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Kolumne

Tresengeschichten: Die große Limonaden-Lüge – wie die Industrie verschweigt, dass Limos Alkohol enthalten

Limonaden sind eine tolle Erfrischung, findet stern-Kolumnist Jörg Meyer. Wären da nicht die schwarzen Schafe, die ihre Limonaden in Laboren zusammenbasteln. Eine Abrechnung.

Von Jörg Meyer

Limonaden

Bei Limonaden sollten Sie auf die Zutatenliste achten

Getty Images

When life gives you lemons, make lemonade

("Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach daraus")

Grundsätzlich kann man dieses alte englische Sprichwort für mehr Optimismus in diesen heißen Tagen durchaus wörtlich nehmen: Gute, kalte Limonaden sind eine außergewöhnliche  . Sehr zu empfehlen. Und so wundert es nicht, dass man seit Wochen - vor allem über - neue Limonadensorten empfohlen bekommt.

Bei Limonaden hat sich viel getan. Viele kleine Marken kommen auf den Markt. Sie sind handwerklich hergestellt, gesund, vegan und frisch. So scheint es zumindest. Alkoholfrei ist der große Trend und das Limonaden-Regal im gut sortierten Handel explodiert förmlich voll der schönen neuen Limonaden-Welt.

Von Spirituosen sind wir es seit Jahren gewöhnt: Der Brenner steht neben seiner kupfernen Destillieranlage und schaut ehrfürchtig durchs Spirituosen-Glas. Es folgen wunderschöne Bilder, auf denen die frischen Zitrusfrüchte gezestet werden und der Geistkorb mit ihnen befüllt wird. Botanicals, also Pflanzenextrakte, werden hinzugegeben, während unten im Brennkessel im warmen Gin-Mazerat die Wacholderbeeren vom Rührwerk sanft vermischt werden. Der Kessel wird geschlossen, die Magie der Destillation beginnt. Die Aussage der Bilder ist klar: Hier wird handwerklicher Gin produziert. Zumindest bei den guten, echten Brennern.

Limonaden, die im Labor zusammengebaut werden

Aber ist Ihnen vielleicht schon einmal aufgefallen, dass es solche "Produktionsbilder" bei nur wenigen Limonaden gibt? 

Es gibt viele neue coole Limonaden - und diese präsentieren sich gerne neben Zitronen, Früchten und frischen Kräutern. Die sollen die vermeintlich handwerkliche Fertigung und Natürlichkeit dieser Limonaden unterstreichen – ohne ernsthaft zu erklären. Dass es keine Erklärung gibt, hat einen einfachen Grund: Die Limonaden sind im Aroma-Labor kreiert worden.

Ein Teil dieser neuen Limonaden, Tonics und Colas kommen im Prinzip von den gleichen zwei bzw. drei großen Aromakonzentrat-Herstellern. Bei diesen Limonaden gibt es keine romantische Fertigung mit frischen Produkten. Im Leben nicht. Bei einigen der Limos heißt es also: Aromapaket beim Industrieanbieter zusammenstellen lassen und eine Geschichte darum herum bauen. Wird schon nicht auffallen.

Im Labor des Industrie-Partners werden natürliche Aromen hoch konzentriert in hochprozentigem gelöst. Diese in der Regel 80% Vol. starke konzentrierte alkoholische Aroma-Essenz ist die Grundlage dieser Limonaden.

 Ja, richtig gelesen: solche Limonaden bestehen aus einer alkoholischen Aroma-Essenz und haben auch "fertig" einen Alkoholgehalt von oft unter 0,5 %Vol. Den muss man aber nicht angeben und die Limonade gilt damit als "alkoholfrei".

Sind Limonaden wirklich alkoholfrei?

Vor einigen Jahren hat eine bekannte Limonade eine große Rückruf Aktion wegen "unfreiwilliger Alkoholgärung" gestartet. Hefen waren angeblich mit in die Flaschen gekommen, gärten unkontrolliert und sorgten "ungewollt" für  zu viel Alkohol in der Limonade. Oder war dort einfach nur das Mischverhältnis vom Industriekonzentrat falsch eingestellt worden? Wer weiß.

Für die "Craft"-Limonade kommen noch Bausteine für die Farbe hinzu. Dieser Aroma- und Farbbaukasten vom Industrie-Partner wird an den Abfüller der Wahl geliefert. Diese sind oft tolle Mineralbrunnen mit ausgezeichnetem Wasser.  Hier wird das Produkt dann zusammengesetzt. Nur frische Früchte und Kräuter kommen hier nie an. Außer für die Werbung. Fertig ist eine tolle neue Limonade – aus Aromabaukästen statt frischen Früchten, aus dem Labor statt aus der Manufaktur.

 Natürlich trifft das nicht auf alle Limonadenhersteller zu. Aber seien Sie nicht naiv. Lassen Sie sich nicht von Flaschen mit Zitronen, Früchten und Kräutern hinters Licht führen. Mein Tipp: Lesen Sie doch mal die Zutatenliste oder fragen Sie nach, wie und wo genau die Limonade produziert wurde.

Wenn Ihnen heiß ist, und das Leben Ihnen Zitronen gab, pressen Sie diese doch einfach einmal aus. Ein wenig Zucker dazu, verrühren und mit kaltem Mineralwasser auffüllen. Das ist eine echte "Handwerkslimo". Nicht skalierbar, aber richtig gut.