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Nach Kritik von Böhmermann stern-Recherchen: Schon seit Jahren Probleme bei Partner-Firma von Viva con Agua

Benjamin Adrion, der Gründer der Hilfsorganisation Viva con Agua
Benjamin Adrion, der Gründer der Hilfsorganisation Viva con Agua
© Ulrich Perrey / Picture Alliance
Nach Vorwürfen von Jan Böhmermann ist das Netzwerk Viva con Agua für seine Zusammenarbeit mit dem Husumer Mineralbrunnen in die Kritik geraten. stern-Recherchen legen nahe, dass es schon seit Jahren Konflikte in dem Unternehmen gibt.

Vor einigen Tagen hatte Jan Böhmermann das Netzwerk Viva con Agua für die Zusammenarbeit mit dem Husumer Mineralbrunnen kritisiert. Dort gebe es weder Tarifbezahlung noch einen Betriebsrat. Viva con Agua reagierte und erklärte im stern-Interview, man hätte von dem Wunsch nach einem Betriebsrat nichts gewusst und es gebe keinen Tarifvertrag für Mineralbrunnen in Schleswig-Holstein. Der Husumer Abfüllpartner orientiere sich aber freiwillig an einem Tarifvertrag aus dem Nachbarland Niedersachsen. 

Gewerkschafter stellt Sicht von Viva con Agua in Frage 

Das sieht Philipp Thom anders. Er ist Geschäftsführer der  Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten  (NGG) für die Region Schleswig-Holstein Nord und beschäftigt sich seit 2018 mit dem Husumer Mineralbrunnen. "Es gibt in Schleswig-Holstein einen Tarifvertrag für Hersteller von Erfrischungsgetränken. Nach dem bezahlen in unserem Land auch die Fürst-Bismarck-Quelle und der Hella-Mineralbrunnen", sagt er dem stern. Der Husumer Mineralbrunnen "orientiere" sich jedoch am niedersächsischen Tarifvertrag. "Der ist, was die Bezahlung angeht, aber zufällig einer der schlechtesten bundesweit", sagt Thom.

Auf Anfrage, warum der Husumer Mineralbrunnen nicht wie die anderen in Schleswig-Holstein ansässige Getränkeproduzenten handelt, antwortet das Unternehmen: "Die genannten Unternehmen gehören beide zum Global Player Refresco. Dieser internationale Großkonzern verfügt über eine viel größere, internationale Marktmacht." Somit verfüge Refresco über eine "größere wirtschaftliche Potenz" als der in einer strukturschwachen Region gelegene, mittelständische Husumer Mineralbrunnen und könne deswegen nach Tarif bezahlen.

Es gibt also einen Tarifvertrag, der auch für den Husumer Mineralbrunnen zumindest infrage käme. Teile der Konkurrenz wenden diesen auch an. Das Husumer Unternehmen aber sieht sich dazu wirtschaftlich nicht in der Lage.

Zudem beschäftigt das Thema die Belegschaft des Husumer Mineralbrunnens bereits seit Jahren. Schon 2018 traten Mitarbeiter aus eigener Initiative der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bei, um sich zu organisieren. Das weiß ein ehemaliger Angestellter zu berichten, der anonym bleiben möchte. Der stern hat verifiziert, dass er für das Unternehmen arbeitete.

Verhinderte der Husumer Mineralbrunnen eine Betriebsratsgründung? 

Ihm zufolge sei einer Mitarbeiterin von den Inhabern "nahegelegt" worden, wieder aus der NGG auszutreten.Außerdem seien Aushänge für die Gründung eines Betriebsrats wiederholt entfernt worden. Angestellte sollen sich auch über fehlende Heizungen im Lager, Schichten von bis zu zehn Stunden sowie fehlenden Sommerurlaub beklagt haben. Auch davon weiß der ehemalige Mitarbeiter zu berichten. Der Husumer Mineralbrunnen äußert sich auf stern-Anfrage nicht zu den konkreten Vorwürfen. Man sei "stets bestrebt, die Arbeitsbedingungen zu verbessern". Schichten bis zu zehn Stunden seien die Ausnahme und würden ausbezahlt. Der mangelnde Urlaub im Sommer gehöre wegen der hohen Nachfrage in diesen Monaten leider zum Beruf dazu.

Die geschilderten Vorgänge spielten sich nach stern-Informationen maßgeblich zwischen Januar 2017 und 2018 ab. Der Ex-Mitarbeiter verließ das Unternehmen kurz darauf, auch aufgrund der Arbeitsbedingungen. Viva con Agua antwortet auf Anfrage, man habe "schriftliche Bestätigungen vorliegen", dass bis zum Ausscheiden des ehemaligen Inhabers 2017 und ab dem Einstieg des aktuellen Geschäftsführers Ende 2018 keine Wünsche nach einem Betriebsrat an die Chefetage herangetragen worden seien. Über die Zeit dazwischen könne man keine Angaben machen, doch auch in diesem Zeitraum arbeitete Viva con Agua mit dem Husumer Unternehmen zusammen.

Viva con Agua bemüht sich um Schadensbegrenzung

Aktuell führt Viva con Agua Mitgründer Benjamin Adrion zufolge Gespräche mit dem Mineralbrunnen und der Gewerkschaft NGG. Der Pressesprecher von Viva con Agua sagt dazu: "Gemeinsam möchten wir den konstruktiven Austausch zwischen der Gewerkschaft NGG und dem Husumer Mineralbrunnen weiter aufbauen. Dabei evaluieren wir verschiedene Möglichkeiten, beispielsweise den Abschluss eines Haustarifvertrages." Dafür sei aber die Voraussetzung, dass mehr Husumer Mitarbeiter der Gewerkschaft beiträten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, einer Mitarbeiterin sei von der Geschäftsleitung des Husumer Mineralbrunnens nahegelegt worden, wieder aus der Gewerkschaft auszutreten. Es soll sich dabei aber und die Inhaber gehandelt haben. Zudem spielten sich die Vorgänge zwischen 2017 und 2018 ab, nicht zwischen 2017 und 2019, wie es zunächst im Text stand. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert und bitten die Fehler zu entschuldigen. Zudem haben wir eine weitere Stellungnahme des Husumer Mineralbrunnens zu den Arbeitsbedingungen nach Erscheinen dieses Textes ergänzt.

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