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Umstrittener Klima-Protest Waren Autobahn-Blockaden erst der Anfang? Aktivist droht mit Lahmlegung "kritischer Infrastruktur"

Sehen Sie im Video-Interview: Waren Autobahn-Blockaden erst der Anfang? Aktivist erklärt, was als nächstes lahmgelegt werden soll.
















Cold-Opener; Samuel Koch: Die Störungen auf der Autobahn ist der Feueralarm, die die Gesellschaft zum Stoppen bringt, zum Innehalten bringt, zum Zuhören bringt. / Wenn ich auf die Straße gehe, dann setze ich mich dahin und fordere mein Recht auf Leben ein. / Dann werden wir ab kommender Woche auch Häfen und Flughäfen. Das bedeutet wirklich kritische Infrastruktur blockieren und lahmlegen.


Hendrik Holdmann (stern) Ihr klebt euch auf Autobahn und kippt Pferdemist vor Ministerien. Wer genau seid ihr? Und vor allem: Was wollt ihr?


Samuel Koch (Aktivist) Wir sind besorgte Bürgerinnen und Bürger, die große Angst davor haben, dass die Klimakatastrophe auch Deutschland sehr stark betrifft und wir in wenigen Jahrzehnten hungern werden in Deutschland, wenn wir jetzt nicht entschieden gegen den Klimakollaps handeln. Und deswegen kommen wir zusammen, um zusammen zivilen Widerstands auf der Straße zu leisten und die Gesellschaft aufzurütteln und die Politik daran zu erinnern, jetzt Verantwortung zu übernehmen und jetzt sofort Maßnahmen zu ergreifen, um das Ganze aufzuhalten.


Hendrik Holdmann (stern) Ihr nennt euch ja unter anderem die letzte Generation und eure Protestaktionen sind unter dem Motto "Essen retten - Leben retten". Warum legt ihr ausgerechnet Autobahnen lahm? Ist das der Schwachpunkt der Deutschen als "Autofahrer-Nation"?


Samuel Koch (Aktivist) Also erst einmal möchte ich betonen, dass wir alle, so wie wir jetzt gerade leben, die letzte Generation sind, die den Klimakollaps und damit den Untergang der Zivilisation aufhalten kann. Das bezieht sich nicht nur auf uns als Gruppe, sondern auf uns alle, die wir jetzt noch die Chance haben zu handeln. Und zum Thema Autobahn Es ist einfach so: Es wurde über Jahre und Jahrzehnte versucht, immer wieder die Politik und Gesellschaft aufzurütteln, was das Thema Klimakatastrophe betrifft. Es wurden Regierungsviertel besetzt, es wurde auf Straßen demonstriert und das hat alles nichts gebracht und nicht zum Umdenken geführt.


Hendrik Holdmann (stern) Ich muss es noch mal verstehen: Ihr demonstriert unter anderem gegen Lebensmittelverschwendung, andererseits für stärkeren und radikaleren Klimaschutz – und das auf Autobahnen. Warum ausgerechnet blockiert ihr Autobahnen?


Samuel Koch (Aktivist) Die Störungen auf der Autobahn ist der Feueralarm, die die Gesellschaft zum Stoppen bringt, zum Innehalten bringt, zum Zuhören bringt, was die Wissenschaft uns zu sagen hat. Zum Thema Klimakatastrophe und zur Klimakatastrophe gehört das zum einen und zur Nahrungsmittelsicherheit in Deutschland akut gefährdet ist, weil unsere Böden eben immer weiter erodieren. Aber auch viele andere Themen, viele andere Probleme, die auf uns zukommen, wie zum Beispiel unvorstellbare Flüchtlingszahlen. Und das können wir nur aufhalten, indem wir jetzt entschieden handeln. Und als erste und einfachste Maßnahme fordern wir deshalb ein "Essen Retten"-Gesetz. Weil es eben nicht sein kann, dass wir noch Lebensmittel, die gut sind, wegschmeißen, obwohl wir wissen, dass wir in wenigen Jahrzehnten hungern müssen, wenn wir jetzt nicht handeln.


Hendrik Holdmann (stern) In einem stern-Artikel wirst du damit zitiert, dass ihr Deutschland lahmlegen wollt. Was habt ihr als nächstes geplant? Worauf müssen wir uns noch in den nächsten Wochen einstellen?


