Von Polizeikugel getroffen Schuss auf Mädchen: Experte rät zu modernen Bodycams

In diesem Mehrfamilienhaus in Bochum-Hamme hat sich der Einsatz abgespielt. (Archivbild) Foto: Christoph Reichwein/dpa
In diesem Mehrfamilienhaus in Bochum-Hamme hat sich der Einsatz abgespielt. (Archivbild) Foto
© Christoph Reichwein/dpa
Von dem eskalierten Polizeieinsatz gegen eine Zwölfjährige gibt es keine Videos, nur widersprüchliche Zeugenaussagen. Mit moderner Technik könnte man solche Situationen womöglich verhindern.

Nach dem Schuss der Polizei auf eine Zwölfjährige in Bochum regt Polizeiwissenschaftler Rafael Behr die Anschaffung moderner Bodycam-Systeme für die Einsatzkräfte an. "Es gibt technische Möglichkeiten, dass die Bodycam automatisch aktiviert wird, wenn ein Polizist seine Dienstwaffe, den Schlagstock oder das Pfefferspray in die Hand nimmt", sagte Behr, der bis 2024 Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei Hamburg war.

Bei dem Einsatz in einer Bochumer Wohnung gegen die Zwölfjährige waren die Kameras, die alle Polizisten in Nordrhein-Westfalen an ihren Uniformen tragen, ausgeschaltet. Gerade in Wohnungen dürfen Polizisten ihre Bodycam nur einschalten, wenn sie davon ausgehen müssen, dass dies zum Schutz gegen eine dringende Gefahr für Leib oder Leben erforderlich ist.

"Wenn aber unvermittelt eine Gefahrensituation entsteht - wie es womöglich in diesem Fall war - denkt kaum ein Polizist als Erstes daran, schnell die Bodycam einzuschalten", sagte Behr. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn es dafür einen technischen Automatismus gäbe.

Aufklärung wird ohne Videoaufnahmen schwierig

Ohne Videoaufnahmen werde es nun sehr schwer, objektiv aufzuklären, ob der Schuss der Polizei auf die Zwölfjährige angemessen war oder nicht, sagte der Polizeiwissenschaftler. "Eindeutige Hinweise, dass die Polizisten sich in einer Notwehrsituation befunden haben, habe ich bislang nicht gehört."

Außerdem müssten Polizisten noch intensiver darin geschult werden, wie man angemessen auf Bedrohungen reagieren könne. "Sie dürfen nicht immer nur Worst-Case-Szenarien trainieren, bei denen ein Angreifer aus weniger als sechs Metern mit einem Messer auf sie zustürmt", sagte Behr. Es gebe bei weniger dramatischen Bedrohungen häufig auch die Möglichkeit, sich aus Situationen zunächst einmal rauszuziehen.

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Mädchen soll Polizei mit Messern angegriffen haben

Die Zwölfjährige war bei dem Einsatz in der Nacht zum 17. November im Bereich der Brust getroffen und mit zunächst lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen die Beamten zuvor mit zwei Messern in der Hand angegriffen hatte.

Der Anwalt des Mädchens hat an dieser Schilderung große Zweifel und beruft sich dabei auf Aussagen der Familie. Nach zwei Operationen war die Zwölfjährige nach Angaben des Innenministeriums zuletzt "wach und ansprechbar".

dpa

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