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31. Juli 1970 Black Tot Day: Der Tag, an dem die Navy den Rum verbannte

Matrosen der Royal Navy erhalten eine Tagesration Rum. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1895 - an die Abschaffung des "Tot" war damals noch nicht zu denken.
Matrosen der Royal Navy erhalten eine Tagesration Rum. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1895 - an die Abschaffung des "Tot" war damals noch nicht zu denken.
© Getty Images
Jahrhundertelang erhielt jeder bei der britischen Royal Navy täglich eine Ration Rum. Die Folge waren Disziplinlosigkeit und Trunkenheit auf hoher See. Diese Tradition endete heute vor 50 Jahren, am 31. Juli 1970. 

Das Leben an Bord eines Schiffes war jahrhundertlang von anstrengender Arbeit und Verzicht geprägt. Die Umgebung war kalt und nass, der Ton oft rau, der Ausgang einer Reise ungewiss. Für viele Matrosen war es deshalb ein Lichtblick, wenn der Befehl "Splice the mainbrace" ertönte. Ursprünglich wurde damit zu einer komplizierten Notfallreparatur an Bord eines Segelschiffes aufgerufen, im Laufe der Zeit wurde daraus jedoch ein Euphemismus für ein von der Obrigkeit autorisiertes, feierliches Trinken im Anschluss daran - und schließlich zu jenem Befehl, welcher der Besatzung eine Extraration Rum oder Grog gewährte.

Das tägliche Schlückchen Rum war unter Matrosen als "Tot" bekannt. 315 Jahre lang wurde die Tradition in der einst stolzen britischen Marine aufrechterhalten. Am 31. Juli 1970 wurde die Rumration jedoch zum letzten Mal ausgeschenkt: Seitdem gilt dieser Tag als "Black Tot Day".

Rum verdrängte Brandy

Rum und Seefahrt sind in der öffentlichen Wahrnehmung eng miteinander verflochten. Dabei trank man an Bord der Schiffe im 17. Jahrhundert zunächst Bier. Und davon reichlich: Matrosen der Royal Navy hatten Anspruch auf eine Gallone am Tag, was damals etwas mehr als vier Litern entsprach. Durch den niedrigen Alkoholgehalt war Bier länger haltbarer als Wasser, jedoch überstand auch Bier keine langen Schiffsreisen. Hisste man die Segel in Richtung ferner Kontinente, wurde die Verpflegung deshalb auf Wein oder Brandy umgestellt.

Das änderte sich 1655: Das Vereinigte Königreich eroberte die Karibikinsel Jamaika, auf welcher Zuckerrohr prächtig gedeihte. Daraus wurde Rum hergestellt, der zwei Vorteile besaß: Die Produktion war deutlich günstiger und das Produkt wurde durch die Lagerung in Holzfässern an Bord der Schiffe sogar noch bekömmlicher. Doch erst 1779, mehr als 100 Jahre später, wies das Versorgungsamt der britischen Royal Navy offiziell an, dass Brandy an Bord britischer Schiffe zugunsten von karibischen Rum ersetzt werden sollte. Dies war zugleich ein schwerer Schlag für Frankreich, schließlich produzierte die Nation den Großteil des Brandys.

Doch das Amt machte nur offiziell, was ohnehin gelebte Praxis war: Seit 1731 gehörte Rum zur offiziellen Bordverpflegung. Statt der Gallone Bier erhielten die Matrosen ein halbes Pint Rum, das entspricht etwa einem Viertelliter, verteilt auf zwei Ausgaben pro Tag.

Der Rum musste verdünnt werden

Das ging - wie zu erwarten - nicht lange gut. Die große Menge an hochprozentigem Alkohol sorgte für Trunkenheit und Disziplinlosigkeit an Bord, woraufhin der britische Admiral Edward Vernon am 21. August 1740 seine Untergebenen anwies, den Rum nur noch mit Wasser verdünnt auszuteilen, und zwar im Verhältnis von einem Teil Rum auf vier Teile Wasser. Diese Regeln wurden bereits 1756 in die Marinebestimmungen aufgenommen. Später fügten viele Matrosen dem Getränk noch Limettensaft und Zucker bei.

Vernons Spitzname lautete "Old Grog", da er meist einen Umhang aus Grogram trug, einem groben Stoff aus Seide und Wolle. Legenden zufolge soll daher auch die Getränkebezeichnung "Grog" für den verdünnten Rum stammen, dies gilt mittlerweile jedoch als widerlegt.

Das Ende des "Tot"

In der Geschichte gab es mehrere Versuche, die tägliche Rumration auf hoher See abzuschaffen. Man näherte sich diesem Ziel jedoch nur etappenweise: 1850 etwa wurde die Ration halbiert und nur noch einmal pro Tag ausgeteilt, am Ende wurde die Menge auf ein Schnapsglas reduziert. Im Gegenzug bekamen die Matrosen einen höheren Lohn. Wer wollte, konnte auch komplett auf die Austeilung des Rums verzichten und erhielt stattdessen "grog money".

1881 wurde die Rumration für Offiziere, 1918 schließlich auch für Deckoffiziere abgeschafft. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten nur noch Unteroffiziere und die Bordmannschaft einen Anspruch.

Im Lauf der Zeit wurde der "Tot" immer unpopulärer, denn die Technik an Bord moderner Schiffe wurde zunehmend komplex - das ließ sich mit dem Genuss von Alkohol nur noch schwer vereinen. 1950 soll nur noch jeder Dritte seine tägliche Rumration in Empfang genommen haben.

Als 1970 das britische Unterhaus über die endgültige Einstellung des "Tot" diskutierte, gab es trotzdem eine emotional geführte Debatte, die als "Great Rum Debate" in die Geschichte des britischen Parlaments einging. Am eigentlichen Beschluss änderte sich jedoch nichts: Am 31. Juli 1970 wurden um Punkt elf Uhr zum letzten Mal Rumrationen an Seeleute der britischen Royal Navy ausgegeben. Zum Abschluss trugen viele Matrosen schwarze Armbänder, einige organisierten sogar symbolische Beerdigungen. Ein Stück Marinegeschichte war zu Ende.

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