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Klimastreik "Fridays for Future"-Demo in Berlin: Der Hype lebt

Junge Frauen und Männer halten ein weißes Stoffbanner, dessen Beschriftung allerdings nicht zu lesen ust
Mit Luisa Neubauer (Mitte links) und Greta Thunberg (Mitte rechts) demonstrierten in Berlin Zehntausende für bessere Klimapolitik
© Tobias Schwarz / AFP
Zehntausende junge Menschen demonstrierten am Freitag vor dem Bundestag für mehr Klimagerechtigkeit. Am Ende kam es für die bekanntesten Aktivistinnen, Greta Thunberg und Luisa Neubauer, zu einer brenzligen Situation.

Und am Ende dann: ein Schrei, Gewusel, Securitymänner packen einen großen Mann mit ihren Securitymänner-Armen an den Schultern, drücken ihn weg, er versucht, sich zu befreien, schlägt in die Luft, taumelt, fällt, ruft etwas Unverständliches. Sofort sind vier Polizisten da, bauen sich neben Greta Thunberg und Luisa Neubauer auf. Die schaut für einen Moment etwas erschrocken, zieht die Schultern hoch, läuft aber einfach weiter. Die Polizisten begleiten sie, weg vom Platz der Republik, weg vom deutschen Bundestag.

Wer der Mann war, was er wollte, bleibt auch noch Stunden später unklar. Im Gespräch mit dem stern wird er sagen, er sei selbst Klimaaktivist, er habe mit Neubauer, der bekanntesten deutschen Vertreterin von "Fridays For Future", nur ein bisschen reden wollen. Da sitzt er aber schon vor einem Mannschaftswagen der Polizei, Beamte nehmen seine Personalien auf und werden dafür von ihm "Wichser" genannt.

Sprüche für Motto-Shirts statt Kampfansagen

Es ist eine Situation, die sehr wenig und gleichzeitig doch sehr viel über den jüngsten Klimastreik in Berlin erzählt. Wenig, denn eigentlich gibt es kaum friedlichere Massenversammlungen als die Schülerdemos. Viele Kinder auf einer Wiese, sie kommen mit selbstgebastelten Schildern auf denen dann Sprüche stehen, die eher Motto-Shirt-Qualitäten haben als dass sie politische Kampfansagen wären. "Eure Klimapolitik ist schlechter als ich in Mathe" ist da also zu lesen oder auch: "Verkehrsende statt Weltende". Seifenblasen wabern über die Köpfe. Auf der Bühne wechseln sich Redner mit Musikern ab. Es werden viele Selfies gemacht. Wüsste man nicht, dass das hier ein Protest ist, man könnte es auf den ersten Blick mit einem Open Air verwechseln.

Aber dann passieren eben auch solche Sachen: Fremde Männer, die Neubauer und Thunberg, der Begründerin der Bewegung, nah kommen wollen, zu nah, Polizisten, die sie weghalten müssen. Was ja wiederum eindrücklich zeigt: Spaß ist das hier ganz sicher nicht. 

"Fridays for Future" zählen hunderttausend Demonstrierende

Hunderttausend Menschen, so zumindest haben es die "Fridays for Future"-Aktivisten gezählt, sind gekommen, um vor dem Bundestag gemeinsam für mehr Klimagerechtigkeit zu demonstrieren, die Menge reicht bis zum Kanzleramt, bereits eine halbe Stunde nach dem offiziellen Beginn verkündet die Polizei, dass der Platz für weitere Teilnehmer gesperrt wird, mehr passen einfach nicht drauf. Es ist die größte der rund 400 Aktionen, die "Fridays For Future" an diesem Freitag in ganz Deutschland organisiert hat.

Mann bedrängt Greta Thunberg und Luisa Neubauer: stern-Reporter über unschöne Szene beim Klimastreik

Studenten drängen sich hier, Eltern, Aktivisten und, klar, viele, viele Schüler. Manche haben von ihren Lehrern freibekommen, manche nicht. Zusammen rufen sie abwechselnd: "Kohle" - "Stopp!" - "Kohle" - "Stopp!" 