Samuel Koch (Aktivist) Wenn die Verantwortlichen bis Sonntagabend keine konkrete Zusage zum "Essen Retten"-Gesetz gegeben haben und nicht wirklich verbindlich versprechen, wie sie das "Essen Retten"-Gesetz umsetzen wollen, dann werden wir ab kommender Woche auch Häfen und Flughäfen –das bedeutet wirklich kritische Infrastruktur – blockieren und lahmlegen.


Hendrik Holdmann (stern) Wie genau sehen diese Blockaden aus?


Samuel Koch (Aktivist) Da kann ich jetzt noch nichts zu sagen.


Hendrik Holdmann (stern) Es gab ja schon Protestbewegungen, "Fridays For Future" zum Beispiel. Riesig weltweit. Dann gab es einen radikaleren Ableger „Extinction Rebellion“. Jetzt kommt ihr um die Ecke. Hat euch das, was da passiert ist, nicht gereicht? Muss Klimaprotest radikaler werden?


Samuel Koch (Aktivist) Es geht nicht darum, wie radikal irgendetwas ist. Es geht einfach darum, wie groß das Problem ist. Das Problem ist die Klimakatastrophe und bedroht wirklich akut unser Leben. Und da finde ich es überhaupt nicht radikal, auf die Straße zu gehen und dafür zu demonstrieren, dass wir keine Lebensmittel wegschmeißen und dass wir Maßnahmen ergreifen, um eine Agrarwende einzuleiten. Das ist das Mindeste. Wenn ich auf die Straße gehe, dann setze ich mich dahin und fordere mein Recht auf Leben ein, so wie es im Grundgesetz festgehalten ist. Und es gibt auch einen Artikel im Grundgesetz, der zivilen Widerstand legitimiert, wenn die Grundordnung Demokratie in Gefahr ist, was hier tatsächlich der Fall ist.


Hendrik Holdmann (stern) Samuel, du wirst für deinen Protest, den ich jetzt als radikal bezeichnen würde, von der Polizei immer wieder in Gewahrsam genommen. Ich glaube knapp zehnmal warst du schon in Gewahrsam, musstest da stundenlang ausharren. Autofahrer zerren euch von der Autobahn, versuchen euch dazu zu bewegen, dass ihr endlich die Autobahn freiräumt. Könnt ihr die heftigen Reaktionen verstehen und wollt ihr die sogar so haben?


Samuel Koch (Aktivist) Wir verstehen vollkommen, dass Autofahrende aufgebracht sind, wenn wir sie in ihrem Alltag aufhalten und wenn sie eigentlich gerade zu ihrem Beruf fahren möchten oder ihre Familie abholen oder andere wichtige Gründe haben, wieso sie jetzt auf der Straße fahren. Natürlich verstehen wir das, dass die Autofahrenden aufgebracht sind. Und es tut mir auch leid dafür, dass wir die Menschen dort aufhalten. Aber wir können eben nicht anders, als dort zu blockieren, um auf dieses riesige Problem Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Und es ist nicht. Da zu sitzen und das zu ertragen. Aber ich nehme das an, weil ich kann die Menschen verstehen, und ich hoffe, sie hören uns zu und sie hören diesen wissenschaftlichen Fakten zu, wenn es um die Klimakatastrophe geht, so dass sie auch verstehen können, wieso wir dort auf die Straße gehen. Und das passiert auch vereinzelt immer wieder. Das finde ich sehr interessant, wenn Menschen erst auf uns zukommen und aufgebracht sind und verständlich verärgert und dann aber nach und nach verstehen, wieso wir dort eigentlich sitzen und dann sagen: "Ihr habt ja recht. Das ist ein großes Thema. Gut, dass ihr hier sitzt. Ich kann die Störung akzeptieren."


Hendrik Holdmann (stern) Ein Vorwurf, den ihr euch gefallen lassen müsst, ist, dass ihr die Falschen adressiert. Die Politiker müssen handeln, nicht der Bürger, der im Auto sitzt. Wenn Menschen also euretwegen nicht zu Terminen kommen, nehmen wir mal einen LKW-Fahrer, der seit Stunden, seit Tagen auf der Autobahn unterwegs ist. Der muss eine Fähre bekommen und hat massiv Druck, diese zu erreichen. Ihr sitzt auf der Autobahn und blockiert die. Oder die Schwangere, die ins Krankenhaus muss. Was macht das mit dir, wenn diese Menschen unter diesen Protestform leiden und dann ganz persönlich individuell leiden, obwohl doch eigentlich die Politiker handeln müssten, nicht der LKW-Fahrer?


