner der Holzanteil, desto feiner der Tee. Das verrät am Ende auch die Farbe: Je dunkler der Tee nach dem Aufbrühen, desto aromatischer ist er. Am besten kauft man ihn lose. In Teebeuteln steckt oft schlechtere Qualität.

Und so sitzen wir im Winter in Szenecafés oder auf Sofas und schlürfen den "Kamillentee Südafrikas". Während die Arbeiter in Südafrika in der Hitze schuften, halten wir uns an heißen Teetassen fest, bekämpfen mit ihnen die Kälte und Dunkelheit vor dem Fenster. Denn Rooibos tut gut. Oder wie sagt Kleinbauer Lionel Louw? "Wenn du mal deprimiert bist, dann kannst du immer in die Natur gehen." Er dreht sich um und zeigt auf rote Erde, grüne Büsche und Bergketten. "Dann fühlst du dich besser, denn die Natur beruhigt dich." Er hält inne und fügt hinzu: "Genau wie Rooibos."

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