"Ein bisschen realitätsfern"

Auch Niclas, 18, ist da. Er, Waldorfschüler aus Berlin, sagt, er besuche die Demonstrationen von "Fridays For Future" schon seit 2019, seit die Bewegung auf der ganzen Welt Jugendliche auf die Straße zog, um für mehr Klimagerechtigkeit einzutreten. Niclas sagt, er hadere mittlerweile ein bisschen mit der Sache, einerseits sei er enttäuscht, dass sich trotz der vielen Aktionen, trotz der unermüdlichen Schulstreiks vor der Pandemie, nicht wirklich was verändert habe, dass keine der Parteien ein Wahlprogramm hat, das mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar sei. Andererseits findet er, manchmal seien die Lösungen, die sich so mancher bei "Fridays For Future" wünscht, vielleicht doch zu einfach. "Ich find' Kohlestrom auch richtig ungeil", sagt Niclas. "Aber dass wir einfach alle Kohlekraftwerke abstellen sollen, von heute auf morgen, das ist vielleicht auch ein bisschen realitätsfern." 

Die wenigsten scheinen hier so kritisch wie Niclas. Viele, das hört man in den Gesprächen, sind auch angereist, um Greta Thunberg einfach mal live zu sehen. "Ich bin gespannt, wie die so ist in echt", sagt ein Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, zu ihrer Freundin. "Meinst du, sie ist wirklich so klein, wie das im Fernsehen aussieht?", antwortet die. 

Greta Thunberg auf der Bühne in Berlin

Und dann steht Thunberg auch schon auf der Bühne. Und ja, klein ist sie schon, aber sie spricht in diesem sachlichen und doch harschen Ton, den jeder spätestens seit ihrer "How Dare You"-Rede vor dem dem UN-Klimagipfel im Ohr hat. Sagt in Berlin Dinge wie: "Ihr müsst wählen gehen. Aber seid euch klar, dass Wählen alleine nicht ausreicht. Wir müssen weiter auf die Straße gehen. Wir dürfen nicht aufgeben, es gibt keinen Weg zurück."

Eine junge weiße Frau mit langen, dunkelblonden Haaren lächelt leicht, während sie ein schwarzes Mikro hält

Applaus. Viel Applaus. Nach dem Auftritt drängen sich junge Menschen an die Wellenbrecher, wollen ein Foto mit ihr oder zumindest mal "Hi!" sagen. Thunberg macht das mit, dann muss sie weiter, in eine Fernsehkamera sprechen, Luisa Neubauer steht neben ihr und spricht in andere. Sie wirken dabei ruhig, aber auch zufrieden, darüber, dass ihnen die Welt endlich wieder zuhört. 

Der Hype ist nicht vorbei

Seit die Pandemie den Planeten gelähmt hat, seit Streiks nicht mehr möglich waren, kurz nachdem "Fridays For Future" 1,4 Millionen Menschen in ganz Deutschland auf die Straße gebracht hatte, davon allein 270.000 in Berlin, seitdem hatte die Bewegung ihr wichtigstes Druckmittel verloren: Den wütenden Protest, gleich vor den Bürofenstern der Politiker und Großkonzernen. Es wurde stiller um "Fridays For Future". Manch einer vermutete schon: Der Hype ist vorbei. 

Ist er nicht, das hat der Freitag in Berlin gezeigt. 

"Ein Mega-Erfolg"

Am Nachmittag leert sich der Platz der Republik. Neubauer und Thunberg sind schon weg, das Programm beendet, da stehen Samira Ghandour, 17, Elftklässlerin, und Linus Dolder, 18, kurz vor dem Abi, noch ein bisschen herum und reden. Ghandour hat den Protest in Berlin mit geplant, Dolder engagiert sich bei "Fridays For Future" in der bundesweiten Organisation.

Beide grinsen.

"Wir haben es gehofft, aber niemals erwartet, dass hier heute so viele Leute kommen", sagt Ghandour. "Das ist echt einfach ein Mega-Erfolg", sagt Dolder. 

Und das, sagen sie, sei ja auch erst wieder der Anfang gewesen.

tkr

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