Samuel Koch (Aktivist) Wir finden das furchtbar, die Menschen dort zu stören und es tut uns wirklich leid, dass das passiert. Aber wir müssen da dort auf die Straße gehen. Und wir haben auch Menschen im zivilen Widerstand bei uns. Bei uns ist auch ein LKW-Fahrer. Bei uns ist auch eine Frau, die gerade ein Neugeborenes hat, die trotzdem bei diesen Dingen dabei ist, weil sie wissen, es betrifft uns alle und unsere Zukunft. Und auch der LKW-Fahrende, der im Stau steht, der hat in einem Jahrzehnt keinen Job mehr. Oder in zwei, drei Jahrzehnten, wenn die Klimakatastrophe gravierende Auswirkungen auf Deutschland hat und die Schwangere oder die Frau, die gerade ein Neugeborenes hat, was soll sie ihrem Kind versprechen für eine Zukunft? Wenn wir jetzt nichts ändern, dort ist keine Zukunft, wenn wir jetzt nicht handeln. Wir sind für diese Menschen mit dort


Hendrik Holdmann (stern) Ist die Idee also, dass ihr versucht, eine Massenbewegung zu starten? Dass ihr diese Menschen, die dort blockiert werden, die sauer sind, dazu bewegt, dass diese Leute auf die Politiker zugehen? Verstehe ich das richtig?


Samuel Koch (Aktivist) Wir wünschen uns auf jeden Fall mehr Menschen im zivilen Widerstand. Sobald Menschen ansatzweise begreifen, was die Klimakatastrophe für uns in Deutschland bedeutet, sollten diese Menschen auch mit uns auf die Straße gehen und dafür demonstrieren, dass die Politik endlich handelt. Es ist jetzt an der Zeit, dass die Politikerinnen und Politiker handeln beginnen und Maßnahmen ergreifen, dass in Gesetze gießen konkrete Versprechungen machen, die auch eingehalten werden.


Hendrik Holdmann (stern) Wie lange habt ihr vor, das, was ihr jetzt tut, weiterzumachen? Welches Ziel muss erreicht werden, damit ihr aufhört? Reicht euch diese eine Zusage, die du angesprochen hast? Zusagen wurden schon viele gemacht und absichtlich Versprechungen oder was braucht die ganz konkret, damit ihr sagte jetzt können wir mit unseren Autobahnen oder Infrastruktur-Protest auf?


Samuel Koch (Aktivist) Unsere erste und einfachste Forderung ist es ja, dass ein "Essen Retten"-Gesetz verabschiedet wird, so wie es der Bürgerrat Klima empfiehlt. Unsere gesamten Forderungen beziehen sich auf die Empfehlungen des Bürgerrat Klima. Der Bürgerrat Klima war eine repräsentative Losung von Bürgerinnen und Bürgern aus Deutschland, die zusammen mit Experten und aus der Wissenschaft und Wirtschaft beraten haben, wie die Klimakatastrophe in Deutschland aufgehalten werden kann. Unsere Forderungen sind einfach. Diese Empfehlungen sind demokratisch legitimiert, sofort umsetzbar und einleitbar. Und wenn diese Forderungen umgesetzt werden, dann können wir die Blockaden vollständig einstellen.

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Seit Wochen kleben sich Samuel Koch und seine Mitstreiter vom "Aufstand der letzten Generation" auf Autobahnen fest. Nun haben die umstrittenen Aktivisten Olaf Scholz ein Ultimatum gesetzt. Kommt keine Reaktion, sollen in den nächsten Tagen auch Flughäfen oder Häfen blockiert werden. Der stern hat Koch gefragt, was das Ziel ist.

Mehr Hintergrund zu Samuel Koch und seiner Protest-Motivation lesen Sie hier: Trotz Polizeigewahrsams und Beschimpfungen: Deshalb klebt sich Samuel Koch auf den Asphalt der Berliner Stadtautobahn.

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