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Nach Vorwürfen gegen Sender 72 NDR-Mitarbeiter schreiben Brandbrief an eigene Chefs

Schleswig-Holstein, Kiel: Passanten gehen vor der Einfahrt zum Landesfunkhaus Schleswig-Holstein des NDR entlang
Schleswig-Holstein, Kiel: Passanten gehen vor der Einfahrt zum Landesfunkhaus Schleswig-Holstein des NDR entlang
© Axel Heimken / DPA
Nach Vorwürfen im Zusammenhang mit der Politik-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen NDR haben zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Brandbrief an die eigene Funkhausspitze verfasst. Das Schreiben liegt dem stern exklusiv vor.
Von Markus Frenzel und Florian Schillat

In der Affäre um "politische Filter", Zensur und "Hofberichterstattung" beim NDR in Kiel (der stern berichtete) haben zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Senders einen Brandbrief an die eigene Funkhausspitze geschrieben. Das Schreiben liegt dem stern exklusiv vor und soll bald veröffentlicht werden.

In dem Text distanzieren sich 72 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesfunkhauses in Kiel – darunter fast ausschließlich Journalisten – entschieden vom Verhalten ihrer Chefs und fordern "eine lückenlose und transparente Aufarbeitung aller Vorwürfe", wie aus dem Schreiben hervorgeht.

Es gelte die Unschuldsvermutung. Doch die Unterzeichner zeigen sich "schwer erschüttert" angesichts der Veröffentlichungen zu den Vorwürfen. Forderungen nach personellen Konsequenzen werden in dem Brandbrief zwar nicht erhoben, es werde allerdings erwartet, "dass alle Mitarbeitenden des NDR Schleswig-Holstein zeitnah und vollumfänglich über die weiteren Vorgänge informiert und am Aufarbeitungsprozess beteiligt werden." 

"Es ist uns wichtig, dass alle Vorwürfe aufgeklärt werden", so die Verfasser. Nur so sei es möglich, "verlorenes Vertrauen bei uns und bei den Zuschauer*innen, Zuhörer*innen und User*innen wieder herzustellen."

Wie aus NDR-Kreisen verlautete, hatten sich am Montagmorgen Fernsehchef Norbert Lorentzen und die Redaktionsleiterin "Politik und Recherche" Julia Stein in der Sache für befangen erklärt. So würden sie keine journalistischen Beiträge mehr abnehmen, in denen es um die Vorwürfe gegen den NDR in Kiel geht, hieß es gegenüber dem stern.

Hintergrund: Nach der Affäre Schlesinger beim RBB sieht sich auch der NDR Vorwürfen ausgesetzt – hier geht es um die Frage, ob kritische Berichterstattung zu Mitgliedern der schleswig-holsteinischen Landesregierung unterdrückt wurde. Der stern hatte am Freitag über bis dahin unbekannte Fälle und weitere kritische Stimmen aus dem Sender berichtet

"Für mich ist das Ausmaß erschreckend", sagte der EU-Abgeordnete Patrick Breyer zu den Enthüllungen beim NDR im Gespräch mit dem stern. "Wenn er (der NDR in Schleswig-Holstein) eine Propagandaabteilung oder der Hofberichterstatter der Regierung ist, dann verliert er wirklich seine Existenzberechtigung."

Deswegen sei es aus Sicht des früheren Landtagsabgeordneten in Schleswig-Holstein ein "viel größerer Skandal als die Verschwendung von öffentlichen Geldern, wo man versucht, sich persönlich zu bereichern." Das habe man gerade beim rbb und dessen inzwischen abgesetzter Intendantin Patricia Schlesinger erlebt. "Beim NDR geht es um die ganz grundsätzliche Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einer Demokratie", so der EU-Parlamentarier von der Piratenpartei. 

Die Vorwürfe gegen den NDR erhärten sich

In einem 30-seitigen Untersuchungsbericht und einer dreiseitigen Ergänzung dazu, über die "Business Insider" zuerst berichtet hatte und die dem stern ebenfalls vorliegen, ist mit Blick auf einen konkreten Fall vom "Anfangsverdacht einer redaktionellen/politisch motivierten Einflussnahme" die Rede.

Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten sich vertraulich an den Redaktionsausschuss des Senders gewandt, an eine Art interne journalistische Kontrolleinheit. Sie klagten unter anderem über einen "politischen Filter" und die gezielte Verhinderung von kritischer Berichterstattung – alles aufgeführt in dem Bericht.

Aufhänger für die Untersuchung ist ein Vorfall aus dem Frühjahr 2020. Damals hatte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther seinen Innenminister Hans-Joachim Grote rausgeschmissen. In einem NDR-Beitrag dazu hatten die beiden Autoren ursprünglich auch ein Zitat von Grote mit scharfer Kritik am Regierungschef eingebaut. Doch das Zitat ließ die Abteilungsleiterin Julia Stein kurz vor Ausstrahlung aus dem Beitrag nehmen. Offenbar kein Einzelfall. "Das grenzt schon an Hofberichterstattung", sagte ein Redaktionsmitglied gegenüber dem stern, das den "Eindruck" äußerte, "Inhalte werden gefiltert, die Redaktionsspitze ist nicht mehr objektiv".

Der Verdacht liegt nahe, dass Daniel Günther gezielt geschützt werden sollte. Er wird durch einen weiteren Vorfall kurze Zeit später noch verstärkt. Ministerpräsident und Ex-Minister beschuldigten sich gegenseitig der Lüge. Als der Entlassene seine Version der Geschichte in einem Fernsehinterview darlegen wollte, wurde dieses von den NDR-Verantwortlichen abgesagt.

In den internen Unterlagen lässt sich der Vorgang nachverfolgen. In einer Mail verbietet Fernsehchef Norbert Lorentzen einem Reporter, mit dem ehemaligen Innenminister vor der Kamera zu sprechen. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. "Wie kommt es, dass ein Interview per Weisung untersagt wird?", fragt denn auch der Redaktionsausschuss des Senders. Der Fall stehe beispielhaft für das Vorgehen der NDR-Führung in Kiel.

Konfrontiert mit den stern-Recherchen hatte der NDR die Vorwürfe "entschieden" zurückgewiesen. Weder fehle es an Distanz zwischen NDR-Journalisten und politischen Akteuren, noch habe es "politisch motivierte Einflussnahme" auf die Berichterstattung im Landesfunkhaus Kiel gegeben. Zudem mache sich auch der Redaktionsausschuss diesen Verdacht nicht zu eigen.

Zwar stimmt es, dass die NDR-Journalisten davor zurückschrecken, dem eigenen Arbeitgeber "eine politische Motivation" und damit generell gelenkte Berichterstattung zu attestieren. Aber die Kritik im Detail ist eindeutig. "Das Interview mit Herrn Grote hätte geführt werden müssen", schreibt der Ausschuss im Geheimbericht, Seite 8. "Hier konnte der Verdacht der politisch motivierten Einflussnahme nicht ausgeräumt werden." Auch in einer dreiseitigen Ergänzung zwei Monate später bleibt das NDR-Gremium "sehr besorgt" und ist weiterhin "der Meinung, dass hier unbedingt kritische Fragen gestellt werden müssen – auch innerhalb des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein."


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