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Debatte um sozialen Pflichtdienst Ich bin Millennial. Heute wünsche ich mir, man hätte mich damals zum Sozialsein gezwungen

Die Hand einer Pflegefachkraft liegt auf der Hand einer Bewohnerin des Seniorenheims
Pflege im Altenheim als "Dienst an der Gesellschaft" – Ein sozialer Pflichtdienst, da ist sich unser Autor sicher, hätte ihn gezwungen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen (Symbolbild)
© Sina Schuldt / DPA
Als unser Autor 19 Jahre alt war, wusste er nicht weiter. Heute, zehn Jahre später, wünscht er sich, es hätte einen sozialen Pflichtdienst gegeben. Ein Plädoyer von der Vergangenheit an die Zukunft.

Anmerkung des Autors: Dieser Artikel erschien ursprünglich am 19.Juni. Damals hatte Bundespräsident Steinmeier die Debatte zum sozialen Pflichtdienst (erneut) ins Rollen gebracht. Nun ist das Thema offensichtlich ein Dauerbrenner: Am Samstag hat sich auch die CDU  auf ihrem Parteitag in Hannover für ein "verpflichtendes Gesellschaftsjahr" ausgesprochen. An meiner Meinung ändert das nichts.

Ich bin in einem komischen Alter. Als 29-jähriger Millennial empfinde ich mich in vielen Dingen nicht ansatzweise "erwachsen", fühle mich aber trotzdem schon zu 30, um Tiktok zu verstehen. Nun liegt meine Schulzeit dann doch "erst" eine Dekade zurück, sodass ich die Dreistigkeit aufbringe, mich trotz einsetzender ideologischer Vegreisung der Generation Z näher zu fühlen als manch ein erfahrenerer Kollege. Klar, die Welt rotiert mit jedem Jahr gefühlt etwas schneller, die Erwartungen an junge Menschen (es schmerzt beim Tippen) sind heute sicher ganz andere als noch vor zehn Jahren.

Es sei also gesagt: Diese Zeilen sind so subjektiv, wie sie nur sein können. Das im Hinterkopf, haben Sie Nachsicht mit mir, wenn ich sage: Heute wünsche ich mir, damals zum Sozialsein gezwungen worden zu sein.

Ich hätte hinaus in die Welt rennen können. Stattdessen blieb ich ratlos stehen

Köln, Ende Juni 2012. Ich war 19 Jahre alt – und noch nie so überfordert. Dabei hatte ich die besten Voraussetzungen: ein ansehnliches Abiturzeugnis, keinerlei finanzielle Sorgen und mehr Freiheit als ich je gekannt hatte. Ich hätte hinaus in die Welt rennen können. Stattdessen blieb ich ratlos stehen. Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht weiter, einfach aus dem Grund, weil ich es bis dahin nie musste. Als privilegiertes Vorstadtklischee hatte ich mich immer darauf verlassen, dass sich alles schon irgendwie ergeben, dass die Welt nur auf mich warten würde.

Ich würde Betriebswirtschaft studieren, parallel in den gut laufenden Dachdeckerbetrieb meines Vaters einsteigen und in ein paar Jahren selbst das Zepter übernehmen. Der Plan war nicht aus Logik heraus geboren, sondern speiste sich zu Teilen aus beflissener Pflichterfüllung, zu einem Teil aus der Aussicht, mit Anfang 20 einen BMW zu fahren. Handwerklich war und bin ich zu vernachlässigen. Der Satz "wenn du anpackst, ist es, als würden zwei loslassen" wäre fast schmeichelhaft. 

Nun starb mein Vater jedoch wenige Monate vor meinem Schulabschluss. So musste ich mir mit einem Mal Fragen stellen, über die ich mir nie ernsthaft Gedanken gemacht hatte: Was kann ich eigentlich? Und noch viel wichtiger: Was will ich eigentlich?

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Eine wohltuende Zwangserdung

Wie viele privilegierte Kinder verspürte ich einen immensen Druck. Ob der tatsächlich da war, oder ob ich ihn mir selbst auferlegte, weiß ich bis heute nicht. Doch das Gefühl zu stagnieren, zu versagen, "Potenzial zu verschwenden", war definitiv da und definitiv kein guter Ratgeber. Also begann ich – wie so viele – ein Studium, nur um zu studieren. Um das echte Leben auf Abstand zu halten. Bis ich herausgefunden hatte, was ich wirklich wollte, sollte es noch Jahre dauern.

Auf den Gedanken, anderen Menschen freiwillig zu helfen, kam ich nicht – weil ich es nicht musste. Der Wehr- und damit auch der Zivildienst war im Jahr zuvor abgeschafft worden. Heute wünsche ich mir von Herzen, man hätte mir diese Freiheit nie geschenkt. Den Dienst bei der Bundeswehr hätte ich verweigert – wenn auch nicht aus pazifistischen Gründen. Folglich hätte ich Zivildienst leisten müssen. Der hätte mich gezwungen, mich mit Menschen, noch schlimmer, mit der Realität auseinanderzusetzen. Ich war unselbstständig, empathielos, mit Sicherheit auch arrogant. Eine Zwangserdung hätte mir gutgetan, da bin ich mir absolut sicher.

Sozialer Pflichtdienst: weder "Zwangsarbeit" noch "gestohlene Zeit"

Nun gibt es tatsächlich aber viele junge Menschen, die meinem 19-jährigen Ich in Sachen Reife und Verantwortungsbewusstsein meilenweit voraus sind. Wie mein Kollege Leon Berent schreibt, stellen sich jedes Jahr rund 80.000 junge Menschen in diesen "Dienst der Gesellschaft" – freiwillig und meist unbezahlt. Doch ist diese Gruppe der Uneigennützigen zum einen offenbar nicht auf das Geld angewiesen. Denn, so ehrenwert ihr Engagement auch ist: Selbstlosigkeit muss man sich leisten können. Vor allem aber kommt es nicht auf diese Menschen an, die ja ganz offensichtlich bereits über den eigenen Tellerrand hinaussehen. Die mehr als 700.000 Jungen, die wie ich damals, nicht auf die Idee kommen, "etwas zurückzugeben", die gilt es zu erreichen.

Der Vorwurf, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wolle mit einer Zwangsmobilisierung junger Menschen die Versäumnisse der Politik in Sachen Pflegebranche ausgleichen, den kann man ihm sicherlich machen. Viel eher müsse der Staat echte Anreize für die Branche schaffen. Auch richtig. Aber könnte es nicht sein, dass sich so manch ein 18-Jähriger nach einem Jahr "Pflichtpraktikum" im Altenheim für ein Berufsleben in der Pflege entscheidet? Soll doch die Erfahrung als (ein) Anreiz, zumindest aber als ein Wegweiser dienen.

Schließlich werden wir in unserem Leben immer wieder zu Dingen gezwungen, die wir nicht wollen. Es gibt sie zuhauf, die Pflichten. Die Schulpflicht ist eine davon. Von "Zwangsarbeit" oder "gestohlener Zeit" ist da allerdings nicht die Rede. Warum also wäre das bei einer sozialen Pflichtzeit anders?

Der Gedanke, dass nur, wer nicht nach links und rechts, sondern immer geradeaus schaut, ans Ziel kommt, macht jeden von uns einsam. Mich hat es das zumindest.

Aber wie gesagt: Seien Sie bitte nachsichtig mit mir – ich war schließlich nie gezwungen, sozial zu sein.

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