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Katastrophe im Ahrtal ADD-Mitarbeiter: Hatten in Flutnacht kein Lagebild

Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr steht im Ahrtal im Ortsteil Walporzheim vor zerstörten Häusern. Foto: Thomas Frey/dpa/Archivbi
Ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr steht im Ahrtal im Ortsteil Walporzheim vor zerstörten Häusern. Foto
© Thomas Frey/dpa/Archivbild
Was wusste die für Katastrophenschutz zuständigen Landesbehörde ADD in der Flutnacht? Das will der Untersuchungsausschuss von mehreren ADD-Beschäftigten wissen. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Behörde die Einsatzleitung hätte übernehmen müssen.

In der Flutnacht versuchten sie vergeblich Hubschrauber für Menschen in größter Not zu organisieren - hatten aber kein Bild vom Ausmaß der Katastrophe im Ahrtal. So schilderten mehrere Beschäftigte der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) die Nacht in der Landesbehörde in Trier. Erst am Abend des nächsten Tages sei ihm klar gewesen, dass es ein "katastrophales Ereignis" im Ahrtal gegeben habe, berichtete der Leiter der ADD-Koordinierungsstelle, Fabian Schicker, am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei ihm erst Stück für Stück über mehrere Tage klar geworden.

ADD-Sachbearbeiter Thomas Friedrich aus der am frühen Abend der Flutnacht einberufenen Koordinierungsstelle sagte, ihm sei am Mittag des nächsten Tages - also am Donnerstag (15. Juli) - aus den Nachrichten klar geworden, dass die Lage im Kreis Ahrweiler eskaliert war. Sein Kollege Bernd Dochow antwortete auf die Frage, wann ihm persönlich klar geworden sei, dass die Lage eskalierte und er es mit einer nie da gewesenen Katastrophe zu tun hatte: "Am Freitag." (16. Juli). Daniela Schmitt, die in der Nacht Rufbereitschaft hatte und in den betroffenen Landkreisen unterwegs war, sah auch "keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Lage so entwickelt, wie sie sich entwickelt hat". Das Ausmaß der Katastrophe sei ihr auch erst Donnerstag oder Freitag klar geworden.

Trotz der Menschen, die auf dem Campingplatz im Dorsel auf einem Wohnwagendach auf Rettung warteten und mehrerer eingestürzter Häuser im Ahrort Schuld habe sich in der Flutnacht die Lage im Kreis Ahrweiler "nicht wesentlich dramatischer dargestellt" als in den anderen sieben von den Wassermassen betroffenen Kreisen, sagte Schicker. Die meisten Anforderungen seien vielmehr aus dem Kreis Trier-Saarburg gekommen und außer dem Kreis Ahrweiler habe auch der Kreis Bitburg-Prüm Hubschrauber angefordert. "Wir sind in der Nacht von allen Kreisen relativ gleichmäßig in Anspruch genommen worden."

"Es war sehr schwer, ein Lagebild in der ersten Nacht zu bekommen", sagte Schicker. Die Informationen hätten telefonisch abgefragt werden müssen und dies habe sehr lange gedauert. Erst gegen 5.00 Uhr am nächsten Morgen habe er aus dem Polizeipräsidium Koblenz einen Lagebericht bekommen - mit einem unbestätigten Todesfall und 50 bis 70 Vermissten.

Es habe in der Nacht zu keinem Zeitpunkt Hinweise gegeben, dass die Landkreise nicht in der Lage gewesen wären, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, sagte der 29-Jährige Brandrat. "Für mich hat sich in der Nacht nie die Frage aufgedrängt, ob das Land jetzt die Einsatzleitung übernehmen müsste." Eine Übernahme der Einsatzleitung in der ersten Nacht hätten seines Erachtens auch keine Handlungsmöglichkeiten gebracht, "die wir nicht auch so gehabt hätten", sagte Schicker. Dass es Probleme mit der Informationsbeschaffung und Weitergabe der Informationen aus dem Kreis Ahrweiler gegeben habe, sei ihm nicht bewusst gewesen, berichtete der Zeuge Dochow.

Am späten Donnerstagabend sollte Referatsleiter Heinz Wolschendorf zum zweiten Mal gehört werden. ADD-Chef Thomas Linnertz und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) sind am Freitagnachmittag erneut geladen.

Bei der Flutkatastrophe vor rund 14 Monaten waren mindestens 135 Menschen im nördlichen Rheinland-Pfalz ums Leben gekommen, darunter 134 im Ahrtal. 766 Menschen wurden verletzt. Auf einer Länge von 40 Kilometern an der Ahr wurden Straßen, Brücken, Gas-, Strom- und Wasserleitungen und rund 9000 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Allein im Ahrtal sind rund 42.000 Menschen betroffen, landesweit etwa 65.000. Viele leben noch immer in Ausweichquartieren.

dpa

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